Diplomatin mit Bohrmaschine: Helga Schmid rückt an OSZE-Spitze Von Ansgar Haase, dpa
04.12.2020 13:11
Die deutsche Top-Diplomatin Helga Schmid wird erste Frau an der
Spitze der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE). Bislang war die 59-Jährige vor allem als Architektin des
Atomabkommens mit dem Iran bekannt. Das dürfte sich nun ändern.
Brüssel (dpa) - Als Helga Schmid an einem Novemberabend im Jahr 2015
in Brüssel das Bundesverdienstkreuz I. Klasse erhielt, konnte jeder
der Anwesenden erahnen, dass da jemand geehrt wird, dessen
diplomatische Karriere noch lange nicht zu Ende ist. Frank-Walter
Steinmeier, damals noch Außenminister und noch nicht Bundespräsident,
würdigte die deutsche EU-Diplomatin damals für den großen Anteil, den
sie am Abschluss des internationalen Abkommens zur Verhinderung der
iranischen Atombombe hatte.
Zwölf Jahre habe Schmid mit der «diplomatischen Bohrmaschine in der
Hand» daran mitgewirkt, einen Durchbruch zu erzielen, lobte
Steinmeier (SPD) damals und erinnerte daran, dass Joschka Fischer sie
in der ihm eigenen Form eines echten Kompliments gern als
«Tüpfelhyäne» bezeichnet habe. Das Raubtier gilt als besonders
geschickter Jäger und höchst ausdauernd.
Die Eigenschaften der Tüpfelhyäne dürften Helga Schmid künftig auch
im neuen Job als Generalsekretärin der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hilfreich sein. Vor allem, wenn
es darum geht, unter Einbeziehung von autoritär geführten Ländern wie
Russland oder Belarus Krisen- und Konfliktmanagement zu betreiben. So
spielt die OSZE unter anderem bei den Bemühungen um eine Beilegung
des Russland-Ukraine-Konflikts eine wichtige Rolle.
Apropos Joschka Fischer: Der Grünen-Politiker gehörte in seiner Zeit
als Außenminister (1998-2005) zu den großen Förderern von Helga
Schmid. Er machte die Diplomatin 2003 zur Leiterin seines
Ministerbüros, nachdem sie zuvor unter anderem in der Botschaft in
Washington und als Beraterin von Fischers Vorgänger Klaus Kinkel
(FDP) gearbeitet hatte. Es folgte dann 2006 der Gang nach Brüssel, wo
Schmid ihre internationalen Kontakte weiter ausbaute und schließlich
vor vier Jahren an die Spitze der rund 4500 Mitarbeiter des
Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) rückte.
Als Generalsekretärin war sie seitdem unter anderem für das
reibungslose Funktionieren des EAD, einschließlich dessen Verwaltung
und Haushaltsführung, verantwortlich. Über ihr stand lediglich noch
der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell.
Für ihre neue Funktion wird die 59-jährige Schmid nun nach Wien
ziehen, die Stadt, in der sie jahrelang über den Atomdeal mit dem
Iran verhandelte. Ein gutes Vorzeichen für den Start in den neuen Job
könnte sein, dass es nach der Abwahl von US-Präsident Donald Trump
wieder Hoffnung gibt, dass das «Wiener Abkommen» und damit auch ein
bedeutender Teil ihres Lebenswerkes doch noch aufrechterhalten wird.
Für Schmid, die im bayerischen Dachau geboren wurde und in München
und Paris studierte, wäre das wohl eines der größten Geschenke, das
man ihr machen kann. Erschüttert hatte sie nach Angaben aus dem EAD
zuletzt verfolgt, wie der US-Ausstieg aus dem Abkommen die
historische Vereinbarung immer näher ans Scheitern brachte.