Fränkische Turbinen für Orkney-Inseln - EU fördert Gezeitenstrom

03.04.2021 05:30

Sauberer Strom soll in Europa nicht mehr nur von Windrädern und
Solaranlagen kommen. Die EU will die Kraft des Meeres nutzen. Ein
Modellprojekt geht in Kürze in Schottland in Betrieb - mit in
Deutschland hergestellten Tidenturbinen als Herzstück.

Schweinfurt (dpa) - Vor der Küste der Orkney-Inseln soll in Kürze ein
ehrgeiziges europäisches Modellprojekt zur Gewinnung sauberen Stroms
aus Meereskraft in Betrieb gehen. Angetrieben wird das schwimmende
schottische Gezeitenkraftwerk von zwei in Franken entwickelten
hergestellten Tidenturbinen des Lagerherstellers SKF, der sich damit
ein neues Geschäft erschließen will. «Wir glauben, dass wir in drei
bis fünf Jahren in die kommerzielle Phase der Serienproduktion kommen
können», sagte SKF-Deutschlandchef Martin Johannsmann der dpa in
Schweinfurt. «Momentan sind wir noch im Prototypenstadium.»

Herkömmliche Gezeitenkraftwerke funktionieren ähnlich wie
Wasserkraftwerke an Binnengewässern - die Strömung treibt in einer
Staumauer installierte Turbinen an. Die riesigen Mauern
beeinträchtigen jedoch sowohl Tier- und Pflanzenwelt als auch das
Landschaftsbild. Das neuartige Gezeitenkraftwerk «Orbital O2» des
schottischen Startups Orbital Marine Power sieht anders aus und soll
insbesondere verträglich für die Fischwelt sein.

Unter einem 72 Meter langen, zigarrenförmigen Schwimmkörper sind die
SKF-Turbinen mit einer Leistung von zwei Megawatt in etwa 15 Meter
Tiefe an zwei langen Armen befestigt. «Die EU-Kommission will 2025
100 Megawatt Strom mit Tidenturbinen erzeugen, 2030 ein Gigawatt»,
sagte Johannsmann. «Da werden dann schon hunderte solcher Anlagen
interessant.» Die Anlage ist mit Ketten am Meeresboden verankert, der
Strom wird über ein Kabel an Land eingespeist.

Die deutsche SKF ist eine Tochter des gleichnamigen schwedischen
Kugellagerkonzerns, der weltweit etwa 44 000 Mitarbeiter beschäftigt.
Der Manager erläutert das Interesse von SKF an der Technologie: «Wie
mache ich aus Strömung Strom? Ich brauche etwas Drehendes, und
überall, wo sich etwas dreht, brauchen Sie ein Lager.»

Dass das Gezeitenkraftwerk vor den Orkney-Inseln installiert wird,
hat einen natürlichen Grund: Dort ist der Tidenhub besonders groß,
und damit die Strömung besonders stark. «Der Grund, dass es so etwas
bisher nicht gibt, ist die sehr lebensfeindliche Umgebung», sagt
Johannsmann.

«Bisher war die Menschheit noch nicht in der Lage, etwas zu bauen,
was diesen Kräften nicht nur widersteht, sondern auch Energie daraus
gewinnt.» Die Turbinen müssen nach Worten des SKF-Chefs «megarobust
sein, gegen Salzwasser, gegen Sturm et cetera, aber das Schlimmste
ist die Strömung».

Die EU-Kommission hat im November ihre Strategie für den Ausbau der
Offshore-Energie vorgelegt, neben den neuen Gezeitenkraftwerken
werden schwimmende Solarkraftwerke, schwimmende Windanlagen und
Wellenkraftwerke getestet. «Meeresenergietechnologien könnten bis
2030 einen wesentlichen Beitrag zum Energiesystem und zur Industrie
Europas leisten», heißt es in dem Dokument.

«Wir sind beim Thema Tidenturbinen jetzt in etwa so weit wie bei der
Windkraft vor 35 Jahren, als es die ersten öffentlich geförderten
Prototypen wie die Modellanlage Growian gab», sagt Johannsmann dazu.
Die Lebensdauer der Tidenturbinen sei auf 20, 30 Jahre ausgelegt.
«Man muss einfache Wartungen vor Ort machen können. Für größere
Wartungen können Sie die Zigarre von den Ankerketten trennen und an
Land schleppen, dafür braucht man kein Spezialschiff. Deswegen sind
die Wartungskosten relativ günstig.»

Als potenzielle Standorte für Tidenturbinen in Frage kommen Küsten
mit ausgeprägtem Tidenhub. «In Europa gut geeignet sind vor allem
Schottland und alles rund um die britischen Inseln, aber auch die
französische Atlantikküste», sagt Johannsmann. «Das nördliche
Seegebiet zwischen China und Korea wären auch sehr gut geeignet,
ebenso die Ostküste der USA und Kanadas. Es sind wahrscheinlich ein
Dutzend Regionen rund um die Welt.»



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