Özdemir ermöglicht Bauern über EU-Regeln mehr Weizenanbau

05.08.2022 19:39

Russlands Krieg gegen die Ukraine belastet auch die internationalen
Agrarmärkte: Mengen werden knapper, Preise steigen. Deutsche
Landwirte können nun begrenzt zusätzliches Getreide anbauen.

Berlin (dpa) - Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) will
angesichts angespannter Getreidemärkte infolge des Ukraine-Krieges
Bauern in Deutschland ermöglichen, Agrarflächen für den Anbau
bestimmter Pflanzen zur Nahrungsmittelproduktion länger zu nutzen.
Ein am Freitag vorgelegter Kompromissvorschlag Özdemirs sieht nach
Angaben seines Ministeriums ein einmaliges Aussetzen der
EU-Neuregelungen zu Flächenstilllegung und Fruchtwechsel vor. Demnach
sollen unter anderem die eigentlich geplanten zusätzlichen
Artenschutzflächen erst 2024 eingeführt werden. Bauern könnten dann
im kommenden Jahr auf diesen Flächen weiter Nahrungsmittel anbauen.

Hintergrund sind ab 2023 greifende EU-Vorgaben, wonach ein Teil der
Landwirtschaftsflächen dem Artenschutz dienen und zudem der Anbau
derselben Ackerpflanze zwei Jahre in Folge auf derselben Fläche zum
Bodenschutz grundsätzlich nicht mehr möglich sein soll. Die Umsetzung
der Vorgaben hatte Brüssel aber den jeweiligen EU-Staaten überlassen.
Özdemir hat nun den Bundesländern seinen Vorschlag zur Umsetzung der
Kommissionsentscheidung unterbreitet, der ein Aussetzen von
Fruchtwechsel und Flächenstilllegung vorsieht.

Nach Ministeriumsangaben soll die erstmalige verpflichtende
Flächenstilllegung im kommenden Jahr einmalig ausgesetzt werden.
Stattdessen solle weiter ein landwirtschaftlicher Anbau möglich sein,
«allerdings im Sinne der Ziele des Kommissionsvorschlags
eingeschränkt auf die Produktion von Nahrungsmitteln, daher auf die
Kulturen Getreide (ohne Mais), Sonnenblumen und Hülsenfrüchte (ohne
Soja)», hieß es. Das gelte nur für die Flächen, die nicht bereits
2021 und 2022 als brachliegendes Ackerland ausgewiesen gewesen seien:
«Die bestehenden Artenvielfaltsflächen werden dadurch weiterhin
geschützt und können ihre Leistung für Natur- und Artenschutz sowie
eine nachhaltige Landwirtschaft erbringen.»

Zudem ist die EU den Angaben zufolge Özdemirs Vorschlag gefolgt und
lässt eine Ausnahme beim Fruchtfolgenwechsel zu. Die entsprechende
Regelung werde 2023 einmalig ausgesetzt. Damit könnten Landwirte in
Deutschland auf etwa 380 000 Hektar ausnahmsweise Weizen nach Weizen
anbauen. Nach wissenschaftlichen Berechnungen könnten damit bis zu
3,4 Millionen Tonnen Weizen angebaut werden. So gelinge es am besten,
«die Getreideerträge in Deutschland stabil zu halten und damit zur
Stabilität der Weltmärkte beizutragen», hieß es.

Özdemir sagte, Russlands Präsident Wladimir Putin spiele mit dem
Hunger, und er tue dies auf Kosten der Ärmsten in der Welt. Zugleich
sei der Hunger bereits dort am größten, wo die Klimakrise schon voll
zugeschlagen habe. «Für mich gilt daher, dass jede Maßnahme zur
Lösung einer Krise darauf hin überprüft werden muss, dass sie eine
andere nicht verschärft», sagte der Grünen-Politiker. Die
Landwirtschaft in Deutschland habe ein Angebot gemacht, durch
Beibehalten der Produktion die Getreidemärkte zu beruhigen.

Die Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland wissen laut Özdemir
nun, was sie in wenigen Wochen aussäen dürfen. Er sei auf das Angebot
eingegangen, ohne damit zugleich Verschlechterungen beim Artenschutz
und Klimaschutz zu bewirken. Denn Artenvielfaltsflächen und
Landschaftselemente, die schon etabliert seien, blieben unangetastet
und dürften nicht umgebrochen werden.

Die Länder müssen diesem Kompromiss Özdemirs den Angaben zufolge noch

zustimmen.



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