Wissenschaftler sehen Rechenfehler bei Klimapolitik Von Roland Losch, dpa

01.07.2021 19:46

Wenn 2030 Millionen Autos elektrisch fahren, hält dann der Ausbau
beim Ökostrom noch mit - oder wird der Strommix in Summe wieder
schmutziger? Wissenschaftler schreiben einen Brandbrief an die EU -
und auch die Autobauer legen den Finger in die Wunde.

München/Karlsruhe (dpa) - Hat sich die Politik beim Beitrag des
Elektroautos fürs Klima grundlegend verrechnet? Leider ja, sagt eine
Gruppe von sechs europäischen Wissenschaftlern in einem offenen Brief
an die EU-Kommission. In einem Positionspapier hatten zuvor 170
Wissenschaftler aus aller Welt bemängelt, dass die von der EU
genannten CO2-Einspareffekte durch die Umstellung auf E-Mobilität im
vorgegebenen Zeitraum nicht realistisch seien. «Die Zahlen
suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben», sagte
Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
der Deutschen Presse-Agentur. Denn der Strommix sei schlicht falsch
berechnet worden.

«Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist:
fossil oder nicht», sagte Koch. In einem offenen Brief an die
EU-Kommission, über den «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter
Nachrichten» (Montag) berichteten, äußerten Koch und fünf weitere
Wissenschaftler ihre Bedenken. Denn die EU ist gerade dabei, ihre
CO2-Vorgaben für die neu zugelassenen Autos in Europa noch einmal zu
verschärfen.

Mit 453 000 verkauften Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen im ersten
Quartal ist Europa China mit 489 000 E-Autos dicht auf den Fersen.
Und nach Ländern ist Deutschland heute sogar schon zweitgrößter
E-Auto-Markt der Welt, mit fast 250 000 neu zugelassenen Elektroautos
bis Ende Mai. VW gehört inzwischen zu den Treibern der Entwicklung.
Bis 2030 will Volkswagen nur noch ein Drittel seiner Autos mit
Benzin- oder Dieselmotor verkaufen. Mercedes-Benz und BMW peilen
einen Anteil von etwa 50 Prozent an.

Aber einen festen Termin für das Ende des Verbrenners wollen die
Konzerne nicht festlegen. Zu unterschiedlich sind die Märkte und die
Wünsche der Kunden, zu unterschiedlich auch die politischen Vorgaben.
Dazu kommt noch die Ladeinfrastruktur, die in vielen Ländern fehlt,
auch in Europa. Und weil es letztlich ja um Klimaschutz geht, ist
noch viel wichtiger, woher der Strom für die E-Autos eigentlich
kommt.

Mit Strom aus Kohle oder Öl sehe er keinen großen Sinn in der
Umstellung auf E-Antriebe, sagte VW-Chef Herbert Diess bei der
Bilanz-Pk. «Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein
Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird», sagte BMW-Chef
Oliver Zipse der «Passauer Neuen Presse/Donaukurier» (Montag). Er
habe «große Sorge», ob es genug Ökostrom geben werde.

Die EU-Kommission geht bei ihren Vorgaben davon aus, dass der Strom
mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen sauberer werden wird. Nein,
sagen Koch und seine Kollegen. Denn der Strombedarf wird noch mehr
steigen - und dann stimmt die ganze Rechnung nicht mehr.

Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos
auf der Straße haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch
umstellen. Der Strombedarf in Deutschland werde bis 2030 von 56 auf
57 Gigawatt zulegen, sagt Koch. In 6000 von den 8760 Stunden im Jahr
werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken
brauchen. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber
übersehen, auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Dann könnten die realen
CO2-Emmission viel höher sein als von der Politik veranschlagt - in
der Summe sogar doppelt so hoch.

Die Wissenschaftler seien sich alle einig, dass das Klima geschützt
und der CO2-Ausstoß gesenkt werden müsse, betonte Koch. «Dafür
brauchen wir auch das E-Auto.» Aber die Vorgaben favorisierten das
E-Auto auch da, wo es dem Klima gar nichts nütze.

Wenn Ökostrom nicht mit Gas-, Öl- und Kohlestrom, sondern mit
Atomstrom ergänzt würde, sähe die Rechnung besser aus. Aber das sei
eine politische Entscheidung der Deutschen, sagte Koch. Wenn die
heutigen Verbrenner statt Benzin und Diesel CO2-neutral hergestellten
synthetischen Kraftstoff tanken würden, ließen sich dagegen 25
Prozent CO2 einsparen. Aber auch da gingen Politik und Industrie
heute einen anderen Weg. Im Interesse des Klimas sollte die
EU-Kommission ihre Haltung vor dem nächsten Schritt noch einmal
bedenken, so der Appell der Wissenschaftler.



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