Netflix-Serie «Tribes of Europa» zeigt ein düsteres Europa ohne EU Von Thomas Bremser, dpa

18.02.2021 08:00

«Tribes of Europa» ist die bisher wohl aufwendigste deutsche
Netflix-Produktion. In der Science-Fiction-Serie ist der Kontinent in
Mikrostaaten und Stämme zerfallen. Dennoch besteht Hoffnung.

Berlin (dpa) - Die EU liegt in Trümmern. Nach einem Cyberkrieg
zwischen den USA und Nordkorea und einem weltweiten Stromausfall
sterben im Dezember 2029 Millionen von Menschen. Die Überlebenden in
Europa zerfallen in Mikrostaaten mit eigener kulturellen Identität.
Die Idee der europäischen Einheit ist dahin. Die aufwendige deutsche
Science-Fiction-Serie «Tribes of Europa», die ab Freitag auf Netflix

zu sehen ist, zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft.

Dabei wirkt der Gedanke, jedes EU-Land denke zunächst an sich, recht
real, was etwa die Flüchtlingspolitik immer wieder verdeutlicht. Und
nach dem Austritt Großbritanniens hatten Politiker befürchtet, andere
Staaten könnten nachziehen. 

Die dystopische Netflix-Serie der «Dark»-Produzenten um Showrunner
Philip Koch zeigt, wo dies hinführen könnte. Die verschiedenen
Stämme, hier Tribes genannt, kämpfen um die Vorherrschaft. Im
Jahr 2074 kommt es dann zu einem Vorfall, der Europa verändert:
Ein Flugobjekt stürzt in den Wäldern ab, in denen die
naturverbundenen «Origines» leben. Die machthungrigen «Crows» sind

hinter der geheimnisvollen Fracht her und massakrieren dafür ganze
Dörfer.

Die friedfertigen Geschwister Liv, Kiano und Elja, die bei dem
Angriff voneinander getrennt werden, sind die Hauptpersonen der neuen
Netflix-Saga, die mit einem üppigen Szenenbild punktet. Der
interessanteste Handlungsstrang spielt im düsteren Brahtok, dem
früheren Berlin, wo Kiano (Emilio Sakraya) als Sklave in einer Fabrik
arbeiten muss.

Schnell wird Oberschurkin Varvara (von Melika Foroutan hervorragend
böse gespielt) auf den jungen Kämpfer aufmerksam und hält ihn als
privaten (Sex-) Diener. Er wiederum hofft, mit Hilfe von Varvara und
eines brutalen Menschenkampfes in Freiheit zu gelangen.

«Diese ganze Science-Fiction-Welt, in die ich für sechs Monate
eintauchen durfte, war faszinierend. Die Kälte, der Schlamm, den ich
abends mit nach Hause genommen habe, das werde ich so schnell nicht
vergessen», sagte Emilio Sakraya der Deutschen Presse-Agentur.

Der 24-Jährige, der auch als Sänger arbeitet und in Serien
wie «4 Blocks» oder «Warrior Nun» zu sehen war, bezeichnet 
«Tribes of
Europa» als «Monsterprojekt». Und dieses zielt, wie fast jede
Netflix-Serie, auf ein weltweites Streaming-Publikum.

Gedreht wurde (noch vor Corona) in Deutschland, Tschechien, Kroatien
und Südafrika. Auch der Cast ist vielfältig besetzt, immer wieder
wird Englisch gesprochen. «Netflix hat eine sehr zeitgemäße
Diversitätsklausel, das finde ich gut», erklärt die im Iran
geborene Foroutan («Der Mann mit dem Fagott», «KDD -
Kriminaldauerdienst»). «Zu oft wurde in der Vergangenheit in
deutschen Produktionen die Realität ignoriert, dass wir längst ein
Einwanderungsland sind.»

Mit so viel Einheit wie hinter den Kulissen kann die Serienrealität
im dystopischen Europa zu Beginn nicht dienen. Die sechs Folgen der
ersten Staffel (weitere sind bei guten Abrufzahlen wahrscheinlich)
sollen Foroutan zufolge aber Hoffnung geben. Dass die Menschen in
Notlagen zueinanderfinden.

Dazu passt ein Satz, den ein Armeechef seinen Soldaten in einer Szene
verkündet: «Die europäische Idee stirbt nie.»



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