«Trauriger Tag für Europa» - EU-Parlamentspräsident Sassoli ist tot Von Johannes Neudecker und Michel Winde, dpa

11.01.2022 14:18

Er war ein überzeugter Europäer und wurde für seine Menschlichkeit
geschätzt. Vor allem für die Rechte von Menschen auf der Flucht
setzte David Sassoli sich ein. Nun ist der Präsident des
Europaparlaments gestorben.

Aviano/Brüssel (dpa) - Europa trauert um den Präsidenten des
EU-Parlaments, David Sassoli. Der Italiener starb in der Nacht zum
Dienstag in einer Klinik seines Heimatlandes im Alter von 65 Jahren.
Spitzenpolitiker würdigten den in Florenz geborenen Sozialdemokraten
als leidenschaftlichen Europäer. Sassoli stand kurz vor dem regulären
Ende seiner Amtszeit als Parlamentspräsident.

«Heute ist ein trauriger Tag für Europa», sagte EU-Kommissionschefin

Ursula von der Leyen. Die EU verliere «einen leidenschaftlichen
Europäer, einen aufrichtigen Demokraten und einen guten Menschen».
Das Europaparlament und andere EU-Institutionen, aber auch der
Bundestag in Berlin setzten ihre Flaggen auf halbmast.

Kanzler Olaf Scholz ließ mitteilen: «Europa verliert einen
engagierten Parlamentspräsidenten, Italien einen klugen Politiker und
Deutschland einen guten Freund.» Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier würdigte Sassoli in einem Kondolenzschreiben als
«Verfechter eines sozialen Europas und ein charmantes und gewinnendes
Gesicht der EU-Institutionen». Außenministerin Annalena Baerbock
twitterte: «Als EP-Präsident gelang es ihm immer wieder, Gräben zu
überwinden und so das Parlament als Ganzes zu stärken. Wir werden
seinen überzeugten Einsatz für den menschlichen Umgang mit
Geflüchteten nicht vergessen.»

Sassoli war seit längerem gesundheitlich angeschlagen. Im September
wurde er mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt. Im
Herbst verpasste er wegen gesundheitlicher Probleme mehrere Tagungen
des Parlaments. In seiner letzten Plenarsitzung im Dezember wirkte er
geschwächt.

Eineinhalb Wochen später, am 26. Dezember, kam der Italiener dann
erneut ins Krankenhaus. Der Aufenthalt war nach Angaben des
Parlaments «wegen einer schweren Komplikation aufgrund einer
Funktionsstörung des Immunsystems» nötig. Am Dienstag um 1.15 Uhr
starb Sassoli in einer Klinik im nordostitalienischen Aviano. Zur
Todesursache wollte eine Sprecherin sich nicht äußern.

Als Präsident des Europäischen Parlaments war Sassoli seit Juli 2019
oberster Repräsentant des Hauses und leitete die Sitzungen des
Plenums. Immer wieder sprach er mit Leidenschaft über zentrale
europäische Werte und Menschenrechte. Dabei setzte er sich für die
Belange von Menschen auf der Flucht ein, zuletzt etwa bei einer
Privataudienz bei Papst Franziskus. Er galt als progressiver
Katholik.

Geboren wurde Sassoli am 30. Mai 1956 in Florenz. Er war verheiratet
und Vater zweier Kinder. Vor seiner politischen Karriere arbeitete er
als Journalist. Der studierte Politikwissenschaftler begann bei
kleineren Tageszeitungen. 1985 schaffte er es in die Redaktion der
römischen Zeitung «Il Giorno» (Der Tag). Später arbeitete er im
Fernsehen und moderierte die Hauptnachrichtensendung TG1 des
öffentlich-rechtlichen Senders Rai 1. Seine politische Karriere beim
Partito Democratico begann 2009 mit dem Einzug als Abgeordneter ins
EU-Parlament. 2014 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt, 2019 dann an
die Spitze des Parlaments.

Mitte Dezember erklärte Sassoli schließlich, nicht zur Wiederwahl als
Parlamentspräsident antreten zu wollen. Zuvor hatte er hinter den
Kulissen ausgelotet, ob eine Chance auf eine zweite Amtszeit besteht.
Seine rund zweieinhalbjährige Zeit an der Spitze des Parlaments war
vor allem von der Corona-Pandemie geprägt. Dadurch hatte Sassoli
seltener Gelegenheit, sich öffentlich zu profilieren.

Schon seit längerem steht fest, dass das Parlament kommende Woche
über Sassolis Nachfolge abstimmen wird. Als aussichtsreichste
Kandidatin gilt die Malteserin Roberta Metsola aus der
christdemokratischen EVP-Fraktion, die derzeit Erste Stellvertreterin
Sassolis ist. Sie schrieb am Dienstag auf Twitter: «Europa hat einen
Anführer verloren, ich habe einen Freund verloren, die Demokratie hat
einen Vorkämpfer verloren.»

Die Trauerfeier für David Sassoli soll am Freitag in der Basilika
Santa Maria degli Angeli e dei Martiri auf dem Platz der Republik in
Rom stattfinden.



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