Weidmann: Corona-Welle könnte Konjunkturerholung bremsen

01.04.2021 12:00

Das grassierende Coronavirus bremst die Erholung der Wirtschaft.
Vieles hängt vom Impftempo ab. Der Bundesbank-Präsident betont aber
auch: Nach dem Ende der Pandemie muss die Geldpolitik wieder
normalisiert werden.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Welle von Corona-Infektionen könnte nach
Einschätzung von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die erst vor drei
Wochen vorgelegten Konjunkturprognosen der EZB zur Makulatur machen.
«Aufgrund der aktuell stark steigenden Infektionszahlen könnte es bis
zur Lockerung der Schutzmaßnahmen länger dauern als in der
März-Prognose angenommen. Entsprechend würde sich auch die Erholung
der Wirtschaft verzögern», sagte Weidmann am Mittwochabend beim
Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. «Womöglich
wäre in diesem Fall die Prognose der BIP-Wachstumsrate für den
Euroraum im Jahr 2021 nicht mehr zu halten.»

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht in ihrem jüngsten
Basisszenario von einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im
Euroraum von 4,0 Prozent im laufenden Jahr aus. 2020 war die
Wirtschaftsleistung im gemeinsamen Währungsraum der 19 Staaten um 6,6
Prozent geschrumpft und damit so stark wie nie.

Auch wenn die Wirtschaft langsamer Fahrt aufnehmen sollte, könnte die
Preisentwicklung stärker als erwartet ausfallen, führte Weidmann aus.
Rohstoffpreise etwa hätten angezogen, was für «Aufwärtsrisiken fü
r
den Inflationsausblick» sorge. Seit Jahresbeginn sind die Ölpreise
stark gestiegen, zudem verteuerten sich Industriemetalle. «Wenn die
Unternehmen die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben, könnte
sich dies später auch auf der Stufe der Verbraucherpreise auswirken.»

Beim jüngsten Anstieg der Renditen für Euro-Staatsanleihen sieht
Weidmann keinen Handlungsbedarf für die EZB. Seiner Einschätzung nach
ist die Entwicklung vor allem von einer Verbesserung des
Wirtschaftsausblicks in den USA getrieben. «Nicht jeder Anstieg der
Zinsen auf den Kapitalmärkten ist geldpolitisch ein Problem», sagte
der Bundesbank-Präsident. Die Finanzierungskosten seien immer noch
auf einem «historisch niedrigen Niveau».

Weidmann bekräftigte, die Notprogramme der EZB in der Corona-Krise
müssten nach der Pandemie beendet werden. «Zudem muss der EZB-Rat die
sehr expansive Ausrichtung der Geldpolitik insgesamt zurückfahren,
wenn es die Preisaussichten erfordern», mahnte Weidmann, der Mitglied
im obersten Entscheidungsgremium der EZB ist. «Dann darf es nicht an
Entschlossenheit fehlen, auch wenn mit den Zinsen die
Finanzierungskosten der Staaten steigen.»



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