«Panik auf Gasmarkt» - Moskau und Brüssel wegen hoher Preise besorgt Von Ulf Mauder und Ansgar Haase, dpa

08.10.2021 16:22

Immer neue Preisrekorde im Gasgroßhandel machen auch Verbrauchern in
Deutschland Angst. Zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht sich die
Energiegroßmacht Russland. Präsident Putin sieht vielmehr die Schuld
bei der EU und wirft ihr Fehler vor.

St. Peterburg/Brüssel (dpa) - Die explodierenden Gaspreise und die
Angriffe aus der EU gegen die Gasgroßmacht Russland sind für
Präsident Wladimir Putin seit Tagen Chefsache. Er wehrt sich
kategorisch gegen Vorwürfe, Russland sei für die immer neuen Rekorde
im Großhandel verantwortlich. Von «historischen Höchstständen» be
i
den Gaspreisen spricht der Chef von Deutschlands größtem Gasimporteur
Uniper, Klaus-Dieter Maubach. Bei Verbrauchern in Deutschland machen
sich Sorgen breit, ob sie künftig ihre Heizrechnungen bezahlen
können. Putin räumt inzwischen ein, dass dringend gehandelt werden
müsse, um die Lage zu entspannen.

«Europa läuft vor Kälte blau an ohne russisches Gas», titelte gerad
e
die Moskauer Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta». Andere russische
Medien feiern den 69-Jährigen angesichts der «Panik auf dem Gasmarkt»

schon als möglichen Retter vor einem drohenden Kälteschock der
Europäer. Der in Gaskrisen erprobte Präsident sagt, dass der
Staatskonzern Gazprom helfen könne, wenn es für ihn nicht zu teuer
werde. Russland sei offen für Angebote der Großabnehmer aus der EU
und für neue Verträge, betonte der Kreml auch am Freitag wieder.

Die Lösung? Der Gastransit über die Ukraine könnte deutlich
ausgeweitet werden. Doch sei das teuer für Gazprom. Es ist Putins Art
zu sagen, dass die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 für den günstigen
Gastransport bereitsteht. Es fehlt nur die Betriebsgenehmigung der
deutschen Behörden. Der Kreml weist immer wieder darauf hin, dass die
rasche Inbetriebnahme Entspannung in der Energiekrise bringen könne.

Schuld an den hohen Preisen sei nicht Russland, sondern die Lage auf
dem Weltmarkt - und eine verfehlte Energiepolitik der EU, betont
Putin. Trotz Russlands Warnungen sei sie von Langzeitverträgen
abgerückt und zum Handel an den Energiebörsen übergegangen. «Heute

ist klar, dass diese Politik ein absoluter Fehler ist.»

Auch der für Energiefragen zuständige Vize-Regierungschef Alexander
Nowak betont, dass Russland trotz der Gewinne für die Staatskasse
kein Interesse an solch hohen Gaspreisen habe. Wegen der hohen Kosten
sieht Nowak vielmehr die Gefahr, dass sich der Übergang zu
alternativen Energien in der EU beschleunigt. Das will Russland nicht
- sondern möglichst lange seine fossilen Energieträger Öl, Gas und
Kohle in Europa verkaufen.

Auch beim bis Freitag angesetzten St. Petersburger Internationalen
Gas-Forum war die angespannte Lage ein Thema. Die Vorwürfe aus der
EU, Russland manipuliere den Gaspreis, «um die Ostseepipeline Nord
Stream 2 schneller mit Gas zu füllen, sind haltlos und absurd», sagt
Rainer Seele, der Präsident der Deutsch-Russischen
Auslandshandelskammer (AHK). Gazprom liefere die vereinbarten Mengen,
was auch Kanzlerin Angela Merkel in dieser Woche hervorhob.

Seele war lange Chef der Energieunternehmen Wintershall Dea und OMV,
zwei der fünf europäischen Firmen, die Nord Stream 2 mit
finanzierten. «Wer an kostengünstigem Gas für deutsche und
europäische Haushalte und Industriebetriebe interessiert ist, sollte
auf Kooperation statt auf Konfrontation mit Moskau setzen», meint er.

Seele kritisiert, dass in der EU zu sehr auf «das freie Spiel von
Angebot und Nachfrage gesetzt wurde». Durch den Verzicht auf
langfristige Verträge für Pipelinegas gebe es Risiken, «unter deren
Folgen jetzt die europäische Industrie und Millionen privater
Haushalte leiden». Deutschland verbraucht nach AHK-Angaben rund 87
Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr, davon 55 Prozent aus Russland.

Doch selbst wenn Russland nicht für den Anstieg der Energiepreise
verantwortlich ist, stellt sich in Europa die Frage, ob das Land
Möglichkeiten ungenutzt lässt, die Lage zu entspannen. Der deutsche
Diplomat und EU-Botschafter in Moskau, Markus Ederer, sagte im
Interview der Moskauer Zeitung «RBK», dass Russlands Ruf als
verlässlicher Lieferant Schaden nehmen könne, wenn der Eindruck
entstehe, das Land könne oder wolle auf den Bedarf nicht reagieren.

Der Gaspreis hat sich seit Jahresbeginn verzehnfacht. Doch noch macht
Gazprom die Ventile nicht auf. Zuerst müssten die eigenen Speicher im
Land aufgefüllt werden, weil ein womöglich kalter Winter bevorstehe,
teilte das Unternehmen mit.

Klar ist, dass Russland eine EU-interne Diskussion über
Klimaschutzmaßnahmen infrage stellt, um einen Ausstieg aus der
Stromerzeugung mit fossilen Brennstoffen wie Gas möglichst weit
hinauszuzögern. Auch EU-Staaten wie Polen kritisieren, dass die
Energiepreise teilweise auf den CO2-Emissionshandel zurückzuführen
seien. Dieser macht die Stromerzeugung mit fossilen Energieträgern
teurer, um Unternehmen zur Einsparung von Kohlendioxid zu bewegen.

In der EU drehen sich die Diskussionen deswegen vor allem um die
Frage, wie in Zukunft starke Schwankungen bei den Energiepreisen
vermieden werden könnten. Die Europäische Kommission will in der
kommenden Woche Handlungsoptionen vorschlagen. So ist denkbar, dass
EU-Länder beim Einkauf von Gas zusammenarbeiten oder zumindest
gemeinsame strategische Reserven anlegen. Erste
Richtungsentscheidungen könnten in rund zwei Wochen beim nächsten
regulären EU-Gipfel fallen.

Ins Gewicht fallen dürfte dabei, wie groß die Gefahr eingeschätzt
wird, dass es in Zukunft erneut zu starken Preisanstiegen kommen
könnte. Experten wie die EU-Energiekommissarin Kadri Simson rechnen
derzeit damit, dass die Preise ab dem Frühling nach und nach fallen
dürften. Für die derzeitige Situation ist demnach der weltweite
Energiehunger nach der Corona-Krise verantwortlich. Hinzukommen
geschrumpfte Gasvorräte nach dem ungewöhnlich kalten Winter,
geringere Gaslieferungen wegen Instandhaltungsarbeiten an Pipelines
und ein Rückgang der Gasproduktion in Europa.



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