EZB zementiert Politik des billigen Geldes

22.07.2021 13:52

Sparer müssen weiter auf steigende Zinsen warten. Europas
Währungshüter zementieren das Rekordtief und stecken zudem weiterhin
Milliarden in Anleihenkäufe.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Geldschleusen der Europäischen Zentralbank
(EZB) bleiben weit geöffnet. In der ersten Zinssitzung nach der
Verabschiedung einer neuen geldpolitischen Strategie bekräftigten
Europas Währungshüter ihren expansiven Kurs mit Zinsen auf Rekordtief
und milliardenschweren Anleihenkäufen.

Ein Ende des Zinstiefs im Euroraum ist nach der Sitzung des EZB-Rates
am Donnerstag weiterhin nicht in Sicht. Die Notenbank mit Sitz in
Frankfurt hält den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null
Prozent. Auf diesem Niveau liegt der wichtigste Zins zur Versorgung
der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld inzwischen seit März 2016.
Zugleich müssen Geschäftsbanken nach wie vor 0,5 Prozent Zinsen
zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken.

Das zu Beginn der Corona-Pandemie aufgelegte, besonders flexible
Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere von Unternehmen
(Pandemic Emergency Purchase Programme/PEPP) mit einem Volumen von
1,85 Billionen Euro führt die EZB bis mindestens Ende März 2022 fort.
Obwohl angesichts der anziehenden Konjunktur die Zweifel an der
Notwendigkeit solcher Käufe wachsen, will die Notenbank das Tempo der
Wertpapierkäufe im dritten Quartal erhöhen.

Die Anleihenkäufe der EZB helfen Staaten wie Unternehmen: Diese
müssen für ihre Wertpapiere nicht so hohe Zinsen bieten, wenn eine
Zentralbank als großer Käufer am Markt auftritt. Insbesondere für
Staaten ist das wichtig, weil sie in der Corona-Krise
milliardenschwere Rettungsprogramme aufgelegt haben, die es zu
finanzieren gilt.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte in der vergangenen Woche
Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Anti-Krisen-Kurses erneut eine
Absage erteilt. «Es ist jetzt nicht die Zeit, um über eine
Ausstiegsstrategie zu sprechen», betonte Lagarde. «Wir müssen sehr
flexibel sein und dürfen nicht die Erwartung wecken, dass der
Ausstieg in den nächsten Wochen oder Monaten erfolgt.» In ihrem
überarbeiteten längerfristigen Ausblick, der sogenannten Forward
Guidance, betonen die Währungshüter den Begriff «Beharrlichkeit».

Hintergrund ist das am 8. Juli vorgestellte flexiblere Inflationsziel
der EZB. Künftig strebt die Notenbank für die 19 Staaten des
Euroraums eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an. Bislang
lag das Inflationsziel der EZB bei «unter, aber nahe zwei Prozent».
Nun ist die EZB zumindest zeitweise bereit, eine moderate Über- oder
Unterschreitung der Marke von zwei Prozent zu akzeptieren.

Mit diesem «symmetrischen» Inflationsziel ist die Notenbank nicht
mehr unmittelbar zum Reagieren gezwungen, sollten die Inflationsraten
nach oben oder nach unten von dem prozentualen Ziel abweichen. Nach
Ansicht von Volkswirten und Bankenvertretern verschafft sich die EZB
mit ihrem neuen Inflationsziel von zwei Prozent mehr Freiraum, um
auch bei steigenden Preisen an ihrer extrem expansiven Geldpolitik
festhalten zu können.



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