G20 ohne Trump, Putin, Xi - EU will Lücke nutzen Von Kristin Palitza, Ansgar Haase, Michael Fischer und Martin Romanczyk, dpa
21.11.2025 14:51
Es geht um eine gerechtere Welt beim G20-Gipfel, doch allen voran die
USA, aber auch Russland und China zeigen Gastgeber Südafrika die
kalte Schulter. Die Europäische Union will davon profitieren.
Johannesburg (dpa) - Die Europäische Union will den Boykott des
G20-Gipfels durch US-Präsident Donald Trump zu ihrem Vorteil nutzen.
Vor Beginn des Treffens im südafrikanischen Johannesburg priesen
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António
Costa die EU als verlässlichen Partner an, mit dem es sich lohne,
fairen Handel zu treiben.
Deutschland wird von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) beim Gipfel am Samstag und
Sonntag vertreten. Greifbare Ergebnisse sind vor allem wegen des
Fernbleibens der USA kaum zu erwarten.
Gastgeber Südafrika will den Kampf gegen die Ungerechtigkeit in der
Welt zum zentralen Thema machen. Am Rande dürften allerdings auch die
jüngsten Entwicklungen im Ukraine-Krieg für Gesprächsstoff bei den
Staats- und Regierungschefs sorgen.
Eine Initiative der USA, den russischen Angriffskrieg zu beenden,
stößt bei Europäern auf Kritik. Sie befürchten, dass die Interessen
der Ukraine zu kurz kommen werden und Russland für seine Aggression
belohnt wird.
EU inszeniert sich als Gegenteil der Trump-Regierung
Für den ersten G20-Gipfel auf dem afrikanischen Kontinent hat
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa die Themen «Solidarität,
Gleichheit und Nachhaltigkeit» auf die Tagesordnung gesetzt. Es geht
ihm unter anderem um die Erleichterung der Schuldenlast von
Schwellen- und Entwicklungsländern, eine gerechte Energiewende, faire
und saubere Nutzung seltener Mineralien, faire Lastenteilung beim
Klimaschutz und Ernährungssicherheit.
Niemand könne die globalen Herausforderungen allein angehen, sagte
EU-Ratspräsident Costa. «Die Europäische Union ist hier. Wir sind
berechenbare, verlässliche und vertrauenswürdige Partner.» Vor dem
Hintergrund der aggressiven US-Handelspolitik sagte
Kommissionspräsidentin von der Leyen: «Wir werden uns weiterhin für
Partnerschaft, Offenheit und fairen Wettbewerb einsetzen.»
Was sagen die EU-Spitzen zu Trumps Rassismus-Vorwurf?
Mit den USA, China und Russland sind die drei mächtigsten Staaten der
G20-Gruppe führender Industrie- und Schwellenländer nicht auf
Chefebene vertreten: Der chinesische Präsident Xi Jinping schickt die
Nummer zwei im Staat, Ministerpräsident Li Qiang. Der russische
Staatschef Wladimir Putin stufte die Präsenz in Johannesburg noch
deutlich weiter herunter. Putin lässt sich vom stellvertretenden
Leiter der Präsidialverwaltung, Maxim Oreschkin, vertreten.
Die US-Regierung von Präsident Donald Trump boykottiert die
Gipfelberatungen komplett. Trump beklagt eine Diskriminierung weißer
Minderheiten in Südafrika, insbesondere der sogenannten Afrikaaner,
die Nachfahren niederländischer Siedler sind. Sie führten in
Südafrika bis Anfang der 1990er Jahre das rassistische
Apartheid-Regime an, das die schwarze Bevölkerungsmehrheit
systematisch diskriminierte.
Fachleute sehen den Völkermord-Vorwurf allerdings als nicht
gerechtfertigt an und werfen Trump vor, eine in rechtsextremen
Kreisen verbreitete Verschwörungstheorie vom sogenannten «weißen
Genozid» aufzugreifen. Auch Südafrika weist die Vorwürfe als
unbegründet zurück.
Von der Leyen und Costa wollten Trumps Behauptungen nicht
kommentieren. Beide lobten den aktuellen Vorsitzenden der G20,
Südafrikas Präsidenten Ramaphosa, der wichtige politische und
wirtschaftliche Probleme in der Welt erfolgreich angegangen sei.
Merz will die Reise vor allem für Gespräche am Rande nutzen
Für Bundeskanzler Merz ist es die bislang längste Reise. Erstmals
besucht er als Regierungschef Afrika. Vier Nächte - davon zwei im
Regierungsflieger - und drei Tage wird der CDU-Chef unterwegs sein.
Neben dem G20-Gipfel steht in Angola der EU-Afrika-Gipfel auf dem
Programm.
Ungeachtet der Absagen der USA und anderer hielt Merz an seinen
Reiseplänen fest. Dafür werden in seinem Umfeld drei Gründe genannt:
Zum einen will der Kanzler die G20-Gipfel als internationales
Gesprächsformat erhalten. Auch will er den Besuch in Johannesburg
nutzen, um die Partnerschaft zu Afrika gerade im wirtschaftlichen
Bereich zu vertiefen. Und dann bietet der Gipfel die Gelegenheit für
bilaterale Gespräche, die Merz - sicher auch zum Thema Ukraine-Krieg
- ausgiebig nutzen wird. Einige der Teilnehmer hat er bisher nicht
näher kennengelernt, es ist seine G20-Premiere.
