Prognose: Deutsche Wirtschaft wächst, aber unter EU-Schnitt
17.11.2025 13:04
Im laufenden Jahr wird Deutschland beim Wirtschaftswachstum zu den
Schlusslichtern in der EU zählen. Für 2026 sind die Aussichten nach
einer neuen Prognose deutlich besser, es gibt aber Risiken.
Brüssel (dpa) - Die deutsche Wirtschaft wird nach der Herbstprognose
der Europäischen Kommission im kommenden Jahr an Fahrt aufnehmen,
aber dennoch knapp unter dem EU-Schnitt bleiben. Wie aus in Brüssel
vorgestellten Zahlen hervorgeht, rechnen Konjunkturexperten für die
Bundesrepublik 2026 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
um 1,2 Prozent. Im EU-Schnitt wird ein Plus von 1,4 Prozent erwartet,
in den Staaten mit der Gemeinschaftswährung Euro ein
durchschnittliches Plus in Höhe von 1,2 Prozent.
Insgesamt fällt die Prognose freundlicher aus als noch im Frühjahr.
So wurde im Mai für Deutschland im laufenden Jahr eine Stagnation der
Wirtschaft vorhergesagt und für 2026 ein BIP-Wachstum um 1,1 Prozent.
Für das laufende Jahr rechnet die EU-Kommission nun mit einem
leichten Wachstum um 0,2 Prozent. Damit würde Deutschland 2025
allerdings noch immer zu den EU-Schlusslichtern bei der
Wirtschaftsentwicklung zählen. Nur für Finnland wird mit 0,1 Prozent
ein noch geringeres Plus bei BIP prognostiziert.
Steigende Kaufkraft
Die EU-Kommission teilte zu den Zahlen mit, aktuelle
Unternehmensindikatoren und Umfragedaten deuteten auf eine anhaltend
positive Dynamik in den kommenden Quartalen hin. Auch wenn das
weltwirtschaftliche Umfeld schwierig bleibe, stützten ein robuster
Arbeitsmarkt, steigende Kaufkraft und günstige
Finanzierungsbedingungen ein moderates Wirtschaftswachstum. Nationale
Sparmaßnahmen in Mitgliedstaaten könnten durch EU-Mittel teilweise
kompensiert werden.
Diese Unterstützung stärke die Binnennachfrage, die über den gesamten
Prognosezeitraum hinweg der wichtigste Wachstumstreiber sein dürfte,
schreiben die Autoren der Prognose. Der private Verbrauch dürfte
demnach kontinuierlich zulegen - auch gestützt durch einen
allmählichen Rückgang der Sparquote. Zugleich wird auch neue Dynamik
bei Investitionstätigkeiten erwartet.
Geopolitische Spannungen belasten Ausblick
Als Risikofaktor sehen die EU-Konjunkturexperten unter anderen die
Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und die Handelskonflikte
mit China. Weltweit hätten Handelsbarrieren historische Höchststände
erreicht, und die EU sehe sich nun mit höheren durchschnittlichen
Zöllen auf Exporte in die USA konfrontiert als in der
Frühjahrsprognose 2025 angenommen, heißt es in der Analyse.
Dennoch blieben die Zölle auf EU-Exporte geringer als jene, die für
andere große globale Akteure gelten. Dies verschaffe der
EU-Wirtschaft einen leichten relativen Vorteil, analysieren die
Experten.
Zugleich könnte ihrem Bericht zufolge eine weitere Eskalation
geopolitischer Spannungen Versorgungsengpässe verschärfen und eine
Neubewertung von Risiken an den Aktienmärkten - insbesondere im
US-Technologiesektor - das Vertrauen der Investoren und die
Finanzierungsbedingungen beeinträchtigen. Denkbar ist demnach auch,
dass die zunehmende Häufigkeit klimabedingter Katastrophen das
Wachstum schwächt.
So ist auch der EU-Ausblick auf 2027 nicht deutlich besser als der
für 2026. Für das übernächste Jahr prognostizierte die Kommission
derzeit ein Wirtschaftswachstum um 1,5 Prozent, für den Euroraum geht
sie von einem Plus von 1,4 Prozent aus. Für die deutsche Wirtschaft
wird dabei ein Plus von 1,2 Prozent vorhergesagt, also ein im
Vergleich zum Vorjahr konstantes Wachstum.
Andere Konjunkturprognosen sind pessimistischer
Mir der Prognose für 2026 liegt die EU-Kommission nah an den
Schätzungen der Bundesregierung, die zuletzt für das kommende Jahr
ein Wachstum von 1,3 Prozent erwartete. Andere Konjunkturprognosen
sagen der deutschen Wirtschaft voraus, dass sie im kommenden Jahr
weniger stark zulegt. So teilte der Internationalen Währungsfonds
(IWF) Mitte Oktober mit, er rechne für die Bundesrepublik mit einem
Zuwachs von 0,9 Prozent. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostizierte zuletzt ebenfalls
nur 0,9 Prozent Wachstum.
Mit diesem Wert würde Deutschland nach derzeitiger EU-Prognose auch
im kommenden Jahr wieder zu den Schlusslichtern in der EU zählen,
aber immerhin wieder mit Frankreich gleichziehen und leicht vor
Italien liegen. Schwächstes EU-Land beim Wachstum könnte den
Brüsseler Zahlen zufolge 2026 Irland mit einem Plus von 0,2 Prozent
werden, stärkstes Malta mit 3,8 Prozent. In der Gruppe der
bevölkerungsstarken Länder sind Polen mit 3,5 Prozent und Spanien mit
2,3 Prozent die stärksten.
