Europäer und Selenskyj suchen Linie mit Trump zur Ukraine Von Jörg Blank, Anna Ringle und Andreas Stein, dpa
13.08.2025 04:46
Vor Trumps Ukraine-Gipfel mit Putin schalten sich die Europäer mit
dem US-Präsidenten zusammen. Erreichen Merz & Co., dass sie nicht vor
vollendete Tatsachen gestellt werden?
Berlin (dpa) - Bleiben die Europäer und Wolodymyr Selenskyj außen
vor, wenn Donald Trump und Wladimir Putin am Freitag in Alaska über
die Zukunft der Ukraine verhandeln? Bei einer von Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) initiierten Videokonferenz, an der heute auch
der ukrainische Präsident teilnehmen soll, wollen europäische Staats-
und Regierungschefs das verhindern. Bei der Schalte mit dem
US-Präsidenten geht es für die Europäer und die Ukraine darum, eine
gemeinsame Linie mit Trump für dessen Treffen mit Kremlchef Putin im
nördlichsten US-Bundesstaat zu finden.
Wie sieht der Fahrplan für die Videoschalten aus?
Merz will enge europäische Verbündete der Ukraine um 14.00 Uhr im
Lagezentrum des Kanzleramts zu einer Vorbesprechung der
Folgeberatungen mit Trump zusammenschalten. Teilnehmen sollen die
Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Großbritannien, Italien,
Polen und Finnland, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen,
EU-Ratspräsident António Costa, Nato-Generalsekretär Mark Rutte sowie
Selenskyj.
Bei der von 15.00 Uhr an geplanten Videoschalte mit Trump soll auch
dessen Vizepräsident JD Vance dabei sein. Im Anschluss will der
Bundeskanzler die Ergebnisse in einer Runde aus Mitgliedern der
sogenannten Koalition der Willigen unter Federführung von
Deutschland, Frankreich und Großbritannien nachbesprechen. Merz
plant, die Öffentlichkeit nach der Schalte mit Trump in einer
Pressekonferenz zu informieren.
Was wollen die Europäer erreichen?
Die Europäer und Selenskyj befürchten, dass sich Trump und Putin in
Alaska auf Gebietsabtretungen der Ukraine an Russland verständigen
könnten, die Kiew strikt ablehnt. Sie dürften von Trump eine Zusage
erreichen wollen, dass er mit Putin keinen Deal über die Köpfe der
Ukrainer und der Europäer hinweg macht. Aber wird er darauf eingehen?
Und selbst wenn: Hält sich der US-Präsident daran - und falls ja, wie
lange?
Der deutsche Regierungssprecher Stefan Kornelius hatte erklärt, bei
den Gesprächen solle es um weitere Handlungsoptionen gehen, um Druck
auf Moskau zu erzeugen. Zudem solle über die Vorbereitung möglicher
Friedensverhandlungen und damit verbundene Fragen zu
Gebietsansprüchen und Sicherheiten gesprochen werden. Der britische
Premierminister Keir Starmer forderte erneut Sicherheitsgarantien für
die Ukraine.
Außenminister Wadephul: Gewalt darf keine Grenzen verschieben
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte nach einer
Schaltkonferenz mit seinen EU-Kolleginnen und -Kollegen am Montag den
deutschen Kurs für das Gespräch mit Trump abgesteckt - und
Spekulationen über Gebietsabtretungen der Ukraine für einen Frieden
mit Russland eine Absage erteilt. «Gewalt darf keine Grenzen
verschieben», schrieb er auf X. Deutschland unterstütze Trumps Ziel,
den russischen Angriffskrieg zu beenden. Ergebnis müsse ein gerechter
und dauerhafter Friede sein.
Im ZDF-«heute journal» sagte Wadephul aber auch, die Ukraine wisse,
dass die Verhandlungen mit Russland schwierig würden. Kiew werde
«möglicherweise auch Verzichte» zu erwarten haben. «Aber das ist
später zu entscheiden.» Mit Blick auf den Ukraine-Gipfel von Trump
und Putin ergänzte er, es gehe um die europäische Sicherheit. «Wir
werden nicht zulassen, dass über die Köpfe der Europäer hinweg hier
entschieden wird.»
Welches Ziel hat Trump beim Gespräch mit Putin?
Trump stellt das am Freitag in der Stadt Anchorage geplante Treffen
mit Putin als Versuch dar, einem Ende des seit rund dreieinhalb Jahre
andauernden russischen Angriffskriegs näherzukommen. In diesem
Zusammenhang sprach er von einem möglichen Gebietstausch zwischen der
Ukraine und Russland. Am Montag versicherte Trump in Washington aber
auch: «Ich werde keinen Deal machen» - dies sei nicht seine Aufgabe.
Eine Waffenruhe würde er dennoch gern sehen, fügte er hinzu.
Das Weiße Haus bestätigte, dass am Freitag ein Einzelgespräch
zwischen den beiden Präsidenten geplant sei. Selenskyj ist bisher
nicht nach Alaska eingeladen. Trump kündigte an, er werde den
ukrainischen Präsidenten und europäische Staats- und Regierungschefs
direkt nach dem Gipfel über das Gespräch mit Putin zu informieren.
Und Trump stellte ein Treffen von Selenskyj und Putin in Aussicht:
«Das nächste Treffen wird mit Selenskyj und Putin sein, oder mit
Selenskyj, Putin und mir.» Er bot an hinzuzukommen, sofern er bei
einem Treffen der beiden benötigt werde.
Können die Europäer auf offene Ohren hoffen?
Trump betont immer wieder, dass die USA nicht weiter für den
ukrainischen Verteidigungskampf zahlen wollen. Auch Zusagen für
Sicherheitsgarantien zugunsten der Ukraine nach einer möglichen
Waffenruhe oder gar einem Friedensschluss will der US-Präsident
bisher nicht machen. Sowohl für die Finanzierung des künftigen
Abwehrkampfes der Ukraine gegen Russland wie auch für die Absicherung
eines möglichen Waffenstillstands oder Friedens dürfte Trump also
auch auf die Europäer angewiesen sein. Das könnte dazu beitragen,
dass er sich deren Forderungen nicht völlig verschließt.
Was Selenskyj ausschließt
Der ukrainische Präsident schloss vor den nun anstehenden
Videoschalten jegliche Entscheidungen zur Ukraine beim Alaska-Gipfel
von Trump und Putin erneut aus. «Zur Ukraine können sie ohne uns
nichts beschließen», sagte er der Nachrichtenagentur RBK-Ukraine
zufolge in der Hauptstadt Kiew. Er hoffe, dass Trump dies bewusst
sei.
Selenskyj zeigte sich zugleich überzeugt, dass es zu einem
Dreiertreffen zwischen Trump, Putin und ihm kommen werde, um den
Krieg zu beenden. Er betonte auch, dass die Ukraine nicht auf ihre
Gebiete im Osten verzichten wolle und könne. Der Donbass würde
Russland zu einem späteren Zeitpunkt nur als «Sprungbrett» für eine
n
neuen Krieg dienen, warnte Selenskyj - so wie schon die Krim als
Sprungbrett für Moskaus Angriffe gegen die Südukraine gedient habe.
Bei einer Aufgabe der ukrainischen Positionen im Donbass könnten
Putins Truppen später in Richtung Charkiw, Saporischschja und
Dnipropetrowsk vorstoßen.