Homestories und ein Stinkefinger - Varoufakis im Fokus Von Tim Braune und Takis Tsafos, dpa

15.03.2015 23:36

Erstmals spricht der schillernde griechische Finanzminister
Varoufakis im Live-TV zu den Deutschen. Es geht zur Sache - vor allem
bei der Frage, ob der Grieche auf einem älteren Video Berlin den
Stinkefinger gezeigt hat.

Athen/Berlin (dpa) - Gianis Varoufakis tritt so lässig auf wie immer.
Schwarzes Jackett, weißes Hemd aus der Hose, so sitzt der griechische
Finanzminister am Sonntagabend vor einer Bücherwand in Athen. Er ist
live in die ARD-Talkrunde von Günther Jauch zugeschaltet. Erstmals
hat Varoufakis so die Chance, sich persönlich an ein
Millionenpublikum in Deutschland zu wenden - nicht unwichtig,
schließlich sind die Steuerzahler Athens größte Gläubiger.

Varoufakis und der im Berliner Studio sitzende bayerische
Finanzminister Markus Söder (CSU) spielen sich die Bälle zu - jeder
bleibt im Schuldenstreit bei seinen Positionen. Das war zu erwarten.
Der Grieche bekommt viel Beifall. 

Dann aber spielt Jauch ein Video ein, um den schillernden Werdegang
von Varoufakis vorzustellen. Der sei im Mai 2013 bei einer Konferenz
in Zagreb aufgetreten und habe eine klare Botschaft an die Deutschen
ausgesprochen: Zeigt Berlin den Stinkefinger - passend dazu wird
eingeblendet, wie Varoufakis die obszöne Geste zu machen scheint.

Der Grieche ist empört: Das Video sei ein Fake, der Stinkefinger
hineinmontiert worden. «Das ist getürkt. Das hat es nicht gegeben»,

schimpft er. Er schäme sich, dass ihm so etwas zugetraut werde. Er
glaube aber, dass Jauch von der Fälschung nichts gewusst habe. Der
ARD-Startalker verspricht den Zuschauern rasche Aufklärung. 

Schon zuvor war Varoufakis am Wochenende international in den
Schlagzeilen. Ein paar Tage ist es her, da holt sich Varoufakis
Reporter und Fotografen des französischen Promi-Magazins «Paris
Match» in sein Penthouse. Beste Athener Lage, Blick auf die
Akropolis. Dazu die attraktive Gattin, ein Glas Wein und leckere
Speisen - für die vielen Arbeitslosen in Griechenland dürften diese
Bilder eine Provokation sein. 

Dann rudert der smarte Varoufakis zurück: «Ich bereue es», sagt er im

griechischen Fernsehen. Er habe mitgespielt, weil der Begleittext für
sein Land so positiv gewesen sei. Der Fauxpas dürfte ins Bild passen,
das die Euro-Finanzminister sich längst von dem hemdsärmeligen
Ökonomen, Blogger und Autor gemacht haben. Viel Show, wenig Substanz,
viele gebrochene Versprechen.

Noch braucht Premier Alexis Tsipras den «Rocker» Varoufakis. Er soll

die sich anbahnende Wende, weg von Wahlversprechen und hin zu mehr
Sparen, der Welt in perfektem Englisch und bewusster Dosierung
verabreichen. Der Macher in Sachen Finanzpolitik ist ohnehin
Vizeregierungchef Giannis Dragasakis. Ein besonnener Ökonom, der
weiß, dass Athen am Ende wird nachgeben müssen.

Noch aber sind die Hardliner am Drücker - allen voran Panos Kammenos.
Der Rechtspopulist, Chef der Unabhängigen Griechen und damit
Juniorpartner in Tsipras' Links-Rechts-Koalition, rührt im
«Bild»-Interview einen giftigen Cocktail zusammen, von Schäubles
Verwicklung in die CDU-Parteispendenaffäre bis zu Hunderttausenden
Flüchtlingen, die er losschicken will, wenn Berlin gerade bei den
umstrittenen Weltkriegs-Entschädigungen nicht spurt.

Viele griechische Diplomaten sind fassungslos. «Wir fahren mit
Vollgas gegen die Wand», heißt es. Das Verhältnis zwischen Athen und

Berlin sei so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wer an diesem
Wochenende die griechischen Sonntagszeitungen aufschlägt, glaubt,
eine kriegerische Auseinandersetzung stehe bevor. «Die Schlacht um
Berlin», lautet der Tenor der Traditions-Sonntagszeitung «To Vima».

Andere Kommentatoren rufen zur Mäßigung auf. Die Rückgriffe in die
Nazi-Zeit seien gefährlich. Athen und Berlin dürften den
weltpolitischen Blick nicht verlieren. Eine Eskalation des
Schuldenstreits mit einem Euro-Austritt Griechenlands würde nicht nur
Populisten in Spanien und Frankreich, sondern auch dem russischen
Präsidenten Wladimir Putin in die Hände spielen: «Er wartet auf die
Amputation des Fußes der EU im Südosten Europas», meint ein Diplomat

in Athen.

Während in Berlin sich niemand von Kammenos & Co. provozieren lässt,
juckt es in Brüssel Martin Schulz in den Fingern. Der Sozialdemokrat
und EU-Parlamentschef knöpft sich Kammenos vor («Elefant im
Porzellanladen») und berichtet von Tsipras' Geldsorgen. Schäuble, der

am Wochenende in seinem Offenburger Wahlkreis unterwegs ist, will
jetzt auf belastbare Zahlen der Ex-Troika-Prüfer warten, die in Athen
einen Kassensturz machen. Eine Milliardenlücke wäre keine
Überraschung, weil die griechischen Steuereinnahmen zuletzt
zweistellig eingebrochen waren.