Stiko bleibt bei Astrazeneca-Bewertung - Wie reagieren die EU-Länder?

08.04.2021 05:00

Der Nutzen ist höher zu bewerten als das Risiko - das sagt die
EU-Arzneimittelbehörde zu Astrazeneca. Von einem einheitlichen
Vorgehen im Umgang mit dem Corona-Vakzin sind die EU-Länder aber weit
entfernt. Auch Deutschland lässt weiterhin lieber Vorsicht walten.

Berlin/Brüssel (dpa) - Trotz der Entscheidung der
EU-Arzneimittelbehörde EMA zur uneingeschränkten Anwendung von
Astrazeneca wird der Corona-Impfstoff in manchen Länder weiter nur
älteren Bürgern geimpft - auch in Deutschland. Was die EMA gemacht
habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte der
Infektionsimmunologe Christian Bogdan bei einer Online-Diskussion des
Science Media Centers am Mittwochabend. «Aber das, was die Stiko
gemacht hat, kann man sicherlich genauso rechtfertigen», meinte
Bogdan, der Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist.

Die Stiko hatte den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt erst ab 60 Jahren
empfohlen. Grund war unter anderem das Auftreten von
Hirnvenenthrombosen bei 1 bis 2 unter 100 000 geimpften jüngeren
Frauen in Deutschland. Es gab auch wenige Fälle bei Männern in
Deutschland - jedoch wurden bisher bundesweit 2,5 Mal mehr Frauen das
erste Mal mit Astrazeneca geimpft. Bogdan sagte, die EMA-Entscheidung
werde sicher ein Thema in einer der nächsten Stiko-Sitzungen werden.

EU-Gesundheitskommissarin Stelle Kyriakides rief die EU-Staaten bei
einer Videokonferenz der nationalen Gesundheitsminister am
Mittwochabend zu einem abgestimmten Vorgehen auf, um das öffentliche
Vertrauen zu stärken. «Unsere Entscheidungen sollten nun auf der
wissenschaftlichen Arbeit der EMA beruhen, und einer gründlichen,
fortlaufenden Bewertungen der Risiken und Vorteile.» Auch der
portugiesische Vorsitz der EU-Staaten forderte die Mitgliedsstaaten
zu einer möglichst abgestimmten Position auf. Portugals
Gesundheitsministerin Marta Temido sagte: «Das ist eine technische
Entscheidung. Es ist keine politische Entscheidung.» Man dürfe nicht
vergessen, dass einzelne Entscheidungen sich auf alle auswirkten.

In den ersten Ländern wurden nach der EMA-Mitteilung vom
Mittwochnachmittag bereits Entscheidungen zur weiteren Verwendung des
Astrazeneca-Präparats getroffen. Italien änderte seine Richtlinien -
Astrazeneca wird nun wie in Deutschland nur noch für über 60-Jährige

empfohlen. Das gab der Präsident des obersten Gesundheitsinstituts
(CTS), Franco Locatelli bekannt. In Österreich sprach sich das
nationale Impfgremium dafür aus, der EMA-Empfehlung zu folgen.

Unterdessen zeigte sich der Virologe Hendrik Streeck überrascht über
die Empfehlung der Stiko, Menschen in Deutschland nach einer Impfung
mit Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna
anzubieten. «Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich
hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten,
ob die Studien erfolgreich sind», sagte er der «Fuldaer Zeitung»
(Donnerstag). Er halte es aber für eine «nachvollziehbare»
Entscheidung, Astrazeneca bei Menschen unter 60 Jahren nicht mehr zu
impfen - auch wenn der Impfstoff an sich gut und sicher sei.

Die Stiko hatte empfohlen, dass Menschen unter 60 Jahren, die bereits
eine erste Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca erhalten
haben, bei der zweiten Impfung auf ein anderes Mittel umsteigen
sollen. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko einer
Hirnvenenthrombose jüngere Menschen betrifft. Die Stiko riet, als
zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen. In Deutschland
sind die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen.

Bereits am Mittwoch wollte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit
seinen Länderkollegen eigentlich auch über die Zweitimpfungen für
junge Leute beraten, die mit dem Wirkstoff von Astrazeneca geimpft
wurden. Über ein Ergebnis wurde aber zunächt nichts bekannt.

Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, sagte der «Rheinischen
Post» (Donnerstag) zu der Empfehlung zur Zweitimpfung: «Der Schutz
gegen Covid-19 nimmt bei einmaliger Astrazeneca-Impfung nach gewisser
Zeit ab.» Mertens meinte, dass es bei einer Zweitimpfung mit einem
anderen Impfstoff sogar zu einer besseren Schutzwirkung kommen könne.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfahl am Mittwoch uneingeschränkt
die Anwendung von Astrazeneca. Der Nutzen sei höher zu bewerten als
die Risiken, erklärte die EMA in Amsterdam. Die britische
Impfkommission änderte dagegen ihre Empfehlung: Das Präparat soll
künftig möglichst nur noch über 30-Jährigen verabreicht werden.

Stiko-Chef Mertens sagte zudem der «Augsburger Allgemeinen»
(Donnerstag), dass die Stiko und das Robert Koch-Institut Vorschläge
prüfen wollten, für eine größere Anzahl an Erstimpfungen den Abstan
d
zur Zweitimpfung bei Mitteln von Biontech und Moderna zu verlängern.
«Stiko und RKI beschäftigen sich intensiv auch mit dieser Frage und
wollen zu einer wissenschaftlich begründbaren Stellungnahme kommen.»

Der Virologe Klaus Überla, der ebenfalls der Stiko angehört, zeigte
sich allerdings skeptisch. «Hinweise auf eine nachlassende
Wirksamkeit beginnend sechs Wochen nach einer Biontech mRNA
Immunisierung sprechen aus meiner Sicht gegen diesen Vorschlag»,
sagte er der «Augsburger Allgemeinen». Die Stiko empfahl zuletzt
einen Abstand von sechs Wochen bei Biontech und Moderna für die
Zweitimpfung. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und andere
Wissenschaftler hatten am Osterwochenende einen Kurswechsel hin zu
möglichst vielen kurzfristigen Erstimpfungen gefordert.



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