Experte: Brexit könnte Modebranche zu mehr Nachhaltigkeit führen

21.02.2021 14:31

Der Brexit hat viele neue Hürden mit sich gebracht, die Unternehmen
zum Teil kalt erwischten. Die britische Mode-Branche gehört zu den
besonders gebeutelten. Doch Experten sehen darin auch Chancen.

Nottingham (dpa) - Der britische Mode- und Design-Experte Anthony
Kent hält die durch den Brexit entstandenen Hürden für die
Modebranche auch für eine Chance auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.
«Es könnte britische Marken dazu bringen, mehr zuhause zu
produzieren. Man muss mehr über die Lieferketten nachdenken», sagte
der Mode-Forscher von der Nottingham Trent Universität der Deutschen
Presse-Agentur. Im Sinne der Nachhaltigkeit sei das wünschenswert.
«Vielleicht wird es dadurch weniger Enthusiasmus für Fast Fashion
geben», sagte Kent.

Die britische Modebranche ist eine derjenigen, die besonders stark
mit den neuen Regeln nach dem Brexit zu kämpfen hat: Durch den
zwischen Großbritannien und der EU vereinbarten Handelspakt gilt zwar
prinzipiell zollfreier Handel - allerdings nur dann, wenn die
Produkte auch tatsächlich weitgehend in diesen Ländern produziert
werden und aus Materialien von dort bestehen. Im Modesektor, der viel
in Asien nähen lässt und nicht-heimische Rohstoffe verwendet, ist das
oft nicht der Fall. Wenn Kunden in der EU bei einem Modelabel in
Großbritannien Kleidung bestellen, werden daher teilweise
Zollgebühren fällig - für Verbraucher eine unangenehme Überraschung
.

«Unternehmen, die in Europa aktiv sind, haben dieses Problem sehr
plötzlich herausgefunden», sagte Kent. «Es ist nicht großartig
diskutiert worden, bevor der Brexit tatsächlich stattfand.»
Sicherlich werde es Betriebe geben, die stark darunter leiden oder
sogar untergehen könnten. Andere könnten Aktivitäten stärker in d
ie
EU verlagern - wie etwa der Sportbekleidungs-Hersteller JD Sports,
der die Eröffnung eines Standortes mit rund 1000 Beschäftigten in der
EU in Erwägung zieht.

Bekannte Vertreter der Branche, darunter Modedesignerin Vivienne
Westwood, haben die britische Regierung in einem offenen Brief
aufgefordert, den Sektor stärker zu unterstützen - wie es etwa bei
der Fischerei der Fall sei.

Großbritannien hat die Europäische Union bereits Ende Januar 2020
verlassen, danach gab es aber noch eine Übergangsphase. Seit Anfang
dieses Jahres ist der harte Schnitt nun vollzogen. Obwohl der
Brexit-Handelspakt weitgehend freien Warenhandel ermöglichen soll,
sind die Exporte aus dem Königreich auf den Kontinent eingebrochen.
Viele Unternehmen scheuen die aufwendigen Zollformalitäten und
notwendig gewordenen Kontrollen an den Grenzen.

Die Modebranche ist zusätzlich stark durch die Folgen der Pandemie
gebeutelt. Der Trend zum Online-Shopping führte dazu, dass
traditionelle Ketten in den Einkaufsstraßen wie Topshop nicht in
ihrer bisherigen Form überleben konnten. Online-Handelsplattformen
wie Asos oder Bohoo übernahmen mehrere Marken, darunter auch Topshop,
vom strauchelnden Kaufhauskonzern Arcadia, wollen jedoch nicht die
Filialen erhalten. Auch die London Fashion Week, üblicherweise ein
wichtiges Event im Terminkalender der Modebranche, muss wegen der
Pandemie derzeit ausschließlich online stattfinden.



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