Die WM als Mutmacher bei Armut? Infantinos Rolle als Samariter Von Patrick Reichardt und Jan Mies, dpa

27.01.2022 12:29

FIFA-Präsident Infantino kämpft ohne Kompromisse um eine WM im
Zweijahresrhythmus. Seine jüngsten Aussagen vor der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats muten reichlich absurd an. Die vehementen
Gegner aus Europa und Südamerika lassen nicht nach.

Straßburg/Zürich (dpa) - Diese Worte wurden selbst Gianni Infantino
zu heikel. Nur wenige Stunden, nachdem der FIFA-Präsident die
künftige Ausrichtung der Fußball-WM mit Not und Armut in Afrika in
Verbindung gesetzt hatte, ließ der mächtige Funktionär über den
Weltverband ausrichten, das habe er gar nicht so gemeint. Die
Geschichte vom Mittwoch in Straßburg zeigt zweierlei: Wie
kompromisslos und vehement Infantino sein Projekt der WM im
Zweijahresrhythmus antreiben will. Und: Wie wenig die Öffentlichkeit
das noch überrascht.

Dabei hatte Infantino vor der Parlamentarischen Versammlung des
Europarats auch über die Zukunft des weltweiten Fußballs referiert.
«Wir müssen den Afrikanern Hoffnung geben, dass sie nicht über das
Mittelmeer kommen müssen, um hier vielleicht ein besseres Leben
vorzufinden - aber wahrscheinlich den Tod im Meer. Wir müssen ihnen
Möglichkeiten und Würde geben», sagte der 51 Jahre alte Schweizer. So

hoch hatte selbst der FIFA-Boss das extrem umstrittene
Prestigeprojekt oder die vermeintliche Kraft des Fußballs zuvor noch
nie gehängt.

Begriffe wie «Hoffnung», «Emotionen» oder «Träume» prägen d
ie
Vorträge Infantinos, der im Werben für die Dauerfußball-WM immer mehr

in die Rolle des Samariters schlüpft. Den Reichen nehmen, den Armen
schenken: So begründet der FIFA-Boss gerne sein Vorhaben, mit dem das
wichtigste Fußballturnier künftig doppelt so häufig stattfinden soll

wie bislang. Doch diesmal hat sich Infantino übernommen - und deshalb
klarstellen lassen: «Dies war eine allgemeine Bemerkung, die sich
nicht direkt auf die Möglichkeit bezog, alle zwei Jahre eine FIFA-WM
auszutragen.» Seine Aussagen seien «aus dem Kontext gerissen» und
«missinterpretiert» worden.

Infantinos Einsatz für die vor allem von Europa und Südamerika massiv
abgelehnte Fußball-Revolution ist inzwischen enorm. Der Schweizer
riskiert viel. Wird die Reform abgeschmettert - und Infantino bekommt
auch sonst kein Zugeständnis von den resistenten Streitpartnern um
UEFA-Boss Aleksander Ceferin - ist das mehr als ein Gesichtsverlust.

Ceferin stellte unabhängig von den Aussagen über Afrika erneut klar,
dass die WM alle zwei Jahre für ihn und seinen Verband keine Option
darstelle. Der europäische Fußball stehe «fest» hinter einem
solidarischen Modell, das auch vom Europarat unterstützt wird. Die
jüngste Resolution lasse keinen Interpretationsspielraum zu. «Sie
enthält ein klares Nein zu egoistischen Superligen und ein klares
Nein zu extravaganten WM-Vorschlägen, hingegen ein kategorisches Ja
zur Zusammenarbeit im Hinblick auf den Schutz und die Stärkung
unseres Modells, das im Interesse des europäischen Fußballs und der
europäischen Gesellschaft ist», wurde Ceferin am Donnerstag zitiert.

Die UEFA ist im Kern dafür, den Rahmenterminkalender so zu belassen.
Das liegt natürlich auch an Eigeninteressen: Wird die WM, das
zweifellos bedeutendste aller Fußballturniere, im zweijährigen
Rhythmus gespielt, verlieren auch die UEFA-Wettbewerbe an Bedeutung
und Stellenwert. Europas Spitzenverband treibt stattdessen eigene
Projekte voran. So wird am 1. Juni 2022 erstmals eine sogenannte
Finalissima ausgetragen: Südamerika-Meister Argentinien trifft in
London auf Europameister Italien.

Auch eine Ausweitung der 2018 erstmals ausgespielten Nations League
mit den zehn Teams aus Südamerika ist eine Option. Solange Europa und
Südamerika geschlossen zusammenarbeiten, dürfte es für Infantino
schwer werden, sein Herzensprojekt durchzudrücken. Denn klar ist
auch: Ohne die Spitzenteams von diesen beiden Kontinenten würden
nicht nur alle Weltmeister der Geschichte fehlen, sondern auch der
sportliche Wert. Die UEFA und der südamerikanische Verband Conmebol
haben ihre Zusammenarbeit jüngst bis 30. Juni 2028 verlängert.



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