Russland dreht am Gashahn - Kommt bald die Notfallstufe? Von Helge Toben und Andreas Hoenig, dpa

27.07.2022 11:52

Die Erleichterung über die Wiederaufnahme der russischen
Gaslieferungen nach der Wartung von Nord Stream 1 währte nur kurz. Ab
Mittwoch will Gazprom den Hahn wieder halb zudrehen. Experten
glauben, dass sich eine «Gasmangellage» noch vermeiden lässt. Es gibt

aber auch Skepsis.

Berlin/Köln (dpa) - Aus Russland fließt immer weniger Gas nach
Europa. Am Mittwoch hat der russische Energiekonzern Gazprom die
Liefermenge durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland
wie angekündigt nochmal um die Hälfte verringern - auf nur noch 20
Prozent der maximalen Kapazität. Muss daher demnächst der Staat die
Gasverteilung in Deutschland übernehmen? Dies wäre bei der
Notfallstufe im Notfallplan Gas der Fall. Experten glauben, dass sich
dies noch abwenden lässt. Es kommt vor allem auf eins an: mehr Gas
sparen.

«Im Gas sparen liegt der Schlüssel zur Vermeidung einer möglichen
Gasmangellage», sagt etwa die Energie-Ökonomin Claudia Kemfert vom
Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Gasspeicher
könnten nur dann ausreichend befüllt werden, wenn Gas eingespart
werde. «Die geplanten Auktionen, bei denen die Industrien sich
bewerben können und Entschädigungen für das Gassparen bekommen,
sollten sofort begonnen werden», sagte Kemfert der Deutschen
Presse-Agentur. Zudem müsse man Haushalten helfen, Gas zu sparen.
«Prämien wären sinnvoll.» Um die Gasmangellage zu verhindern, müs
se
dringend mehr getan werden, um Gas einzusparen. «Wir sind sehr spät
dran, was unsere Anstrengungen beim Gassparen angeht.»

Auch für Andreas Fischer vom Institut der deutschen Wirtschaft steht
noch nicht fest, dass die Notfallstufe im Notfallplan Gas ausgerufen
werden wird. «Ob es zu einer Gasmangellage kommt, kann noch nicht
abschließend gesagt werden», sagte der Ökonom. «Vor allem, weil man

nicht weiß, wie sich die russischen Lieferungen in den kommenden
Wochen und Monaten entwickeln.» Es sei weiter wichtig, einerseits Gas
einzusparen und andererseits umfangreich verflüssigtes Erdgas (LNG)
nach Europa zu importieren. «Nur so ist eine weitere Einspeicherung
für den Winter möglich.» Eine schnelle Umsetzung der geplanten
deutschen LNG-Terminals in den kommenden Monaten sei «essenziell».

Und was sollen Gas-Haushaltskunden machen? «Geld zur Seite legen und
Energie sparen», rät der Energieexperte der Verbraucherzentrale
Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding. Er hält es für möglich, dass mit

der nächsten Abrechnung die Abschläge auf das Drei bis Vierfache
angehoben werden. Er berichtete von einem Fall aus NRW, wo ein
Versorger von einem privaten Kunden künftig das Fünffache dessen
haben will, was er bislang zahlen musste. Kostete bei diesem Kunden
die Kilowattstunde Erdgas bislang knapp 5 Cent, sollen es demnächst
25 Cent sein. Zum Vergleich: Im Schnitt zahlten Haushaltskunden 2021
laut Bundesnetzagentur 6,68 Cent je Kilowattstunde Erdgas.

Sieverding glaubt, dass wegen der stark gestiegenen
Beschaffungspreise nach und nach alle Versorger die Preise anheben
werden. Diese Entwicklung werde noch lange anhalten: «Was uns
bevorsteht, ist, dass sich die Mischkalkulation der Versorger in den
nächsten zwei bis drei Jahren herauswächst und wir uns dann bei 20
bis 25 Cent je Kilowattstunde Gas wiedertreffen.»

Auch die Energiewirtschaft ruft zum Sparen auf: «Es gilt jetzt, so
gut wie möglich vorzusorgen», sagt Kerstin Andreae, Vorsitzende der
Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und
Wasserwirtschaft (BDEW). «Wir müssen alles in die Waagschale werfen.
Je mehr Gas heute schon eingespart wird, desto mehr können wir für
die Speicherbefüllung nutzen.» Je voller die Speicher seien, desto
besser komme man durch den Winter: «Ziel muss bleiben, mit vollen
Gasspeichern in die Heizsaison zu gehen. Hier kann und muss jeder
mithelfen - vom Industriebetrieb bis zum einzelnen Haushalt.»

Die Gaswirtschaft ist in Sachen Speicherbefüllung skeptisch: «Sollte
es bei einer auf 20 Prozent reduzierten Liefermenge bleiben, ist eine
ausreichende Befüllung der Gasspeicher in unseren Augen nicht
realistisch», sagte der Vorstand des Branchenverbandes Zukunft Gas,
Timm Kehler. Aktuell drohe wegen der hochsommerlichen Temperaturen
und aufgrund der zuverlässigen Lieferungen aus Norwegen und den
Niederlanden aber keine Gasmangellage.

Das Gasspeichergesetz soll noch einmal verschärft werden mit einem
neuen Zwischenziel für den 1. September von 75 Prozent. Zum 1.
Oktober sollen die Speicher zu 85 Prozent voll sein statt wie bisher
geplant zu 80 Prozent und zum 1. November zu 95 statt wie bisher 90
Prozent. Am Dienstag lag der Speicherstand bei 66,4 Prozent.

Die Speicher voll zu bekommen, hat oberste Priorität für die
Bundesregierung, um möglichst gewappnet zu sein für den Winter. Wie
Russland aber weiter agiert, ist unklar. «Das Regime von Wladimir
Putin hat sich als Gaslieferant disqualifiziert, die Entwicklung der
letzten Wochen zeigt, dass wir uns auf Gazprom nicht mehr verlassen
können», sagte Kehler. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)
sagte, es gebe anders als von Russland behauptet keine technischen
Gründe für die Lieferkürzungen: «Putin spielt ein perfides Spiel.
»



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