Gegen die Wegwerfgesellschaft - Lemke für Index zur Reparierbarkeit Von Basil Wegener, dpa

25.01.2022 05:45

Smartphones, Laptops, Fernseher - viele Geräte lassen schon nach
kurzer Nutzungsdauer den Berg an Elektroschrott weiter wachsen. Um
das zu ändern, setzt die Bundesregierung auch auf neue Hinweise für
die Verbraucher.

Berlin (dpa) - Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland sollen
nach Plänen der Bundesregierung defekte Handys oder andere Produkte
künftig leichter reparieren lassen können. «Mit dem Recht auf
Reparatur werden wir einen wichtigen Schritt aus der
Wegwerfgesellschaft gehen», sagte Bundesverbraucherschutzministerin
Steffi Lemke (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.
«Sinnvoll ist ein Reparierbarkeits-Index, auf dem man erkennen kann,
wie reparierfreundlich ein Produkt ist», so Lemke.

SPD, Grüne und FDP hatten in ihrem Koalitionsvertrag ein «Recht auf
Reparatur» angekündigt. Lebensdauer und Reparierbarkeit eines
Produktes sollen laut den Koalitionsplänen «zum erkennbaren Merkmal
der Produkteigenschaft» werden. Lemke verwies darauf, dass Frankreich
bereits mit einem Reparierbarkeits-Index vorangegangen sei. Hier war
Anfang vergangenen Jahres ein Index eingeführt worden, der anhand
verschiedener Kriterien darüber informiert, wie einfach sich
Smartphones, Laptops, Fernseher, Rasenmäher oder andere Geräte
reparieren lassen. Lemke sagte: «Ich möchte das im europäischen
Kontext entwickeln und in Deutschland einführen.»

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hatte die Bundesregierung zum
Jahreswechsel aufgefordert, das geplante Recht auf Reparatur bis
Mitte März auf den Weg zu bringen. Lemke sagte nun: «Ich will eine
breite gesellschaftliche Debatte anstoßen, die uns ein neues
Verständnis für den Umgang mit Konsumartikeln bringt.
Verbraucherinnen und Verbraucher sollen Produkte möglichst lange
nutzen können.»

Auf EU-Ebene gibt es bereits Reparaturvorgaben. So müssen Hersteller
von Waschmaschinen, Spülmaschinen, Kühlschränken und anderen großen

Haushaltsgeräten dafür sorgen, dass Ersatzteile sieben bis zehn Jahre
lang verfügbar sind. Vermindert werden sollen die enormen Mengen
Elektroschrott, die jährlich in Europa anfallen. Im Schnitt
produziert jeder Bundesbürger im Jahr mehr als zehn Kilo
Elektroschrott. Laut Europäischem Parlament werden nur 42 Prozent des
in der EU anfallenden Elektroschrotts recycelt.

Lemke skizzierte, was ein «Recht auf Reparatur» aus ihrer Sicht
konkret bringen soll. «Ganz konkret bedeutet das zum Beispiel:
Smartphones und Tablets müssen so gebaut sein, dass ihr Akku und ihre
Einzelteile - soweit technisch machbar - auf einfache Weise
herausgenommen und ausgetauscht werden können.» Die
Grünen-Politikerin sagte: «Niemand soll in Zukunft ein
funktionierendes Mobiltelefon wegwerfen müssen, nur weil der Akku
nicht mehr funktioniert.»

Die Industrie hatte im Grundsatz offen auf die Pläne reagiert - aber
je nach Produkt differenzierte Lösungen angemahnt. Bei großen
Haushaltsgeräten könne es ökologisch sinnvoller sein, neue,
energieeffiziente Produkte zu kaufen, als alte zu reparieren, hatte
der Branchenverband BDI angemerkt. Der Digitalverband Bitkom hatte
gemahnt, wenn künftig sämtliche Ersatzteile auf Halde produziert und
eingelagert würden, könne die Umweltbilanz negativ werden.

Im Koalitionsvertrag ist auch ein Zugang der Verbraucherinnen und
Verbraucher zu Ersatzteilen und Reparaturanleitungen vorgesehen.
Hersteller sollen während der üblichen Nutzungszeit zudem Updates
bereitstellen müssen.



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