EMA empfiehlt Astrazeneca-Impfstoff weiter - Briten schränken ein

07.04.2021 19:42

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) sieht in seltenen Fällen
von Blutgerinnseln eine Nebenwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs.
Trotzdem empfiehlt sie das Präparat weiter uneingeschränkt.
Impfkommissionen in Europa gehen unterschiedlich damit um.

London/Amsterdam (dpa) - Die Überprüfungen seltener Fälle von
Blutgerinnseln nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff durch
Experten in der EU und Großbritannien haben am Mittwoch überraschende
Ergebnisse erbracht. Während die Europäische Arzneimittelbehörde
(EMA) zwar feststellte, dass es sich um Nebenwirkungen des Vakzins
handelt, nahm sie keine Änderung an ihrer uneingeschränkten
Empfehlung für den Impfstoff vor. Die britische Impfkommission JCVI
(Joint Committee on Vaccination and Immunisation) wollte sich
hingegen nicht festlegen, was die Ursache der Blutgerinnsel ist. Sie
passte aber ihre Empfehlung für Menschen unter 30 Jahren an, die nun
ein anderes Vakzin verabreicht bekommen sollen. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO sprach sich am Mittwochabend wie die
EMA für die weitere Verwendung des Impfstoffs aus.

In Deutschland hat die EMA-Empfehlung voraussichtlich keine
unmittelbaren Auswirkungen auf die Entscheidung der ständigen
Impfkommission (Stiko), die den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt für
Menschen ab 60 Jahren empfohlen hatte. Was die EMA gemacht habe,
könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte Stiko-Mitglied
Christian Bogdan am Mittwoch. «Aber das, was die Stiko gemacht hat,
kann man sicherlich genauso rechtfertigen.» Belgien will zunächst nur
noch Personen über 55 Jahren mit dem Präparat impfen, wie die
Gesundheitsminister des Landes nach Angaben mehrerer Medien am
Mittwoch entschieden.

In Großbritannien sind nach Angaben der Arzneimittelbehörde
MHRA bislang 79 Fälle von seltenen Blutgerinnseln nach Impfungen mit
dem Astrazeneca-Präparat aufgetreten. Dabei kam es zu 19 Todesfällen.
Junge Menschen sind dabei überproportional stark betroffen. Ein
direkter Zusammenhang mit dem Impfstoff konnte laut Impfkommission
zwar noch nicht nachgewiesen worden. Aber angesichts des geringeren
Risikos für jüngere Menschen, an Covid-19 zu sterben, habe man diese
Abwägung getroffen, hieß es.

«Dies ist ein Kurswechsel», sagte der medizinische Regierungsberater
Jonathan Van-Tam. «Wir hoffen nicht, dass er zu weniger Vertrauen in
die Impfstoffe führt.» Die Vorteile des Impfstoffs würden weiterhin
die Risiken für die allermeisten Menschen überwiegen. Außerdem werde

man jegliche Nebenwirkungen weiterhin sehr sorgfältig überwachen und
prüfen. Premierminister Boris Johnson betonte, Menschen jeden Alters
könnten durch die aktualisierte Empfehlung der Experten volles
Vertrauen in die Impfstoffe haben.

Die Experten der EMA stellten einen Zusammenhang zwischen Impfstoff
und Thrombosen fest, wenn gleichzeitig eine sehr geringe Zahl von
Blutplättchen vorhanden war. Dies trete allerdings sehr selten auf.
Die Behörde hält damit weiterhin an ihrer Bewertung des Präparates
fest. «Der Nutzen des Wirkstoffes bei der Bekämpfung von Covid-19 ist
deutlich höher zu bewerten als die Risiken», sagte EMA-Chefin Emer
Cooke am Mittwoch in Amsterdam.

Auch die WHO betonte den Kosten-Nutzen-Faktor bei der Verwendung des
Impfstoffs. Bei weltweit inzwischen 200 Millionen mit Astrazeneca
geimpften Menschen seien die problematischen Vorfälle sehr selten.
Demgegenüber seien inzwischen 2,6 Millionen Menschen im Zusammenhang
mit Covid-19 gestorben.

Unklar ist, was für Folgen die EMA-Entscheidung nun für die Impfungen
in den EU-Mitgliedstaaten haben wird. Mehrere EU-Länder, darunter
Deutschland, hatten zuvor den Einsatz des Impfstoffes auf Personen ab
60 Jahre eingeschränkt. Konkret geht es vor allem um seltene Fälle
von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen nach einer
Astrazeneca-Impfung. In Deutschland gab es 31 Verdachtsfälle.

Daraufhin hatte die EMA im März eine Expertengruppe eingesetzt. Sie
hatte zunächst keinen Zusammenhang mit der Impfung festgestellt. Die
Untersuchung war aber fortgesetzt worden. Die Experten vermuten, dass
es sich um eine sehr seltene Immun-Reaktion handelt. Die meisten
Fälle waren den Angaben zufolge etwa zwei Wochen nach der Impfung
aufgetreten. Anders als in Großbritannien stellten die EMA-Experten
keine besonderen Risikofaktoren wie Alter oder Geschlecht fest.

Geimpften riet die EMA, auf die entfernte Möglichkeit der sehr
seltenen Blutgerinnsel zu achten. Bei entsprechenden Symptome sollten
sie sofort medizinischen Rat einholen, hieß es weiter. Der Impfstoff
mit dem Marktnamen Vaxzevria hatte Ende Januar eine bedingte
Marktzulassung für die EU erhalten. Danach ist der
britisch-schwedische Hersteller weiterhin verpflichtet, alle Daten zu
möglichen Nebenwirkungen weiterzuleiten.

Die Häufigkeit gemeldeter Zwischenfälle mit Blutgerinnseln im Gehirn
gaben die EMA-Experten am Mittwoch mit ungefähr 1 je 100 000 an. Es
hänge sehr davon ab, wie gut die Meldesysteme seien. So liege der
Wert in Deutschland bei 1 zu 100 000, in Großbritannien jedoch
deutlich niedriger.



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