Druck auf Israel wegen humanitärer Notlage in Gaza nimmt zu

13.08.2025 05:17

In Gaza herrscht blanke Not. Außenminister der meisten EU-Staaten und
anderer Länder appellieren an Israel. Selbst israelische Kampfpiloten
schließen sich Forderungen nach einem Ende des Krieges an.

Gaza/Washington/Brüssel (dpa) - Der internationale Druck auf Israel
wegen der katastrophalen humanitären Lage im umkämpften Gazastreifen
nimmt zu. «Alle Grenzübergänge und Routen müssen genutzt werden, um

eine Flut von Hilfsgütern nach Gaza zu ermöglichen», fordern 26
westliche Staaten und die EU-Kommission in einer gemeinsamen
Erklärung. Deutschland schloss sich dem Appell nicht an.

«Vor unseren Augen breitet sich eine Hungersnot aus», heißt es in der

Erklärung - um die Zivilbevölkerung zu schützen, seien dringende
Maßnahmen notwendig. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu
sagte dagegen jüngst: «Es gibt keine Politik des Aushungerns im
Gazastreifen, und es gibt keinen Hunger im Gazastreifen.» 

Unterzeichnet wurde die Erklärung von drei EU-Kommissarinnen -
darunter die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas - sowie den
Außenministerinnen und Außenministern der meisten EU-Länder,
Australiens, Kanadas, Islands, Japans, Norwegens, der Schweiz und
Großbritanniens. Gebraucht würden unter anderem Nahrung, Unterkünfte,

Treibstoff, sauberes Wasser und Medikamente, heißt es in dem Appell.
Außerdem müssten Zivilisten und Helfer an den Verteilungsstellen
geschützt werden.

USA halten an umstrittener Stiftung fest

Immer wieder gibt es Berichte über tödliche Zwischenfälle in der Nä
he
der von der umstrittenen Gaza Humanitarian Foundation (GHF)
betriebenen Verteilstellen. Die Stiftung wird von Israel und den USA
unterstützt und hatte ihren Einsatz in dem abgeriegelten Küstengebiet
im Mai nach einer fast dreimonatigen israelischen Blockade von
Hilfslieferungen begonnen. 

Das US-Außenministerium hatte nach eigenen Angaben 30 Millionen
Dollar für die GHF genehmigt. Davon seien bislang «mehr als die
Hälfte» ausgezahlt worden, wie eine Sprecherin des Ministeriums
erklärte. US-Präsident Donald Trump wolle zur Verbesserung der Lage
beitragen - aufbauend auf dem Einsatz der GHF. 

Internationale Organisationen sehen jedoch die GHF nicht als
geeignet, die Lage der Notleidenden in dem weitgehend verwüsteten
Küstengebiet zu verbessern. Dies könne nur über die eingespielten
Mechanismen der UN und anderer Organisationen mit entsprechender
Erfahrung bewerkstelligt werden.  

Israel: Bewaffnete nutzten Emblem von Hilfsorganisation

Die israelische Regierung müsse den UN- und
Nichtregierungsorganisationen dauerhaften Zugang zu dem Gebiet
ermöglichen, forderten die 26 westlichen Staaten und die
EU-Kommission. Israel hatte den neuen Verteilmechanismus der GHF
eingeführt, um UN-Hilfsorganisationen und andere Initiativen zu
umgehen. Nach Angaben der Regierung Netanjahus soll auf diese Weise
verhindert werden, dass die Hamas humanitäre Hilfsgüter für sich
abzweigt. 

Israelischen Militärangaben zufolge verwendeten bewaffnete
Palästinenser im Gazastreifen ein Fahrzeug mit einem gefälschten
Emblem der Hilfsorganisation World Central Kitchen (WCK). Nach
Klärung mit WCK, dass das Fahrzeug nicht zu ihnen gehörte, seien am
Wochenende fünf Bewaffnete aus der Luft getötet worden, weil sie eine
Bedrohung dargestellt hätten. WCK bestätigte auf Anfrage, man sei von
der israelischen Seite kontaktiert worden und habe bestätigt, dass
das Fahrzeug und die Personen nicht zu ihr gehörten.

Al-Dschasira korrigiert Zahl getöteter Mitarbeiter

Unterdessen korrigierte der arabische TV-Sender Al-Dschasira die Zahl
seiner bei einem israelischen Luftangriff im nördlichen Gazastreifen
getöteten Mitarbeiter nach unten. Außer dem Korrespondenten Anas
al-Scharif seien drei seiner Kollegen bei einem gezielten Angriff auf
ein Zelt für Journalisten in der Stadt Gaza ums Leben gekommen,
teilte der Sender mit. Zuvor hatte Al-Dschasira von fünf getöteten
Mitarbeitern gesprochen. Laut der Organisation Reporter ohne Grenze
starben insgesamt sechs Journalisten.

Das israelische Militär hatte den Tod von Anas al-Scharif bestätigt.
Der 28-Jährige habe sich als Al-Dschasira-Journalist ausgegeben, er
habe aber eine Terrorzelle der islamistischen Hamas angeführt,
erklärte die Armee. Sie berief sich auf angebliche Informationen der
Geheimdienste und im Gazastreifen gefundene Dokumente, die seine
militärische Zugehörigkeit zur Hamas belegen sollen. Zu den anderen
fünf Opfern des Angriffs äußerte sich Israels Militär nicht. Der
Angriff auf die Journalisten wurde international kritisiert. 

Israelische Kampfpiloten fordern Ende des Kriegs 

In Israel demonstrierten rund 200 ehemalige und aktive israelische
Kampfpiloten vor dem Militärhauptquartier in Tel Aviv für ein Ende
der Kämpfe und eine Vereinbarung zur Freilassung der Geiseln. Die
Regierung verfolgt jedoch einen neuen Kriegsplan, der nach Angaben
von Ministerpräsident Netanjahu neben der Einnahme der Stadt Gaza
auch die Zerschlagung der Hamas in den zentralen Flüchtlingslagern
vorsieht.

Neben den USA bemühen sich laut Medienberichten auch Katar und
Ägypten derzeit um eine Wiederaufnahme der indirekten Gespräche
zwischen Israel und der Hamas über eine Waffenruhe und
Geiselfreilassung. Nach Angaben aus ägyptischen Sicherheitskreisen
kam am Dienstag eine Hamas-Delegation zu Gesprächen in die ägyptische
Hauptstadt Kairo. Die Gespräche sollten heute fortgesetzt werden,
zitierte die «Times of Israel» einen arabischen Diplomaten. 

Netanjahu lehnt Teil-Abkommen ab

Netanjahu sagte dem Sender «i24news», er sei nicht mehr zu einem
«Teil-Abkommen» mit der Hamas bereit. Man strebe stattdessen einen
Deal an, in dessen Rahmen alle 50 noch im Gazastreifen verbliebenen
Geiseln - die Lebenden und die Toten - gleichzeitig von der Hamas
herausgegeben werden. Die Islamisten fordern im Gegenzug ein
vollständiges Ende des fast zweijährigen Krieges und einen Abzug der
israelischen Truppen aus Gaza.

UN: Hinweise auf sexuelle Gewalt gegen Palästinenser 

UN-Generalsekretär António Guterres zeigt sich derweil äußerst
besorgt über nach seinen Angaben glaubwürdige Informationen, wonach
israelische Sicherheitskräfte palästinensischen Gefangenen sexuelle
Gewalt zugefügt haben sollen. Die Vorwürfe, die er in einem Brief an
Israels UN-Botschafter Danny Danon äußerte, beziehen sich auf
angebliche Vorfälle in mehreren Gefängnissen, einem Haftzentrum und
einer Militärbasis. Danon wies die Anschuldigungen zurück.

Guterres' Brief geht der Veröffentlichung des jährlichen UN-Berichts
zu sexualisierter Gewalt voraus. Er schreibt, es sei schwierig
gewesen, Hinweise zu sammeln, weil den UN-Beobachtern der Zugang zu
den besagten Gebäuden verweigert worden sei. «Ich fordere die
israelische Regierung dringend auf, die notwendigen Maßnahmen zu
ergreifen, um die sofortige Einstellung aller Akte sexueller Gewalt
sicherzustellen», so Guterres.

Danon, der den Brief veröffentlicht hatte, kritisierte Guterres auf
der Plattform X: Der UN-Generalsekretär habe sich erneut «auf
unbegründete Anschuldigungen gestützt, die auf tendenziösen
Veröffentlichungen basieren». Die Vereinten Nationen sollten sich auf
«die schockierenden Kriegsverbrechen der Hamas» und die «sofortige
Freilassung aller Geiseln» konzentrieren.