Friedensnobelpreis an die EU: Haiku-Gedichte gegen eisige Kälte Von Thomas Borchert und Michael Donhauser, dpa
09.12.2012 15:25
Europaparlamentspräsident Martin Schulz sieht den Friedensnobelpreis
an die EU auch als Mahnung, das «Erbe der Gründungsväter nicht zu
verspielen». Am Montag kann die Union den prestigeträchtigsten Preis
der Welt in Oslo in Empfang nehmen.
Oslo (dpa) - Bei eisiger Kälte steht am Montag in Oslo die wohl
wärmste Ehrung in der Geschichte der Europäischen Union für ein
gelungenes europäisches Friedensprojekt an. Wenn EU-Ratspräsident
Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und
Parlamentspräsident Martin Schulz stellvertretend für die 27
Mitgliedsländer den Friedensnobelpreis in Empfang nehmen, sind vor
dem festlich geschmückten Rathaussaal der norwegischen Hauptstadt
klirrende Minusgrade angesagt.
Nach der Ankunft am Sonntag versuchte Van Rompuy, die Herzen der
euroskeptischen Norweger mit einem eigens für das Gästebuch des
Nobelkomitees gefertigten Haiku-Kurzgedicht zu wärmen: «Auf Krieg
folgte Frieden und ließ Nobels ältesten Traum wahr werden», dichtete
Van Rompuy sinngemäß.
Auch außerhalb von Oslo waren die Reaktionen auf die Vergabe des
prestigeträchtigsten Preises der Welt an die EU in den zwei Monaten
seit der Bekanntgabe teilweise kühl ausgefallen. Nicht zuletzt beim
Premierminister des wohl derzeit EU-kritischsten Mitgliedslandes
Großbritannien, David Cameron. Der verweigert sich Van Rompuys
Einladung zur Teilnahme an der Preisverleihung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François
Hollande dagegen trotzen allen Schnee- und Kälteunbillen und haben
sich für die Feier in Oslo als zwei von etwa 20 Staats- und
Regierungschefs aus EU-Ländern in Norwegen angesagt.
Die norwegische Bevölkerung hat sich schon bei zwei
Volksabstimmungen 1972 und 1992 dem Wunsch ihrer Regierung nach einem
Beitritt zur Union verweigert. Derzeit ist die Ablehnung einer
Mitgliedschaft den Demoskopen zufolge mit Mehrheiten von zuletzt 72,4
Prozent hoch wie nie zuvor. Noch am Sonntag verwiesen die EU-Granden
darauf, wie eng doch die Partnerschaft Norwegens mit der EU ist -
enger als die zwischen manchen Mitgliedsländern, wie
Kommissionspräsident Barroso süffisant bemerkte.
Nobelkomiteechef Thorbjörn Jagland, seit Jahrzehnten erklärter
EU-Anhänger, und sein Komitee hatten im Oktober bei ihrer
Entscheidung europafreundliche Brillen auf und zeichneten die Union
«für ihre stabilisierende Rolle (...) bei der Verwandlung Europas von
einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens» aus.
Ausdrücklich ging das Komitee auch auf aktuelle Probleme wie die
Finanzkrise und die zunehmende Spaltung innerhalb der Union ein: «Die
EU erlebt derzeit ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und
beachtliche soziale Unruhen.» Gerade deshalb wollte das Komitee den
Blick auf das lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU
sieht: «den erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöhnung und für
Demokratie sowie die Menschenrechte».
EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnte, das Erbe der
Gründerväter dürfe nicht verspielt werden. «Kein Land ist alleine
stark genug», sagte er wohl auch in Richtung Großbritannien, wo in
jüngster Zeit mehr und mehr das Wort «Austritt» die Runde machte. Die
Europäische Union sei «zur reichsten Region der Welt» gereift. Es
dürfe keinesfalls zugelassen werden, dass von Diktaturen geführte
Länder erfolgreicher würden als Demokratien. «Dann ist die Demokratie
in Gefahr», mahnte Schulz.
Kritiker der Preisverleihung an die EU, wie etwa der
südafrikanische Bischof und Friedensnobelpreisträger von 1984,
Desmond Tutu, können nicht erkennen, was die Union denn aktuell für
Frieden und Abrüstung leistet. «Die EU strebt nicht nach der
Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär. Die
EU und ihre Mitgliedsländer gründen kollektive Sicherheit weit mehr
auf militärischen Zwang und die Durchführung von Kriegen als auf die
Notwendigkeit eines alternativen Herangehens», hieß es in einem von
Tutu mitunterzeichneten Protestschreiben an die Nobelstiftung.
