Deutschland muss zehn Milliarden Kubikmeter Gas sparen Von Laura Dubois und Andreas Hoenig, dpa

04.08.2022 14:03

Die EU-Länder haben sich vorgenommen, ihren Gasverbrauch um
mindestens 15 Prozent bis zum Frühling zu reduzieren. Die Menge, die
Deutschland einsparen muss, ist nach Zahlen aus Brüssel riesig.

Brüssel (dpa) - Um das EU-Einsparziel von 15 Prozent zu erreichen,
muss Deutschland so viel Gas einsparen wie fünf Millionen vierköpfige
Haushalte durchschnittlich im Jahr verbrauchen. Nach einer Rechnung
der Deutschen Presse-Agentur basierend auf Daten der EU-Kommission
muss die Bundesrepublik von Anfang August bis März nächsten Jahres
gut zehn Milliarden Kubikmeter weniger Gas verbrauchen, um das von
allen EU-Ländern beschlossene Ziel zu erreichen. Damit muss die
Bundesrepublik in absoluten Zahlen mehr sparen als alle anderen
EU-Länder.

Das liegt daran, dass Europas größte Volkswirtschaft auch am meisten
Gas konsumiert. Insgesamt muss die EU rund 45 Milliarden Kubikmeter
Gas weniger verbrauchen - Deutschland müsste also mit 10,35
Milliarden Kubikmetern fast ein Viertel davon einsparen. Das steht in
Proportion zur wirtschaftlichen Kraft der Bundesrepublik, denn sie
ist auch für fast ein Viertel der EU-Wirtschaftsleistung gemessen am
Bruttoinlandsprodukt (BIP) verantwortlich.

Andere Länder müssen zwar mengenmäßig weniger Gas sparen, dies steh
t
aber teils nicht in Proportion zu der Wirtschaftsleistung. Auf Platz
zwei bei der Einsparmenge liegt Italien mit über acht Milliarden
Kubikmetern - im Vergleich zum BIP ist das verhältnismäßig viel.
Frankreich muss ungefähr fünf Milliarden Kubikmeter weniger
verbrauchen, das ist verglichen mit der Wirtschaftsleistung eher
wenig. Das 15-Prozent-Ziel gilt für alle EU-Länder, ist jedoch
zunächst freiwillig.

Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine haben sich die
EU-Länder auf einen Notfallplan geeinigt, da ein Lieferstopp von
russischem Gas befürchtet wird. Der Plan sieht vor, den nationalen
Gaskonsum im Zeitraum vom 1. August 2022 bis zum 31. März 2023
freiwillig um 15 Prozent zu senken - im Vergleich zum
Durchschnittsverbrauch in dem gleichen Zeitraum in den vergangenen
fünf Jahren. Falls nicht genug gespart wird und es weitreichende
Versorgungsengpässe gibt, kann ein Unionsalarm mit verbindlichen
Einsparzielen ausgelöst werden.

Deutschland ist nach Ansicht von Bundeswirtschaftsminister Robert
Habeck (Grüne) bereits auf einem guten Weg. Demnach liegt die
Bundesrepublik bei 14 oder 15 Prozent Einsparungen - allerdings im
Vergleich zum Vorjahr und nicht temperaturbereinigt. Daher dürfte die
relevante Prozentzahl deutlich niedriger sein. Eine konkrete Zahl
nannte das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage nicht. Man sei in
den Berechnungen und bereits getroffene Maßnahmen würden mit
einbezogen.

Weitere Maßnahmen müssten jedoch folgen, um das Einsparziel zu
erreichen. Aus dem Ministerium hieß es auch, dass man für Deutschland
eine größere Einsparnotwendigkeit als die von den EU-Ländern
beschlossenen 15 Prozent sehe.

Die deutsche Industrie wirft der Bundesregierung mangelnde
Geschwindigkeit im Umgang mit der Energiekrise vor. «Es geht jetzt um
Entschlossenheit und Schnelligkeit», sagte der Präsident des
Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, der
dpa. Russwurm forderte mehr Tempo bei der Umsetzung beschlossener
Maßnahmen, wie dem Ersatz der Stromerzeugung aus Gas durch das
Wiederanlaufen von Kohlekraftwerken. «Das ist nicht die
Geschwindigkeit, die Deutschland im Krisenmanagement braucht.
Deutschland befindet sich in der größten Energiekrise seit Bestehen
der Bundesrepublik.»

Russwurm kritisierte außerdem, der Brennstoffwechsel in Betrieben weg
von Gas zum Beispiel zurück auf Öl werde durch langwierige
Genehmigungsverfahren ausgebremst. Dabei geht es um den Ausstoß von
Schadstoffen. «Zum Krisenmanagement gehört es, dass Behörden
Brennstoffumstellungen und andere Gaseinsparprojekte schnell
genehmigen», sagte der BDI-Präsident.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach sich derweil
erneut für den Weiterbetrieb der drei noch aktiven Atomkraftwerke in
Deutschland aus. «Es wäre irrwitzig, diese Reaktoren jetzt
abzuschalten», sagte der CDU-Politiker in einem Interview der
«Leipziger Volkszeitung» (Donnerstagausgabe).

Erdgas trägt zu rund zehn Prozent zur Stromproduktion in Deutschland
bei. Durch den Weiterbetrieb der AKW im kommenden Jahr ließe sich
demnach theoretisch Gas einsparen. Habeck hat unlängst einen neuen
Stresstest zur Stromversorgung angeordnet. Ergebnisse sollen laut
Ministerium in den nächsten Wochen vorliegen.

Der SPD-Fraktionsvize im Bundestag, Matthias Miersch, forderte
indessen einen Energie-Gipfel der Regierung mit Ländern und Kommunen.
«Wir müssen das Thema Einsparungen auf die Tagesordnung setzen»,
sagte er am Donnerstag in der Sendung «Frühstart» von RTL/ntv.



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