Selenskyj: Ukraine verdient Signal der EU - Die Nacht im Überblick

21.06.2022 05:41

Mit Blick auf ihren Widerstand gegen Russlands Invasion betont die
Ukraine ihr Recht auf eine EU-Perspektive. Menschen in besetzten
Regionen wird derweil zur Flucht geraten - wenn nötig auf vom Feind
besetztes Gebiet. Ein Überblick über die Entwicklungen in der Nacht.

Kiew (dpa) - Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat
bekräftigt, dass die Ukraine seiner Meinung nach zu Europa gehört und
den Status als EU-Beitrittskandidat verdient hat. Das von Russland
angegriffene Land beweise jeden Tag, dass es schon jetzt Teil eines
vereinten europäischen Werteraums sei, sagte Selenskyj in seiner
Videoansprache in der Nacht zu Dienstag. Die Bestrebungen der
Ukraine, der EU beizutreten, machten Russland sehr nervös, meinte er.

Die EU-Kommission hatte am Freitag empfohlen, die Ukraine und Moldau
zu Kandidaten für den Beitritt zur Europäischen Union zu ernennen.
Die Entscheidung darüber müssen nun die Staats- und Regierungschefs
der 27 EU-Länder bei ihrem Gipfel ab Donnerstag treffen.

Bei der Verteidigung gegen die russischen Invasoren geht es laut
Selenskyj auch darum, auf das Leid der Ukrainer aufmerksam zu machen
und so internationale Hilfe zu mobilisieren. Doch je länger der Krieg
dauere, desto schwieriger werde es, «um die Aufmerksamkeit von
Hunderten Millionen Menschen in verschiedenen Ländern zu
konkurrieren». Er werde dennoch «alles tun, damit die Aufmerksamkeit
für die Ukraine nicht nachlässt».

Sjewjerodonezk: Russische Truppen im Industriegebiet

In der heftig umkämpften Stadt Sjewjerodonezk drangen russische
Truppen ukrainischen Angaben zufolge in das Industriegebiet vor, wo
das eigene Militär nur noch das Chemiewerk Azot kontrolliere. Auch
umliegende Ortschaften stünden unter ständigem Beschuss, sagte
Gouverneur Serhij Hajdaj. Die russischen Truppen konzentrieren sich
seit einiger Zeit auf die Einnahme des Verwaltungszentrums
Sjewjerodonezk in Luhansk. Auch in anderen Gebieten im Osten und
zentralen Regionen des Landes gab es in der Nacht Luftalarm.

Hunderte Zivilisten im Chemiewerk Azot

Im Chemiewerk Azot hielten sich nach Angaben der ukrainischen
Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk zuletzt noch etwa 300
Zivilisten auf. Die Lage ändere sich allerdings ständig, sagte sie
nach Angaben der ukrainischen Agentur Ukrinform am Montag. Sollten
die dort Schutz suchenden Zivilisten evakuiert werden wollen, werde
man versuchen, einen Fluchtkorridor einzurichten. Am Samstag hatte
Gouverneur Hajdaj gesagt, die Zivilisten wollten nicht evakuiert
werden, es gebe jedoch ständigen Kontakt.

Nach Angaben der russischen Agentur Interfax konnten etwa 20
ukrainische Zivilisten das Chemiewerk am Montag verlassen. Sie hätten
einen nicht von ukrainischen Truppen kontrollierten Durchgang genutzt
und seien nun «in Sicherheit», sagte der Separatistenvertreter Rodion
Miroschnik demnach. Er warf der Ukraine vor, durch «ständigen
Beschuss» die Evakuierung der Zivilisten aus der Region zu behindern.

Ukraine beklagt Tote und Verletzte im Osten

Im Osten des Landes wurden nach Angaben ukrainischer Behörden im
Gebiet Donezk und in Charkiw durch russischen Beschuss jeweils drei
Zivilisten getötet und zwei weitere verletzt. In der Region Sumy soll
ein Zivilist getötet und ein weiterer verletzt worden sein. Die
Angaben waren nicht unabhängig zu prüfen. Nach einer Zählung der
Vereinten Nationen wurden seit Kriegsbeginn mindestens 4569
Zivilisten getötet und 5691 weitere verletzt, wobei die tatsächliche
Zahl auch nach UN-Schätzungen deutlich höher liegen dürfte.

Ukrainische Vize-Regierungschefin rät zu Flucht aus Cherson

Vize-Regierungschefin Wereschtschuk rief die Einwohner des von
russischen Truppen besetzten Gebiets Cherson auf, die Region zu
verlassen, bevor die ukrainische Armee eine größer angelegte
Gegenoffensive starte. Insbesondere Familien mit Kindern sollten
ausreisen. «Bitte gehen Sie, denn unsere Armee wird dieses Land
definitiv räumen», appellierte Wereschtschuk. Sie erwarte dort
schwere Kämpfe und dann werde es schwierig, Fluchtkorridore
einzurichten.

Wereschtschuk empfahl den Menschen sogar - wenn nötig - eine Flucht
auf die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim, die an
Cherson grenzt. Normalerweise ist für Reisen dorthin eine Erlaubnis
der ukrainischen Behörden notwendig - für fliehende Menschen aber sei
ein vorübergehender Aufenthalt auf der Krim straffrei, betonte
Wereschtschuk.

Ukraine ratifiziert Istanbul-Konvention

Das ukrainische Parlament ratifizierte am Montag die sogenannte
Istanbul-Konvention - ein Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung
von Gewalt gegen Frauen. «Ich bin allen Volksabgeordneten dankbar,
die unsere europäische Integration unterstützt haben», sagte
Selenskyj. Russland und die Ukraine waren ursprünglich beide
Mitglieder des Europarats. Am 25. Februar wurde Russlands
Mitgliedschaft infolge der Invasion in die Ukraine zunächst
suspendiert. Nachdem der Kreml am 15. März den Austritt der
Russischen Föderation erklärte, wurde das Land endgültig aus dem
Europarat ausgeschlossen.

Das bringt der Tag

Die Folgen des Ukraine-Kriegs für die Energieversorgung in
Deutschland dürften das größte Thema beim Tag der Industrie am
Dienstag in Berlin sein. Auf dem Kongress des Bundesverbands der
Deutschen Industrie werden neben Kanzler Olaf Scholz (SPD) unter
anderen Finanzminister Christian Lindner (FDP) und
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erwartet.



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