EZB macht Weg frei für weitere Arbeiten am digitalen Euro Von Jörn Bender, dpa

14.07.2021 16:50

Der Erfolg von Bitcoin und Co. lässt das Interesse an einem digitalen
Euro wachsen. Bis Europas Verbraucher ihn nutzen können, werden noch
Jahre vergehen. Die Vorbereitungen gehen nun in die nächste Phase.

Frankfurt/Main (dpa) - Europas Währungshüter heben ihre mehrjährigen

Arbeiten an einem digitalen Euro auf die nächste Stufe: Die
Europäische Zentralbank (EZB) beschloss am Mittwoch, in eine 24
Monate dauernde Untersuchungsphase für eine solche Digitalwährung
einzutreten, in der es um Aspekte wie Technologie und Datenschutz
gehen soll.

Ob eine digitale Version der europäischen Gemeinschaftswährung
ergänzend zu Schein und Münze kommen wird, ist damit aber noch nicht
entschieden. «Wir werden (...) erst zu einem späteren Zeitpunkt
entscheiden, ob ein digitaler Euro eingeführt wird oder nicht»,
erklärte EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta. «In jedem Fall würde

ein digitaler Euro das Bargeld nur ergänzen und nicht ersetzen.»

Bis zur möglichen Einführung eines digitalen Euro wird es somit noch
dauern, wie Panetta bekräftigte: Nach Ablauf der zweijährigen
Untersuchungsphase wolle die EZB bereit sein, mit der Entwicklung
eines digitalen Euro zu beginnen. «Dies könnte rund drei Jahre
dauern.» Panetta hatte bereits im Mai gesagt, frühestens im Jahr 2026
sei mit der Einführung eines digitalen Euro zu rechnen.

Ein digitaler Euro könnte es Privatleuten erlauben, Geld direkt bei
der Zentralbank zu hinterlegen. Diese Möglichkeit steht normalerweise
nur gewerblichen Kreditgebern wie Banken, Regierungen und anderen
Zentralbanken offen. Theoretisch denkbar wäre, dass Bürger ein Konto
bei der EZB eröffnen. Das schließt die EZB aber im Grunde schon im
jetzigen Stadium aus. Für wahrscheinlicher halten es Experten, dass
elektronische Geldbörsen, sogenannte Wallets, von Geschäftsbanken
oder anderen Finanzdienstleistern in Verbindung mit einem
herkömmlichen Konto angeboten würden.

«Ein digitaler Euro wird nicht wie Paypal sein», betonte Panetta in
einer Fragerunde mit Journalisten mit Blick auf den auch in Europa
sehr erfolgreichen US-Bezahldienst Paypal. «Wir werden keine
Dienstleistung anbieten, sondern ein Zahlungsmittel.»

Diskutiert wird, ob es für Verbraucher eine Obergrenze für die
Nutzung eines digitalen Euro von beispielsweise 3000 Euro geben soll.
«Ohne Haltelimit könnten Guthaben sehr schnell von Bankkonten
abgezogen und in sicheres Zentralbankgeld getauscht werden - so
genannte Bank Runs würden wahrscheinlicher», warnte Jörg Zeuner,
Chefvolkswirt des Fondsanbieters Union Investment. Die EZB hat auch
in dieser Frage noch nicht entschieden. Die Notenbank lässt sich
technisch und vom Konzept her bei der Ausgestaltung eines digitalen
Euro weitgehend alle Möglichkeiten offen.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nannte die Weichenstellung der
EZB «wegweisend»: «Wir müssen den Euro fit machen für das digital
e
Zeitalter, nur so können wir unsere währungspolitische Souveränität

erhalten und stärken. Bei den weiteren Arbeiten müssten die
Mitgliedstaaten eingebunden werden.»

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann versicherte: «Die Bundesbank wird
sich dafür einsetzen, dass ein digitaler Euro für die Menschen im
Euroraum einen echten Mehrwert bietet und mögliche Risiken unter
Kontrolle bleiben.»

Befeuert werden die Anstrengungen der Euro-Notenbanken von der
zunehmenden Nutzung digitaler Bezahlmöglichkeiten. Schon vor der
Corona-Krise hatte sich der Trend zum Bezahlen ohne Scheine und
Münzen in Deutschland und im Euroraum verstetigt. Zudem will die EZB
eine Antwort geben auf den steilen Aufstieg von Kryptowährungen wie
Bitcoin und Ether. Der große Unterschied: Im Gegensatz dazu stünde
ein digitaler Euro unter Aufsicht einer Zentralbank, die die
Stabilität der Währung sichert.

«Private Lösungen für digitale und Online-Zahlungen bieten wichtige
Vorteile wie Komfort Geschwindigkeit und Effizienz. Sie sind jedoch
auch mit Risiken verbunden, was Datenschutz, Sicherheit und
Zugänglichkeit betrifft», erklärte Panetta. Auch andere Notenbanken
weltweit beschäftigen sich mit digitalem Zentralbankgeld. China
beispielsweise ist nach eigenen Angaben schon deutlich weiter als das
Eurosystem.

Die EZB hatte Anfang Oktober bekanntgemacht, dass sie ihre Arbeiten
an einem digitalen Euro vorantreibt. Bürger wie Fachleute aus
Wissenschaft und Finanzsektor konnten sich zum Für und Wider äußern.

Nun sei es an der Zeit «einen Gang höher zu schalten und das Projekt
des digitalen Euro zu starten», teilte EZB-Präsidentin Christine
Lagarde nach der Entscheidung des EZB-Rates vom Mittwoch mit. «Mit
unserer Arbeit wollen wir sicherstellen, dass Bürger und Unternehmen
auch im digitalen Zeitalter Zugang zur sichersten Form des Geldes,
dem Zentralbankgeld, haben.»

Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) als Dachverband der fünf großen
Bankenverbände in Deutschland hatte kürzlich in einem Grundsatzpapier
ihre Vorstellungen für einen digitalen Euro festgehalten. Demnach
soll das Digitalgeld drei wesentliche Ausgestaltungen haben: ein
digitaler Euro für den Alltagsgebrauch der Bürger als Ergänzung zum
Bargeld, eine spezielle Form für die Kapitalmärkte und den
Interbankenverkehr sowie sogenannte Giralgeldtoken für den Einsatz in
der Industrie.

«Ein digitaler Euro ist wesentlich für die Wettbewerbsfähigkeit
Europas und seiner Unternehmen in einer immer stärker digitalisierten
Geschäftswelt», befand am Mittwoch Joachim Schmalzl,
Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV),
der derzeit DK-Federführer ist. Wichtig sei jedoch, dass die EZB alle
drei von der Kreditwirtschaft genannten Möglichkeiten einbeziehe.

Der Digitalverband Bitkom berichtete anhand einer Umfrage unter 652
Unternehmen in Deutschland von großer Zustimmung für einen digitalen
Euro: Gut drei Viertel (78 Prozent) der befragten Unternehmen ab 50
Beschäftigten wollten, dass die EZB einen digitalen Euro einführe.
Nur jedes Fünfte (20 Prozent) halte nichts von solchen Plänen. Die
Befürworter versprechen sich demnach eine neue technische Möglichkeit
zur nahtlosen Abwicklung von Zahlungsvorgängen.

Technisch können digitale Währungen zum Beispiel auf Basis einer
sogenannten Blockchain funktionieren, also über eine Kette von
Datenblöcken, die sich mit jeder Transaktion ausbaut. Nach
Einschätzung des Fondsverbandes BVI könnten Marktteilnehmer
Finanztransaktionen «schneller und sicherer durchführen, wenn sowohl
Finanzinstrumente als auch der Euro blockchainfähig werden».



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