Vor 30 Jahren: Als der blutige Zerfall Jugoslawiens seinen Lauf nahm Von Gregor Mayer, dpa

24.06.2021 06:00

Im Juni 1991 kehrte zum ersten Mal seit 1945 der Krieg nach Europa
zurück. Jugoslawische Panzer rollten gegen das als abtrünnig
betrachtete Slowenien. Dieser Waffengang verlief noch glimpflich - er
war bloß der Auftakt zur eigentlichen Katastrophe.

Ljubljana (dpa) - Als sich am 25. Juni 1991 die jugoslawischen
Teilrepubliken Slowenien und Kroatien in feierlichen Parlamentsakten
für unabhängig erklärten, freuten sich die Menschen in den beiden
neuen Ländern. Das lange Tauziehen um eine wirkliche Reform des
sozialistischen Jugoslawiens, das ständige Gefühl, von der Führung in

der jugoslawischen und serbischen Hauptstadt Belgrad gegängelt,
übervorteilt und unterdrückt zu werden, all das schien vorbei zu
sein. In Slowenien war man stolz darauf, die Unabhängigkeit auf
friedlichem und demokratischem Wege erreicht zu haben. Bei einer
Volksabstimmung im Dezember 1990 hatten 88 Prozent der Bürger für die
Eigenstaatlichkeit votiert.  

Doch gerade das war für Belgrad nicht hinnehmbar. Dort bestimmte
längst der Präsident der serbischen Teilrepublik, Slobodan Milosevic,
das Geschehen auch auf Bundesebene. Seinem Drehbuch folgend, rückten
die Panzer der mächtigen Jugoslawischen Volksarmee (JNA) gegen
strategische Punkte in Slowenien vor. Dort wich die Freude dem
Schock.

Doch er lähmte die Slowenen nicht. «Die Woge des Stolzes ging schnell
in Wut über», erinnert sich der damalige slowenische Präsident Milan

Kucan im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Ljubljana.
«Diese Wut festigte die Entschlossenheit, Widerstand gegen die
Aggression zu leisten.» Kucan, heute 80, ist der letzte Überlebende
aus der Reihe der jugoslawischen Präsidenten, die die damaligen
dramatischen Entwicklungen gestalteten. 

«Wir waren überrascht, wie schnell das passierte. Wir waren aber auch
nicht unvorbereitet», fügt er hinzu. Als kommunistischer Funktionär,

der es bis zur Funktion des Parteichefs in Slowenien gebracht hatte,
unterstützte er in den späten 1980er-Jahren die Forderungen der
slowenischen Opposition nach einer demokratischen Reform des
sozialistischen Systems. Zugleich kannte er die Mentalität und das
Machtanspruchsdenken der Kommunisten in Belgrad. Milosevic schien
einfach den Sozialismus gegen den serbischen Nationalismus
eingetauscht zu haben.

Jedenfalls hatten die Slowenen für den Tag X Vorkehrungen getroffen.
Die zur JNA gehörige, aber auf Republiksebene organisierte
Territorialverteidigung (TO) war zur eigenen Miliz ausgebaut worden.
Diese schnitt die JNA-Kasernen von Elektrizität und Wasserversorgung
ab. Die Zufahrtswege wurden mit requirierten Fahrzeugen blockiert.
JNA-Panzer versuchten immer wieder, sich Wege durch die Sperren zu
bahnen. Bilder von zerquetschten Autos und ramponierten Lastwagen
gingen um die Welt.

Soldatenmütter demonstrierten für die Entlassung ihrer Söhne aus der

JNA - in ihr dienten aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht auch
slowenische Rekruten. Verteidigungsminister war damals Janez Jansa,
zuvor Redakteur der kritischen Wochenzeitung «Mladina», den die JNA
vor ein Militärgericht gestellt hatte. Heute ist Jansa zum dritten
Mal Ministerpräsident, verfolgt eine rechte Agenda und beschimpft
Journalisten über Twitter. «Er will eine Autokratie installieren und

das Land von Kerneuropa weg- und zu den illiberalen Demokratien
Ungarn und Polen hinführen», meint Kucan über seinen damaligen
Mitstreiter. 

Letztlich verlief der Krieg der Slowenen relativ glimpflich. Auf der
JNA-Seite starben 44, auf der slowenischen 18 Menschen. Auch 12
Ausländer, unter ihnen 2 österreichische Journalisten, kamen in dem
Kampfgeschehen ums Leben. Die Beendigung des Krieges nach zehn Tagen
bewirkte schließlich auch das diplomatische Eingreifen der damaligen
Europäischen Gemeinschaft (EG). Slowenien und Kroatien hatten es
zunächst nicht leicht. In einer ersten Stellungnahme hatte das
US-Außenministerium ihre Unabhängigkeitserklärungen «bedauert».

«Ich habe dann den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher
getroffen, wegen eines Luftalarms kam er nur bis (zur
österreichischen Grenzstadt) Villach», erzählt Kucan im Rückblick.

«Er sagte uns, dass er unsere Situation völlig verstehe. Er berief
sofort ein Treffen der EG-Außenminister ein.» In der damaligen
EG-Troika der Außenminister galt es, den Niederländer Hans van den
Broek zu überzeugen. «Ein harter Verhandler», so Kucan, «aber a
m Ende
akzeptierte er unsere Argumentation.» 

Auf der kroatischen Insel Brijuni klopften die EG-Minister am 7. Juli
eine Friedensvereinbarung fest. Die JNA zog sich in die Kasernen
zurück, im Oktober verließ sie Slowenien gänzlich. Milosevic ließ d
ie
nördlichste Republik ziehen und ging zu seinem Plan B über: «alle
Serben in einem Land» oder «Groß-Serbien». In Slowenien spielte d
ie
serbische Volksgruppe keine Rolle. 

Anders als in Kroatien und Bosnien-Herzegowina: Dort waren ganze
Landstriche von ethnischen Serben bevölkert, weitere Gegenden waren
bevölkerungsmäßig durchmischt. Milosevic verfolgte nun das Ziel,
diese Gebiete in Kroatien und Bosnien unter die Kontrolle Belgrads zu
bringen. Um den Preis von Kriegen, die mehr als 100 000 Tote
forderten. Und um den Preis von Kriegsverbrechen, wie sie Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen hatte. Einem glücklichen
Slowenien blieb all das erspart.



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