«Greenwashing» oder Gütesiegel? Streit um nachhaltige EU-Anlageregeln Von Jörn Bender, dpa

05.01.2022 11:36

Geld verdienen und gleichzeitig das Klima schützen - klingt gut, ist
aber gar nicht so einfach. Die EU will einen Rahmen schaffen, wie
Investments einsortiert werden können. Doch für Anleger dürfte es
nicht unbedingt einfacher werden, «grüne» Produkte zu finden.

Frankfurt/Brüssel (dpa) - «Verantwortungsbewusst investieren», «Mit

Geld die Welt gestalten», «Sparen mit gutem Gewissen» - eifrig
bewerben Banken und Fondsgesellschaften den grünen Wandel. Am Thema
Klimaschutz kommt die Finanzbranche nicht mehr vorbei, immer mehr
Anleger achten auf Kriterien wie Umwelt und Soziales. Das Problem:
Oft ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, wie «nachhaltig» derart
angepriesene Produkte tatsächlich sind. Wie schwierig das Thema ist,
zeigt die aktuelle Debatte über einen Vorstoß der EU-Kommission.

Dieser sieht vor, dass auch Investitionen in neue Gaskraftwerke
insbesondere auf Wunsch Deutschlands übergangsweise als
klimafreundlich eingestuft werden können. Zudem sollen Investitionen
in neue Atomkraftwerke - unter anderem in Frankreich geplant - unter
bestimmten Bedingungen als «grün» klassifiziert werden können.
Kritiker befürchten, dass dadurch die sogenannte Klima-Taxonomie der
EU Schaden nimmt. Diese Einstufung von Wirtschaftstätigkeiten soll
mehr Geld in nachhaltige Technologien und Unternehmen lenken und so
wesentlich zur Klimaneutralität Europas bis 2050 beitragen.

«Die Deutsche Kreditwirtschaft unterstützt grundsätzlich die Idee der

EU-Taxonomie», schreibt der Dachverband der fünf großen
Bankenverbände in Deutschland. Auf diese Weise bekämen Anlegerinnen
und Anlegern zusätzliche Transparenz. Es müsse jedoch sichergestellt
werden, dass nachhaltige Finanzierung auch tatsächlich nachhaltig
sei, sonst stehe die Glaubwürdigkeit aller Akteure auf dem Spiel.
«Die zugrundeliegenden Kriterien müssen nachvollziehbar sowie
praktikabel sein und auf Basis wissenschaftlicher Standards
abgeleitet werden», fordert die Deutsche Kreditwirtschaft (DK). «Nur
so kann eine glaubwürdige und akzeptierte Taxonomie erreicht werden.»

Genau das ist der Knackpunkt. Die geplante Berücksichtigung von
Atomkraft und Erdgas führe das «ursprünglich als Beschleuniger der
nachhaltigen Transformation gedachte Instrument ad absurdum»,
kritisiert beispielsweise die GLS Bank, die sich als größte und
älteste sozial-ökologische Bank Deutschlands bezeichnet.

«Nachdem schon keine sozialen Kriterien in der Taxonomie
berücksichtigt waren, zerstört die Aufnahme von Atom- und Gasenergie
jegliches Vertrauen umweltbewusster Anlegerinnen und Anleger in
dieses Gütesiegel für nachhaltige Geldanlagen», meint GLS-Chef Thomas

Jorberg. «Es ist ein Signal der Beliebigkeit, nicht-nachhaltige
Technologien für ein Nachhaltigkeitssiegel zuzulassen.»

Auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei der Dekabank, sieht die
Entwicklung mit Sorge: «Dadurch, dass auch Industriepolitik gemacht
wird, wird der Taxonomie Glaubwürdigkeit genommen.» Allerdings sei
das Brüsseler Regelwerk mit der Konzentration auf Klimawandel und
Klimaschutz aktuell ohnehin «viel zu eng, um am breiten Kapitalmarkt
Beachtung zu finden», sagt Speich. «Das wird sich ändern, weil sie in

den nächsten Jahren breiter gefasst werden soll.»

Einen noch größeren Schub für «grüne» Geldanlagen erwartet Spei
ch
kurzfristig durch Vorgaben, die bereits ab dem 2. August dieses
Jahres greifen: Berater, die Fonds, ETFs, Anleihen und Co. an den
Mann oder die Frau bringen wollen, sind von da an verpflichtet,
Kunden nach ihren Präferenzen beim Thema Nachhaltigkeit zu befragen.

Umfragen zeigen: Das Potenzial ist groß. In einer Erhebung von Anfang
Dezember im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) gaben
67 Prozent der Anleger an, dass es ihnen wichtig oder sehr wichtig
sei, ihr Geld in sozial- und umweltverträgliche Projekte zu
investieren. Doch nur etwa vier von zehn Anlegern (39 Prozent) haben
nach eigenen Angaben bislang in entsprechende Produkte investiert.

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) beziffert die Gesamtsumme
nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland zum 31. Dezember 2020 auf
335,3 Milliarden Euro - ein Plus von 25 Prozent zum Vorjahr. Der
Anteil nachhaltiger Fonds am gesamten deutschen Markt ist demnach mit
6,4 Prozent allerdings noch vergleichsweise gering.

Deka-Experte Speich, der von Unternehmen seit längerem mehr Einsatz
für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (englisch
abgekürzt: ESG) fordert, betont: «Der Kapitalmarkt muss und wird das
Thema Nachhaltigkeit weiter voranbringen. Die Regulierung wird
schärfer und konkreter. Zudem sehen wir heute schon, dass sich
Anleger aus Unternehmen in bestimmten Branchen - Tabak, Kohle, Erdöl
- zurückziehen. Diese Entwicklungen werden letztlich auch zu einem
Marktstandard führen.»

Christian Klein, der als Professor an der Universität Kassel zum
Thema nachhaltige Finanzwirtschaft forscht, ist überzeugt: «Die
Taxonomie hat das Potenzial, tatsächlich einen Mindeststandard zu
setzen.» Die Idee der Klassifizierung sei genial: «Zu klären, wenn
Nachhaltigkeit draufsteht, was ist denn drin?» Klein betont: «Wenn
Atomkraft in die Taxonomie aufgenommen wird, heißt das ja nicht, dass
in jedem nachhaltigen Fonds dann auch Atomkraft drin ist.»

Allerdings belegt der europäische Streit um die Anerkennung von
Atomkraft und Erdgas als klimafreundlich, wie dehnbar der Begriff
«Nachhaltigkeit» ist. «Im Sprachgebrauch gibt es unterschiedliche
Konzepte zum zuweilen schillernden Nachhaltigkeitsbegriff»,
konstatierte schon früher die Finanzaufsicht Bafin und mahnte
Verbraucher: «Seien Sie sich dessen bewusst.»

Dass der Vorstoß der EU-Kommission noch gestoppt werden kann, gilt
als äußerst unwahrscheinlich. Dazu müssten sich mindestens 20 Staaten

zusammenschließen, die mindestens 65 Prozent der EU-Gesamtbevölkerung
vertreten - oder mindestens 353 Abgeordnete im EU-Parlament.

EU-Taxonomie hin, Marktstandard her - wer als Anlegerin oder Anleger
«Greenwashing» bei der «grünen» Geldanlage vermeiden möchte, wi
rd
aller Voraussicht nach auch künftig selber genau hinschauen müssen.



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