Nachhaltigkeit in der Finanzberatung: Schub für «grüne» Anlagen?

01.08.2022 05:20

In Umfragen sagen viele Menschen, ihnen sei Nachhaltigkeit in der
Geldanlage wichtig. Aber was bedeutet das genau? Demnächst müssen
Anlageberater genau abklopfen, zu welchem Anteil Kundinnen und Kunden
in «grüne» Produkte investieren wollen.

Frankfurt/Main (dpa) - Die EU-Kommission will mehr Geld in «grüne»
Anlagen lenken. Vom 2. August an wird es für Banken und
Vermögensverwalter ernst: Ab dann müssen sie bei der Anlageberatung
die Vorzüge der Kundschaft beim Thema Nachhaltigkeit abfragen.

Worum geht es?

Egal ob Investmentfonds, Aktie oder Rentenprodukt - Bankberater und
Versicherungsvermittler sind vom 2. August an verpflichtet, Kundinnen
und Kunden zu fragen, ob sie «grün» investieren wollen und welche
Präferenzen sie dabei haben. Dies muss dann bei der Produktauswahl
berücksichtigt werden. Die Regelung ist Teil einer ganzen Reihe neuer
EU-Vorgaben, die unter dem Kürzel «Mifid II» schrittweise in Kraft
treten. Es geht also bei der Anlageberatung künftig nicht mehr nur um
Renditechancen und Risiko, sondern auch um Umwelt, Soziales und gute
Unternehmensführung: Die Abkürzung ESG (englisch für: Environmental
Social Governance) hält gewissermaßen Einzug in die Beratung.

Gibt es einheitliche Regeln für «grüne» Investments?

Die EU-Kommission in Brüssel hat mit der Taxonomie eine Art Katalog
für klimafreundliche Investitionen auf den Weg gebracht. Für Kritik
sorgt, dass es in diesem Rahmen von Januar 2023 an auch als
klimafreundlich gilt, Geld in bestimmte Gas- und Atomkraftwerke zu
stecken. Das finden unter anderem Umweltschützer falsch. Anleger
müssen sich also weiterhin sehr gut informieren, was sich hinter
Finanzprodukten verbirgt, die als «nachhaltig» vermarktet werden.

«Die Umsetzung der Mifid-II-Vorgaben ist für Berater ein Wahnsinn»,
sagt Christian Klein, der als Professor an der Universität Kassel zum
Thema nachhaltige Finanzwirtschaft forscht. «Das eine Problem ist:
Wie kann in kurzer Zeit einem Kunden erklärt werden, was zum Beispiel
Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind? Das Hauptproblem ist dann
das sogenannte Mapping: Wie findet ein Berater die passenden
Produkte, die der Kunde dann auch kauft?»

Der Fondsverband BVI erklärte auf Nachfrage: «Dass es trotz
unzähliger technischer Details und Vorschriften noch kein
einheitliches Verständnis gibt, was nachhaltig ist, ist tatsächlich
ein Problem.» Mehr Klarheit können nach Ansicht des BVI nur
europäische beziehungsweise internationale Mindeststandards schaffen:
«Das gilt für ESG-Daten, die Unternehmensberichterstattung und
Anforderungen an nachhaltige Produkte gleichermaßen. Deshalb setzen
wir uns für solche internationalen Mindeststandards ein.»

Was bedeutet die neue Regelung in der Praxis?

Angenommen, ein Kunde will von 10 000 Euro 60 Prozent in ökologisch
nachhaltige Anlagen im Sinne der EU-Taxonomieverordnung stecken. In
diesem Fall könnte ein Anlageberater für 6000 Euro ein nachhaltiges
Finanzprodukt empfehlen und für die restlichen 4000 Euro ein Produkt,
das überhaupt nichts mit ESG zu tun hat.

Sind «grüne» Finanzprodukte tatsächlich «grün»?

Nach Einschätzung von Bankenpräsident Christian Sewing nimmt die
Finanzbranche die Herausforderungen des Klimawandels sehr ernst. «Die
Finanzbranche setzt inzwischen viel Ressourcen dafür ein, genau
darauf zu achten, dass das, was wir als grün bezeichnen, auch
wirklich grün ist», sagte der Deutsche-Bank-Chef in seiner Funktion
als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) kürzlich im
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Allen Marktteilnehmern ist
bewusst, wie gefährlich Vorwürfe von Greenwashing sind.»

Was ist der Zweck der neuen Vorgaben?

Die Politik will mehr Geld dorthin lenken, wo es dem Klima und der
Umwelt nutzt, statt diesen zu schaden: Klimaschutz, Anpassung an den
Klimawandel, nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen, Wandel zu
einer Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Verschmutzung sowie Schutz
von Ökosystemen und Biodiversität u.ä. Die Europäische Union hat si
ch
zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein, Deutschland will das
schon bis 2045 schaffen. Das heißt: Klimaschädliche Gase wie
Kohlendioxid (CO2) sollen von da an vermieden oder gespeichert
werden. Der Umbau der Wirtschaft von «braun» zu «grün» wird nach

Einschätzung von Experten nur gelingen, wenn neben öffentlichen
Milliarden auch Privatleute ihn mit ihren Investitionen mittragen.

Wie gefragt sind nachhaltige Geldanlagen bislang?

Die Tendenz ist steigend. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG)
beziffert die Gesamtsumme nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland zum
31. Dezember 2021 auf 501,4 Milliarden Euro. Das waren fast 50
Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil nachhaltiger Fonds am
gesamten deutschen Markt stieg demnach binnen Jahresfrist deutlich
von 6,4 Prozent auf 16,7 Prozent.

Werden die neuen Regeln für einen weiteren Schub sorgen?

«In Umfragen sagen die meisten Deutschen seit Jahren, dass sie das
Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage total spannend finden. Aber
sie setzen es nicht um», sagt der Kasseler Professor Klein. «Ich bin
überzeugt: Wenn das jetzt den Kunden aktiv angeboten wird, werden wir
eine riesige Nachfrage bekommen. Das holpert vielleicht am Anfang,
weil die Materie komplex ist. Aber ich denke, dass viele Anleger am
Ende nicht den 0815-Fonds kaufen werden, sondern irgendetwas Grünes.»

Der Fondsverband BVI ist allerdings skeptisch, dass der Bedarf auch
ab sofort in jeder Hinsicht gedeckt werden kann: «In der ersten Zeit
wird es voraussichtlich nicht genügend Produkte geben, um alle
denkbaren Präferenzen der Kunden zu bedienen.»



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