Währungshüter Nagel mahnt entschlossenes Vorgehen gegen Inflation an

29.07.2022 08:28

Seit 65 Jahren steht die Bundesbank für eine stabile Währung. Aktuell
ist die Herausforderung angesichts der Rekordinflation besonders
groß. Der amtierende Notenbank-Präsident Joachim Nagel hat eine klare
Forderung an seine Kolleginnen und Kollegen im Eurosystem.

Frankfurt/Main (dpa) - Bundesbank-Präsident Joachim Nagel dringt auf
ein entschlossenes Vorgehen gegen die Rekordinflation. «Wir können
und müssen jetzt alles daransetzen, um zu verhindern, dass sich die
aktuell so hohe Teuerung verfestigt», sagte Bundesbank-Präsident
Joachim Nagel der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. «Die immer
noch sehr expansive Ausrichtung der Geldpolitik muss zügig beendet
werden, und die nun beschlossene Leitzinsanhebung ist dafür ein
erster, wichtiger Schritt.» Nagel betonte: «Preisstabilität ist kein

Selbstläufer, sondern muss entschlossen verteidigt werden.»

Im Juni lagen die Verbraucherpreise im Euroraum um 8,6 Prozent über
dem Niveau des Vorjahresmonats. Die EU-Kommission rechnet für das
Gesamtjahr 2022 mit durchschnittlich 7,6 Prozent Inflation im
Währungsraum der 19 Länder. Das wäre ein historischer Höchstwert un
d
weit über dem von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten
stabilen Preisniveau mit einer jährlichen Teuerungsrate von zwei
Prozent. Um die Inflation zu dämpfen, hatte der EZB-Rat, dem Nagel
angehört, am 21. Juli die erste Zinserhöhung seit elf Jahren
beschlossen. Eine höhere Inflation schmälert die Kaufkraft von
Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro weniger leisten können.

«Jetzt ist es unsere Aufgabe, zusammen mit den anderen nationalen
Zentralbanken und der EZB dafür zu sorgen, dass unsere gemeinsame
Währung stabil bleibt», sagte Nagel. «Wir arbeiten mit aller Kraft
daran, die Inflationsrate wieder auf den Zielwert von zwei Prozent zu
senken. Und dort wollen wir sie halten, auch wenn uns Klimawandel und
Energiewende, demografischer Wandel und Digitalisierung als
Zentralbanken herausfordern.»

Über inzwischen 65 Jahre hat sich die Deutsche Bundesbank weltweit
als «Hort der Stabilität» einen Namen gemacht. Das schier
unerschütterliche Vertrauen der Deutschen in ihre Notenbank ist
geradezu legendär: «Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle
glauben an die Bundesbank» - auf diesen Punkt brachte es 1992 der
Franzose Jacques Delors, damals Präsident der EU-Kommission.

Am 26. Juli 1957 wurde das «Gesetz über die Deutsche Bundesbank»
unterzeichnet. Mit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. August 1957 nahm
die Bundesbank ihre Arbeit auf. Nagel, der seit Anfang 2022 amtiert,
ist der zwölfte Bundesbank-Präsident in der Geschichte der Notenbank.

Als Zentralbank der noch jungen Bundesrepublik stand die Frankfurter
Institution vor allem für die Härte der D-Mark. Mit dem
Zusammenrücken Europas wurde die Bundesbank im Jahr 1999 Teil des
Eurosystems, dem derzeit 19 Staaten angehören.

Er freue sich, wenn zum 1. Januar 2023 Kroatien als zwanzigstes Land
in den Kreis der Länder mit der europäischen Gemeinschaftswährung
aufgenommen werde, sagte Nagel. «Was uns im EZB-Rat eint, ist das
gemeinsame Streben nach Preisstabilität im Euroraum. Klar ist aber
auch: Damit die Währungsunion ein Erfolg bleibt, müssen die
Mitgliedstaaten ihrer Verantwortung gerecht werden. Das betrifft die
Wirtschaftspolitik, aber auch die Finanzpolitik.»

Der Bundesbank-Präsident ist an den Entscheidungen des obersten
Entscheidungsgremiums der EZB, dem EZB-Rat beteiligt, hat aber wie
die Vertreter der anderen Euroländer nur eine Stimme - auch wenn
Deutschland Europas größte Volkswirtschaft ist. Nagel äußerte sich

überzeugt: «Die Bundesbank ist und bleibt eine starke Stimme der
Stabilitätskultur und sie wird gut gehört.»



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