Selenskyj persönlich bei Ukraine-Schalten in Berlin dabei Von Jörg Blank, Anna Ringle und Andreas Stein, dpa
13.08.2025 11:04
Bei der Videoschalte der Europäer mit Trump vor dessen Alaska-Gipfel
mit Putin gibt es in Berlin einen Überraschungsgast. Erreichen Merz &
Co., dass sie nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden?
Berlin (dpa) - Kanzler Friedrich Merz (CDU) sendet bei der
Videoschalte mit US-Präsident Donald Trump zu dessen Alaska-Gipfel
mit Kremlchef Wladimir Putin ein besonderes Zeichen der Solidarität
mit der Ukraine. Als einziger Gast von Merz wird der ukrainische
Präsident Wolodymyr Selenskyj am Nachmittag persönlich im Kanzleramt
in Berlin bei den virtuellen Beratungen mit Trump und dessen Vize JD
Vance zugegen sein. Alle anderen Teilnehmer werden per Video
zugeschaltet.
Merz will Selenskyj gegen Mittag in der Berliner Regierungszentrale
empfangen. Anschließend ist ein kurzes Mittagessen geplant. Gegen
16.00 Uhr wollten der Kanzler und Selenskyj gemeinsam öffentliche
Statements zu den von 15.00 bis 16.00 geplanten Beratungen mit Trump
abgeben.
Vorberatungen der Europäer mit Selenskyj
Für 14.00 Uhr hat Merz zunächst enge europäische Verbündete der
Ukraine zu einer Vorbesprechung der Folgeberatungen mit Trump per
virtueller Schaltkonferenz eingeladen. Teilnehmen sollen die Staats-
und Regierungschefs aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen
und Finnland, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen,
EU-Ratspräsident António Costa, Nato-Generalsekretär Mark Rutte sowie
Selenskyj.
Initiiert wurden die Schalten mit europäischen Staats- und
Regierungschefs von Merz. Ziel ist es, eine gemeinsame Linie mit
Trump zu finden, bevor dieser am Freitag im US-Bundesstaat Alaska
Kremlchef Wladimir Putin trifft. Im Anschluss an die Beratungen im
Trump will der Bundeskanzler die Ergebnisse in der sogenannten
Koalition der Willigen unter Federführung von Deutschland, Frankreich
und Großbritannien nachbesprechen.
Was wollen die Europäer erreichen?
Die Europäer und Selenskyj befürchten, dass sich Trump und Putin in
Alaska auf Gebietsabtretungen der Ukraine an Russland verständigen
könnten, die Kiew strikt ablehnt. Sie dürften von Trump eine Zusage
erreichen wollen, dass er mit Putin keinen Deal über die Köpfe der
Ukrainer und der Europäer hinweg macht. Aber wird er darauf eingehen?
Und selbst wenn: Hält sich der US-Präsident daran - und falls ja, wie
lange?
Der deutsche Regierungssprecher Stefan Kornelius hatte erklärt, bei
den Gesprächen solle es um weitere Handlungsoptionen gehen, um Druck
auf Moskau zu erzeugen. Zudem solle über die Vorbereitung möglicher
Friedensverhandlungen und damit verbundene Fragen zu
Gebietsansprüchen und Sicherheiten gesprochen werden. Der britische
Premierminister Keir Starmer forderte erneut Sicherheitsgarantien für
die Ukraine.
Was Selenskyj ausschließt
Der ukrainische Präsident schloss schon vor den Videoschalten
jegliche Entscheidungen zur Ukraine beim Alaska-Gipfel erneut
aus. «Zur Ukraine können sie ohne uns nichts beschließen», sagte
er
der Nachrichtenagentur RBK-Ukraine zufolge in Kiew. Er hoffe, dass
Trump dies bewusst sei. Selenskyj zeigte sich zugleich überzeugt,
dass es zu einem Dreiertreffen zwischen Trump, Putin und ihm kommen
werde, um den Krieg zu beenden.
Selenskyj betonte auch, dass die Ukraine nicht auf ihre Gebiete im
Osten verzichten wolle und könne. Der Donbass würde Russland zu einem
späteren Zeitpunkt nur als «Sprungbrett» für einen neuen Krieg
dienen, warnte er - so wie schon die Krim als Sprungbrett für Moskaus
Angriffe gegen die Südukraine gedient habe. Bei einer Aufgabe der
ukrainischen Positionen im Donbass könnten Putins Truppen später in
Richtung Charkiw, Saporischschja und Dnipropetrowsk vorstoßen.
Außenminister Wadephul: Gewalt darf keine Grenzen verschieben
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte nach einer
Schaltkonferenz mit seinen EU-Kolleginnen und -Kollegen am Montag den
deutschen Kurs für das Gespräch mit Trump abgesteckt - und
Spekulationen über Gebietsabtretungen der Ukraine für einen Frieden
mit Russland eine Absage erteilt. «Gewalt darf keine Grenzen
verschieben», schrieb er auf X. Deutschland unterstütze Trumps Ziel,
den russischen Angriffskrieg zu beenden. Ergebnis müsse ein gerechter
und dauerhafter Friede sein.
Im ZDF-«heute journal» sagte Wadephul aber auch, die Ukraine wisse,
dass die Verhandlungen mit Russland schwierig würden. Kiew werde
«möglicherweise auch Verzichte» zu erwarten haben. «Aber das ist
später zu entscheiden.»
Welches Ziel hat Trump beim Gespräch mit Putin?
Trump stellt das am Freitag in nördlichsten US-Bundesstaat Alaska in
der Stadt Anchorage geplante Treffen mit Putin als Versuch dar, einem
Ende des seit rund dreieinhalb Jahre andauernden russischen
Angriffskriegs näherzukommen. In diesem Zusammenhang sprach er von
einem möglichen Gebietstausch zwischen der Ukraine und Russland. Am
Montag versicherte Trump in Washington aber auch: «Ich werde keinen
Deal machen» - dies sei nicht seine Aufgabe. Eine Waffenruhe würde er
dennoch gern sehen, fügte er hinzu.
Das Weiße Haus bestätigte, dass am Freitag ein Einzelgespräch
zwischen den beiden Präsidenten geplant sei. Selenskyj ist bisher
nicht nach Alaska eingeladen. Trump kündigte an, er werde den
ukrainischen Präsidenten und europäische Staats- und Regierungschefs
direkt nach dem Gipfel über das Gespräch mit Putin zu informieren.
Und Trump stellte ein Treffen von Selenskyj und Putin in Aussicht.
Können die Europäer auf offene Ohren hoffen?
Trump betont immer wieder, dass die USA nicht weiter für den
ukrainischen Verteidigungskampf zahlen wollen. Auch Zusagen für
Sicherheitsgarantien zugunsten der Ukraine nach einer möglichen
Waffenruhe oder gar einem Friedensschluss will der US-Präsident
bisher nicht machen. Sowohl für die Finanzierung des künftigen
Abwehrkampfes der Ukraine gegen Russland wie auch für die Absicherung
eines möglichen Waffenstillstands oder Friedens dürfte Trump also
auch auf die Europäer angewiesen sein. Das könnte dazu beitragen,
dass er sich deren Forderungen nicht völlig verschließt.
Orban: Selenskyj hat Krieg gegen Russland schon verloren
Ein Querschuss zu den Beratungen der Europäer mit Trump kam vom
rechtspopulistischen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban.
Dieser sagte mit Blick auf das geplante Treffen von Trump und Putin:
«Er (der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj) hat diesen Krieg
verloren.» Er fügte hinzu: «Wir reden hier darüber, so als ob es si
ch
um eine Kriegssituation mit offenem Ausgang handeln würde.» Das sei
falsch. «Die Ukrainer haben diesen Krieg verloren, Russland hat den
Krieg gewonnen.»
Am Vortag hatte Ungarns Regierung die Mitunterzeichnung einer
gemeinsamen Stellungnahme der anderen 26 EU-Staaten verweigert, in
der die Bemühungen von Trump um ein Ende des russischen
Angriffskriegs gegen die Ukraine begrüßt werden.