Europa als Tech-Standort? «Der Zug ist nicht abgefahren!» Von Jörg Ratzsch, dpa

18.11.2025 17:53

Bei einem Gipfel in Berlin diskutieren Politiker, Unternehmer und
Experten über digitale Souveränität für Europa und das globale
Tech-Rennen. Deutschland und Frankreich stellen sich an die Spitze.

Berlin (dpa) - Hochrangige Vertreter Deutschlands, Frankreichs und
der EU haben bei einem Treffen in Berlin die Notwendigkeit einer
stärkeren europäischen Unabhängigkeit bei digitalen Technologien
betont. Auftritte von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei dem «Gipfel zur
europäischen digitalen Souveränität» sollten die politische Bedeutu
ng
des Themas unterstreichen. 

Merz sprach sich für eine starke Rolle Europas in der digitalen Welt
aus. Tektonische Verschiebungen erforderten schnelles Handeln im
digitalen Raum. Die Technik stamme aus China und aus den Vereinigten
Staaten. «Europa darf ihnen dieses Feld nicht überlassen», sagte Merz

in seiner Rede vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft.

Europa müsse in vereinter Kraftanstrengung einen eigenen digitalen
Weg gehen. «Und dieser Weg muss in die digitale Souveränität führen
-
jedenfalls überall dort, wo es notwendig und wo es erreichbar ist.»
Klar sei aber auch, Europa werde «digitale Souveränität nicht
politisch herbeiregulieren oder herbeisubventionieren» können, sagte
Merz. «Wir müssen sie gemeinsam mit der Wirtschaft, der Wissenschaft
und der Zivilgesellschaft gestalten.»

Unabhängigkeit ist Sicherheitsfrage

Wie können sich Verwaltung und Unternehmen in Europa mit eigenen KI-,
Software- und Cloud-Produkten aus der Abhängigkeit mächtiger Firmen
wie Google, Amazon, Microsoft befreien? Um diese Frage ging es. Sie
hat sicherheitspolitische Bedeutung, denn wer die Software hat, die
Clouds, in denen die Daten abgelegt werden und die KI, die damit
arbeiten kann, hat mächtige Hebel in der Hand. 

Kooperationsvereinbarungen erwartet

Im Zuge des Gipfels auf dem Berliner EUREF-Campus, einem
Forschungscampus, wurden zudem zahlreiche Ankündigungen für
Kooperationsvereinbarungen und Investitionen deutscher und
französischer Unternehmen erwartet.

Das Treffen mit rund 1.000 Gästen sollte einen Aufschlag machen,
damit Europa hier schneller mit eigenen Lösungen vom Fleck kommt. Die
Antreiberrolle fiel Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU)
zu: Europa raus aus der Zuschauerrolle, digitales Comeback mit KI,
der Gipfel als Signal des Aufbruchs waren Kernthemen seiner Rede. 

Europa: Vom Kunden zum Macher?

Digitale Souveränität bedeute nicht, Türen zuzumachen. Man werde
weiterhin mit führenden Technologie-Unternehmen zusammenarbeiten,
aber Europa sei zu lange vor allem ein Kunde und Zuschauer gewesen,
sagte Wildberger. Man müsse zum Schöpfer werden und sich wegbewegen
von einer Kultur der Risikovermeidung zu einer Kultur des
Fortschritts, zu viele Regeln bremsten Innovation aus. Datenschutz,
Bürgerrechte und KI-Sicherheit seien aber nicht verhandelbar, sagte
der Digitalminister auch. 

Was hat Europa gegen die großen Firmen, die vom Smartphone bis zum
Bürocomputer mit ihren Programmen und Produkten überall vertreten
sind aufzubieten? Wildberger: «Der Zug ist nicht abgefahren. Wir
müssen aufholen, aber er ist nicht abgefahren.» Frankreichs
Digitalministerin Anne Le Henanff sagte, man habe europäische
Champions auf der Startrampe, einige davon seien auf dem Gipfel in
Berlin. Aber es gebe Bremsen. Sie forderte eine gemeinsame
europäische Förderung solcher Unternehmen.

Staat als «Ankerkunde»

Eine weitere Überlegung auf dem Gipfel: Der Staat als Ankerkunde,
also als Kunde, der Technologie von heimischen Unternehmen nutzt,
damit diese wachsen und sich durchsetzen können. Schleswig-Holstein
tut das beispielsweise und ersetzt in der Verwaltung
Microsoft-Programme wie Outlook, Excel oder Word durch andere
Systeme.

Wie es vorab bereits aus Regierungskreisen hieß, wollen Deutschland
und Frankreich sich dafür einsetzen, dass sogenannte
Open-Source-Tools für solche Zwecke weiterentwickelt und verstärkt
genutzt werden. Zudem sollte bei dem Gipfel die EU-Kommission dazu
aufgefordert werden, darauf hinzuarbeiten, dass kritische Daten
innerhalb der EU verbleiben müssen und Datenflüsse in der EU für die

Wirtschaft vereinfacht werden. Eine gemeinsame deutsch-französische
Taskforce soll die genannten Aktivitäten koordinieren.