Teurere Flugtickets für den Klimaschutz - Branche verlangt Fairness Von Christian Ebner, dpa

15.07.2021 12:18

Mehr Klimaschutz bedeutet nicht nur für Autofahrer und Heizungsnutzer
steigende finanzielle Belastungen. Auch Flugreisen werden teurer,
falls sich die EU-Kommission mit ihrem Klimaschutzpaket durchsetzt.

Frankfurt/Main (dpa) - Für den Klimaschutz dürften Flugtickets und
Urlaubsreisen auf absehbare Zeit in Europa teurer werden. Mit ihrem
Klimaschutzpaket «Fit for 55» hat die EU-Kommission auch für den
Luftverkehr Instrumente vorgeschlagen, die zunächst für erhebliche
zusätzliche Lasten sorgen. Verschärfter Emissionshandel, eine neue
innereuropäische Kerosinsteuer sowie Mindestquoten für nachhaltige
Treibstoffe würden für die Fluggesellschaften zusätzliche
Milliardenkosten bedeuten, die sie an ihre Kunden weitergeben
müssten. «Mehr Ambition beim Klimaschutz im Luftverkehr kostet, das
ist klar», hatte Lufthansa-Stratege Kay Lindemann schon vor den
Brüsseler Vorschlägen erklärt.

Die Luftverkehrs-Lobby hat sich das Ziel der Klimaneutralität längst
auf die eigenen Fahnen geschrieben. Doch bei der konkreten
Ausgestaltung gibt es viel Kritik an den Vorschlägen der Kommission,
beispielsweise vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft
(BDL). Emissionshandel und eine innereuropäische Kerosinsteuer
belasteten einseitig die europäischen Netzwerkgesellschaften wie Air
France und Lufthansa, klagt der Verband. Die starke Konkurrenz aus
der Türkei und vom Golf werde bestenfalls für den kurzen
Zubringerflug zur Kasse gebeten. Die mögliche Folge:
Umsteige-Fernflüge würden wegen der Kostenvorteile und ohne Rücksicht

auf die Klimabilanz auf außereuropäische Drehkreuze verlagert. In
Frankfurt, Amsterdam und Paris gingen Arbeitsplätze bei
Fluggesellschaften wie Flughäfen verloren.

Von Lufthansa-Chef Carsten Spohr stammt das Bonmot, dass der letzte
Liter Erdöl wahrscheinlich in einer Flugzeug-Turbine verbrannt werde.
Zu hoch ist der Energiebedarf der schweren Jets beim Start, als dass
bereits heute ausreichend Ersatz für die extrem energiedichten
fossilen Brennstoffe existierte. Zwar arbeiten weltweit Start-ups und
etablierte Hersteller an zunächst hybriden und später auch
vollelektrischen Flugzeugen. Airbus will 2035 das erste
emissionsfreie, mit Wasserstoff betriebene Passagierflugzeug
marktreif haben, doch auch zu diesem Zeitpunkt werden noch
herkömmliche Flugzeuge mit 30 Jahren Betriebsdauer neu in den Dienst
gestellt werden.

Bis auf Weiteres versprechen neben effizienteren Triebwerken
lediglich alternative Brennstoffe eine CO2-Linderung für den
Luftverkehr, beispielsweise aus Speiseresten gewonnenes Kerosin oder
perspektivisch auch mit viel Grünstrom produzierte synthetische
Kraftstoffe (Power to Liquid). Die EU will durchsetzen, dass auch die
außereuropäischen Fluggesellschaften bei ihren Starts aus Europa den
teureren Klima-Sprit tanken müssen, was nach Meinung der Industrie
aber leicht umgangen werden könnte.

Innerhalb Europas wird es hingegen für alle Anbieter gleichmäßig
teurer. «Die meisten Passagiere sind bereit, angemessene Ticketpreise
zu bezahlen», meint dazu Marion Jungbluth, Verkehrsexpertin der
Verbraucherzentrale Bundesverband. Die bisherigen Instrumente zum
Emissionshandel seien weitgehend wirkungslos geblieben, so dass sie
die schärferen Vorgaben begrüße. «Die EU-Anforderungen sind
ambitioniert, aber auf der anderen Seite bekommt der Luftverkehr auch
viel Unterstützung bei der Entwicklung neuer Technologien.»

Allerdings seien im internationalen Luftverkehr Insellösungen nicht
möglich, so dass darauf geachtet werden müsse, dass die eigentlichen
Nutznießer nicht außereuropäische Airlines mit geringeren
Klimaanforderungen würden. Und in Europa dürften die
Fluggesellschaften nicht im Gegenzug zu Klimazugeständnissen die
Fluggastrechte zurück abwickeln, warnt Jungbluth. Entsprechende
Bestrebungen gebe es bereits.

Eine Angriffsfläche bot die Branche in Vor-Corona-Zeiten mit extrem
billigen Tickets, mit denen eine vorher nicht vorhandene Nachfrage
stimuliert wurde. Ob der Wochenendtrip für 9,90 Euro in fremden
Metropolen mit dem EU-Klimapaket der Vergangenheit angehört, glaubt
BDL-Präsident Peter Gerber nicht: «Um solche Preise zu unterbinden,
braucht es keine neuen wettbewerbsverzerrenden Steuern und Abgaben,
sondern eine Anti-Dumping-Regelung auf europäischer Ebene.
Flugtickets sollten nicht zu einem Preis unterhalb der anwendbaren
Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfen.»


«Letztlich ist es dringend notwendig, dass Fliegen deutlich teurer
wird», sagt Lars Watermann vom Flugrechtdienstleister EUflight. Die
Nachfrage werde trotzdem da sein, nicht nur wegen des Nachholbedarfs
nach der Corona-Krise. Er rechnet damit, dass es wegen der engen
Flugpläne weiter viele Verspätungen, Ausfälle und kurzfristige
Absagen gibt. «Es wäre daher nur logisch, dass der Flug auch erst bei
Antritt bezahlt werden müsste.»



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