Deutschland und EU kämpfen auf Klimagipfel für mehr Ehrgeiz Von Torsten Holtz, Martina Herzog und Larissa Schwedes, dpa

21.11.2025 17:45

Die Klimakrise eskaliert, doch der UN-Gipfel droht aus Sicht der
Bundesregierung zum Fehlschlag zu werden. Das Manko: Ein Fahrplan zur
Abkehr von Öl, Gas und Kohle fehlt. Gelingt ein Kompromiss?

Berlin/Belém (dpa) - Im Schlussspurt der Weltklimakonferenz kämpfen
Deutschland und Dutzende weitere Länder für ehrgeizigere Ergebnisse
im Kampf gegen die Erderhitzung. Nötig sei ein klarer Fahrplan zur
Abkehr von der klimaschädlichen Verbrennung von Öl, Gas und Kohle,
heißt es in einem von der Bundesregierung unterstützten Brandbrief
einer breiten Allianz an die brasilianische Konferenzleitung.

Bundesumweltminister Carsten Schneider sagte wenige Stunden vor dem
geplanten Ende des zweiwöchigen UN-Treffens mit Blick auf den
aktuellen Entwurf für den Abschlusstext: «So kann der Text nicht
bleiben.» Der SPD-Politiker betonte, es brauche mehr konkrete
Fortschritte für den Klimaschutz. «Das werden noch harte
Verhandlungen.» 

Auch der EU-Chefverhandler, Kommissar Wobke Hoekstra zog eine rote
Linie. «Wir werden diesen Text unter keinen Umständen akzeptieren -
und nichts, was auch nur annähernd dem entspricht, was jetzt
vorliegt.»

Auch Umweltschützer befürchten schwache Ergebnisse der zweiwöchigen
Beratungen in Belém, die offiziell um 18.00 Uhr Ortszeit (22.00 MEZ)
enden sollen. In den vergangenen Jahren wurden die Treffen stets um
Stunden oder gar Tage verlängert. 

Nachbesserungen gefordert

Zu den Unterzeichnern des Brandbriefs gehören neben Deutschland auch
Frankreich, Großbritannien, Spanien, Kolumbien, Chile sowie Kenia und
etliche kleine Inselstaaten, die wegen des steigenden Meeresspiegels
vom Untergang bedroht sind. Sie fordern Nachbesserungen an den
zuletzt veröffentlichten Textentwürfen. «Wir können kein Ergebnis
unterstützen, das keinen Fahrplan enthält für eine geordnete und
gerechte Abkehr von fossilen Brennstoffen», schrieben sie. Ein
zweites Bündnis - zum Teil mit den gleichen Unterstützerstaaten -
pocht auf eine sozial gerechte Abkehr von Öl, Kohle und Gas. An der
Spitze stehen hier Kolumbien und die Niederlande, Deutschland war
zunächst nicht dabei. 

Jetzt geht es «ums Ganze»

Der Oxfam-Experte Jan Kowalzig nannte es «schlicht unakzeptabel»,
dass die Textentwürfe keinen Ausstiegsplan aus fossilen Brennstoffen
vorsähen. Es drohe ein «politischer Fehlschlag». Nun müssten Indien

und China von der Idee eines solchen Plans, auf der COP30 Roadmap
genannt, überzeugt werden. Andererseits gelte es, reiche Ölstaaten
wie Saudi-Arabien zu isolieren, «so dass diese nicht mehr im Weg
stehen können». Sie haben eine Blockademacht, weil einstimmige
Entscheidungen nötig sind.

Deutschlands Greenpeace-Chef Martin Kaiser sagte: «In den kommenden
Stunden geht es ums Ganze!» Unerlässlich seien aus seiner Sicht
grundlegende Entscheidungen zum weltweiten Stopp der Entwaldung - die
ebenfalls in den vorliegenden Textentwürfen fehlen.

Aktivisten von Fridays for Future und anderen Gruppen protestierten
auf den Fluren der Konferenz gegen den aktuellen Entwurf. Es brauche
einen klaren Plan für den Ausstieg, rief die deutsche Aktivistin
Carla Reemtsma.

Schnelles Handeln ist angesichts der eskalierenden Klimakrise nötig.
Denn beim Verbrennen von Öl, Gas und Kohle entstehen die meisten
klimaschädlichen Treibhausgase, so dass sich der Planet immer mehr
aufheizt. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen
waren: die vergangenen zehn. Und inzwischen geht die Wissenschaft
davon aus, dass die im Pariser Klimaabkommen angestrebte
1,5-Grad-Grenze spätestens zu Beginn der 2030er Jahre befristet
überschritten wird.

Ein Seitenhieb nach Washington

Der brasilianische Präsident der aktuellen Weltklimakonferenz, André
Corrêa do Lago, appellierte eindringlich an die Verhandler,
Kompromissbereitschaft zu zeigen. Es gehe nicht ums Gewinnen oder
Verlieren, sondern um einen Konsens fast aller Staaten der Erde, was
einen Wert an sich habe. 

«Die Welt schaut auf uns», sagte do Lago. Gelinge keine Einigung,
spiele das den Gegnern des Multilateralismus, also der
internationalen Zusammenarbeit, in die Hände. Ausdrücklich erwähnte
er in diesem Zusammenhang die USA, die der Konferenz ferngeblieben
waren.

«Stellen Sie den Menschen über den Profit»

Am Vortag hatte UN-Generalsekretär António Guterres in Belém den
Verhandlern ins Gewissen geredet. «Jetzt ist Führung gefragt. Seien
Sie mutig. Folgen Sie den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Stellen
Sie den Menschen über den Profit», drängte er.

Viviane Raddatz von der Naturschutzorganisation WWF sagte, es sei
jetzt die schwierige Aufgabe der brasilianischen Präsidentschaft,
einen Kompromiss zu finden. Der aktuelle Textentwurf müsse
nachgebessert werden. «Aber es ist noch genug Zeit und wir sehen auch
den Raum dafür.»