«Rückführungspatenschaften» und «Corona-Diktatur» - «Unwört er» 2020 Von Oliver Pietschmann, dpa

12.01.2021 15:47

Corona reicht in fast alle Lebensbereiche und bringt sprachliche
Auswüchse mit sich. Wie schon beim «Wort des Jahres» spielt es auch
beim «Unwort» eine Rolle. Auch bei anderen Themen wird bei der
Wortwahl daneben gegriffen. Eine Jury will dem gerecht werden.

Darmstadt (dpa) - Erstmals sind bei dem «Unwort des Jahres» für 2020

gleich zwei Begriffe gekürt worden. Mit «Corona-Diktatur» und
«Rückführungspatenschaften» wählte die Jury der sprachkritischen

Aktion in Darmstadt am Dienstag ein Unwörter-Paar aus zwei
verschieden Themenbereichen. Das vergangene Jahr sei in bisher kaum
gekannter Weise von der Pandemie geprägt worden. Doch auch bei
anderen Bereichen gebe es inhumane und unangemessene Wörter. «Mit
«Rückführungspatenschaften» und «Corona-Diktatur» nehmen wir
Rücksicht darauf, dass Corona das dominierende Thema ist,
Sprachkritik aber auch in anderen Bereichen notwendig bleibt», sagte
die Sprecherin der Jury, Nina Janich, der Deutschen Presse-Agentur.

Der Begriff der «Corona-Diktatur» tauchte immer wieder bei
Demonstrationen von Gegnern der Corona-Einschränkungen auf Plakaten
auf, aber auch im Bundestag. «Wir haben in diesem Land die Freiheit
zu mühselig errungen, als dass wir sie an der Garderobe eines
Notstandkabinetts abgeben. Eine Corona-Diktatur auf Widerruf ist
keine Lösung. Wir müssen abwägen, auch um den Preis, dass Menschen
sterben», hatte der AfD-Fraktionschef Alexander Gauland im Oktober im
Bundestag gesagt.

Der insgesamt 21 mal vorgeschlagene Begriff der «Corona-Diktatur» sei
seit Beginn des öffentlichen Diskurses in der Pandemie von selbst
ernannten «Querdenkern» und rechten Propagandisten gebraucht worden,
um regierungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung zu diskreditieren,
urteilte die Jury. «Zudem verharmlost der Ausdruck tatsächliche
Diktaturen und verhöhnt die Menschen, die sich dort gegen die
Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf
nehmen oder fliehen müssen», heißt es in einer Mitteilung. Dies
erscheine umso problematischer - wie es in einer Einsendung heiße -
als dass dieses Schlagwort oft von denen verwendet werde, die «selbst
und zum Teil ganz offen auf die Abschaffung der bürgerlichen
Freiheiten und der sie repräsentierenden Verfassung zielen».

Der gleichberechtigte, insgesamt 41 mal vorgeschlagene Begriff
«Rückführungspatenschaften» findet sich im Sprachgebrauch eher
selten. Er taucht unter anderem in einer Mitteilung der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion unter dem Titel «Lasten fair verteilen.
Interessen aller EU-Mitgliedstaaten in der Asyl- und
Migrationspolitik zusammenbringen» auf. Hiermit sei von der
EU-Kommission ein neuer Mechanismus der Migrationspolitik bezeichnet
worden, heißt es von der Jury der sprachkritischen Aktion.

«Die EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sollen
ihrer «Solidarität» mit den anderen Mitgliedern der EU dadurch
gerecht werden, dass sie die Verantwortung für die Abschiebung
abgelehnter Asylbewerber übernehmen», heißt es in der Mitteilung. Das

Wort sei zynisch und beschönigend. Mit «Rückführung», so habe es
in
einer der Einsendungen geheißen, werde suggeriert, «dass Abschieben
eine gute menschliche Tat» sei.

Die EU-Kommission verteidigte ihr Konzept der
«Rückführungspatenschaften». Es handele sich um ein neues
Politik-Konzept und könne deshalb tatsächlich zu Verständnisfragen
führen, sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde. Grundsätzlich
könnten solche Rückführungspatenschaften jedoch ein «handfestes
Zeichen der Solidarität zwischen Mitgliedsstaaten» sein und zum guten
Migrationsmanagement in Europa beitragen. Das Konzept sei Teil von
Reformvorschlägen der EU-Kommission für eine neue Asyl- und
Migrationspolitik in Europa.

Die EU-Staaten sind bei diesem Thema seit Jahren tief zerstritten.
Einige Staaten wie Italien oder Griechenland fordern, dass andere
Länder ihnen Schutzsuchende abnehmen. Andere wie Ungarn oder
Tschechien lehnen es kategorisch ab, sich zur Aufnahme von Migranten
zu verpflichten. Das Konzept wird in der Praxis allerdings noch lange
nicht angewendet.

Die Corona-Pandemie war bei den Vorschlägen zum «Unwort» das
dominierende Thema der 1826 bis zum 31. Dezember eingegangenen
Einsendungen. Es gab 625 unterschiedliche Vorschläge. 75 der Wörter
entsprachen einem der vier Unwort-Kriterien.

Die sprachkritische Aktion «Unwort des Jahres» möchte mit ihrer
alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam
machen und so sensibilisieren. Dabei werden Wörter gerügt, die gegen
die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die
gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische,
verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind. Reine
Schimpfwörter zählen nicht. Vorschläge müssen eines der Kriterien
erfüllen. Die Jury richtet sich nicht nach der Menge der Vorschläge
für ein einzelnes Wort.

Das «Unwort des Jahres» wird seit 1991 gekürt. 2019 war es
«Klimahysterie». Bereits Ende November hatte die Jury der
Gesellschaft für deutsche Sprache «Corona-Pandemie» zum «Wort des
Jahres» 2020 gekürt.



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