WHO-Chef: Tabakkonzerne ködern gezielt junge Konsumenten
17.11.2025 17:12
Ein internationales Abkommen versucht, Tabak und Nikotin
zurückzudrängen. Die Tabak-Industrie hält mit neuen Produkten und
Marketing dagegen. Die internationale Anti-Tabak-Konferenz hat
begonnen.
Genf (dpa) - Die Tabakindustrie will aus Sicht der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit neuen Produkten Jugendliche zu
Konsumenten machen. «Schulen sind die neue Frontlinie im Kampf gegen
Tabak und Nikotin, wo Unternehmen aktiv eine neue Generation von
Süchtigen rekrutieren», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus auf
einer internationalen Anti-Tabak-Konferenz in Genf.
E-Zigaretten und Nikotinbeutel würden mithilfe von Influencern,
leuchtenden Farben und süßen Aromen als weniger schädlich vermarktet
als herkömmliche Tabakprodukte, so Tedros. Den Herstellern gehe es
aber nicht um Schadensbegrenzung. «Sie haben nur ein einziges Motiv:
Riesige Profite für ihre Aktionäre zu erzielen», sagte der WHO-Chef.
In Genf beraten diese Woche die 183 Vertragsstaaten der
Anti-Tabak-Konvention über Entwicklungen im Konsum und in der
Kontrolle von Tabak- und Nikotinprodukten. «Neue Produkte,
aggressives Marketing und Desinformation drohen die Fortschritte
zunichtezumachen, die wir erzielt haben», sagte Andrew Black, der das
Sekretariat dieses internationalen Abkommens leitet.
Experten-Empfehlung gegen Filterzigaretten
Bei der Konferenz liegt ein Experten-Papier auf dem Tisch, das unter
anderem ein Verbot der Einfuhr und Herstellung von Filtern und
Filterzigaretten vorschlägt. Laut den Fachleuten reduzieren Filter
die Gefährlichkeit des Rauchens praktisch nicht, sondern verleiten
dazu, Giftstoffe tiefer in die Lunge zu inhalieren. Die Vorschläge in
dem Papier sind nicht als verbindliche Maßnahmen konzipiert.
Vor der Konferenz hatte ein angeblich geplantes EU-Verbot von
Filterzigaretten Schlagzeilen gemacht - die Angaben wurden von der EU
dementiert.
WHO fürchtet Einflussnahme
Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte im Vorfeld alle
Teilnehmerländer vor Einflussversuchen der Industrie und rief sie
auf, Lobbyisten der Industrie nicht in ihren Delegationen zu dulden.
Tabakfirmen seien sehr einflussreich, mahnte Etienne Krug, Direktor
der für Tabak zuständigen WHO-Abteilung. «Wir müssen uns der
Einmischung der Industrie in Debatten bewusst sein.» Die WHO würde
ein Filterverbot zwar begrüßen, doch die Besteuerung von Tabak würde
den Verbrauch noch viel stärker schrumpfen lassen, sagte Krug der
Deutschen Presse-Agentur.
Kritik der WHO an Deutschland
Deutschland bekommt in WHO-Berichten über Fortschritte im Kampf gegen
Tabak und Nikotin meist schlechte Noten: Die Steuern seien nicht hoch
genug. Sie sollten nach WHO-Angaben mindestens 75 Prozent des Preises
ausmachen. Auch die WHO-Empfehlung, Zigaretten in Einheitspackungen
ohne Farben und Logos zu verkaufen, ist in Deutschland bisher nicht
umgesetzt.
Krebshilfe für weitreichende Verbote
Ärztin Ulrike Helbig, die das Berliner Büro der Deutschen Krebshilfe
leitet, würde ein Filterverbot begrüßen. In Deutschland sterben nach
ihren Angaben 127.000 Menschen pro Jahr aufgrund von Tabakkonsum.
Jede fünfte der 520.000 Krebsneuerkrankungen im Jahr gehe auf Tabak
und Nikotin zurück.
