Leid auf letzter Reise - EU-Parlament nimmt sich Tiertransporte vor Von Violetta Heise, dpa

20.01.2022 17:14

Brüllende Kälber, verletzte Hühner: Was Tieren auf Transporten durch

die EU widerfährt, ist oft alles andere als regelkonform. Weil sich
trotz aller Appelle seit Jahren wenig ändert, unternimmt das
EU-Parlament einen neuen Anlauf für mehr Tierwohl.

(dpa) - Ein Schwein ist fertig gemästet und soll geschlachtet werden.
Ein Kalb wird auf dem Milchbetrieb nicht gebraucht und soll in
Holland gemästet werden. Eine trächtige Kuh soll in Nordafrika kalben
und dort weiter Milch geben - all das sind Gründe, warum täglich
Millionen lebender Tiere durch Europa und über seine Grenzen hinaus
transportiert werden. Was sie auf dieser Reise erleben, ist oft
qualvoll: Da sind Hunger, Hitze, Enge und Verletzungen.

Seit vielen Jahren sind Missstände bekannt. Doch die Kontrollen der
bestehenden Regeln sind schwierig, und immer wieder schrecken
Skandale die Öffentlichkeit auf. Nun unternimmt das EU-Parlament
einen neuen Anlauf, um die Transportbedingungen für Tiere zu
verbessern.

Die Abgeordneten stimmten am Donnerstag über den Bericht eines
Untersuchungsausschusses ab, der gravierende Mängel bei der Umsetzung
der Regeln feststellt und Vorschläge zu besserem Tierschutz macht.
Ziel ist es, Druck auf die EU-Kommission aufzubauen, damit diese die
Regeln nachbessert und für konsequentere Kontrollen sorgt.

Eine, die das Leid der Tiere schon oft mit eigenen Augen gesehen hat,
ist Iris Baumgärtner, Vize-Vorstand der Tierschutzorganisation Animal
Welfare Foundation. Sie fährt regelmäßig Tiertransportern hinterher.

Unterschiedliche Tierarten litten auf Reisen unterschiedlich, sagt
Baumgärtner. «Hühner oder Puten sitzen in den Lkws stundenlang in
kleinen Containern oder Käfigen, in denen sie nicht einmal aufrecht
stehen können.» Viele klemmten sich die Füße oder die Flügel ein.

«Man sieht immer wieder tote oder verletzte Tiere dazwischen, aber
man kann ihnen nicht helfen, weil man nicht an sie rankommt.»

Bei Rindertransporten seien die teils quälend langen Stopps an
EU-Außengrenzen besonders problematisch, oft in sengender Hitze. «Die
Tiere stehen in ihren Exkrementen», sagt Baumgärtner. «Selbst wenn
man nur durch die offenen Lüftungsklappen filmt, tränen einem die
Augen von der Schärfe des Ammoniaks.» In Transportschiffen setzten
niedrige Decken, Seegang, Platzmangel und steile Laderampen den
Tieren zu.

Kälber, die noch auf Milch angewiesen sind, hungerten auf längeren
Transporten. Wenn sie einem Kälbertransporter hinterherfahre, höre
sie oft das Brüllen der Tiere, die seit Stunden keine Nahrung
bekommen hätten. Grundsätzlich bemängelt Baumgärtner, dass Tiere ga
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rechtmäßig über unbeschränkte Distanzen transportiert werden dürf
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wenn sie zwischendurch für vorgeschriebene Pausen an speziellen
Stationen abgeladen werden.

Die Probleme betreffen potenziell eine Riesenzahl an Tieren. Mehr als
1,6 Milliarden lebende Tiere wurden 2019 laut EU-Parlament innerhalb
der EU und aus der EU hinaus transportiert. Der Wert des Handels mit
lebenden Tieren innerhalb der EU belief sich 2018 laut EU-Parlament
auf 8,6 Milliarden Euro. Knapp drei Milliarden Euro brachte der
Handel mit lebenden Tieren mit Drittstaaten ein.

In dem nun verabschiedeten Text werden Vertragsverletzungsverfahren
gegen Mitgliedstaaten gefordert, die die Probleme nicht beheben,
sowie Transportverbote bei Extremtemperaturen. Fahrer sollen nach
Willen der Abgeordneten zudem verpflichtet werden, sofort einen
Tierarzt zu alarmieren, wenn Tiere in dem Transport verletzt sind.
Außerdem schlagen die Parlamentarier Überwachungskameras für Lkw vor

und ein Verbot von Transporten sehr junger Kälber, allerdings mit
Ausnahmen.

Ein Transportverbot für Jungtiere aller Arten unter fünf Wochen, so
wie es der Untersuchungsausschuss vorgeschlagen hatte, konnte sich
nicht gegen den Widerstand der Konservativen sowie vieler
Sozialdemokraten und Liberaler durchsetzen. Ebenfalls wurde die
Forderung gestrichen, für alle Tierarten jeweils eine Höchstdauer für

Transporte festzulegen, was von Tierschützern als besonders wichtig
erachtet worden war. «Für die Mehrheit von Tierarten bleiben wir bei
den aktuell zugelassenen 29 Stunden Lkw-Transport und unbegrenztem
Transport auf dem Schiff», bedauert die Grünen-Abgeordnete Anna
Deparnay-Grunenberg.

Für die Tierschützerin Iris Baumgärtner ist es besonders
unverständlich, dass die Abgeordneten sich nicht gegen den
Lebendtiertransport in Drittländer ausgesprochen haben. Dabei könnten
die Regeln hier grundsätzlich nicht eingehalten werden. «Es ist
anscheinend ein «Weiter so» gewünscht - und keine Reform der
Landwirtschaft», sagt sie.

Die Bundesregierung jedenfalls wolle ein EU-weites Verbot von
Langstreckentransporten lebender Nutztiere in Drittländer, erklärte
Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) bereits vor der
Abstimmung. «Besser ist ein Umlenken hin zu Transporten von Fleisch.»

Für die Europäische Union des Vieh- und Fleischhandels (UECBV)
dürften die Abstimmungsergebnisse eher erfreulich sein. Vorab hatte
sie mitgeteilt, man begrüße den Bericht in weiten Teilen. Eine
Senkung der erlaubten Transportzeiten sei allerdings nicht
zielführend, da der kritischste Faktor für das Wohlergehen der Tiere
während des Transports nicht die Transportdauer sei, sondern die Be-
und Entladungsvorgänge.



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