Trumps Ukraine-Friedensplan: Kooperation oder Konfrontation? Von den dpa-Korrespondenten

22.11.2025 12:24

Sie wollen den US-Präsidenten nicht verprellen, aber den Friedensplan
für den Ukraine-Krieg empfinden sie als Provokation. Auf dem
G20-Gipfel suchen die Europäer nach einem Ausweg aus dem Dilemma.

Johannesburg (dpa) - Der Plan von US-Präsident Donald Trump für ein
Ende des Ukraine-Krieges versetzt Europa in den Krisenmodus. Am Rande
des G20-Gipfels in Südafrika suchen Bundeskanzler Friedrich Merz und
andere Staats- und Regierungschefs nach Wegen, dem ukrainischen
Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beizustehen. Der Plan verlangt der
Ukraine erhebliche Zugeständnisse an den Angreifer Russland ab.

Trump hat Selenskyj eine Frist bis kommenden Donnerstag gesetzt,
grundsätzlich zuzustimmen. US-Vizepräsident JD Vance reagierte scharf
auf Kritik an dem Vorhaben: «Frieden wird nicht von gescheiterten
Diplomaten oder Politikern erreicht, die in einer Fantasiewelt
leben.»

Vance und Putin auf einer Linie

Der russische Präsident Wladimir Putin hält den 28-Punkte-Plan für
eine Grundlage, einen Frieden zu erreichen. Russland hatte die
Ukraine auf Befehl Putins am 24. Februar 2022 angegriffen. 

Vance warf den Kritikern des Plans vor, die wahre Lage im Krieg zu
verkennen. Auf X schrieb er: «Es gibt diese Fantasie, wenn wir bloß
für mehr Geld, mehr Waffen oder mehr Sanktionen sorgten, wäre der
Sieg greifbar.»

Putin wirft den Europäern ebenfalls Unkenntnis der Lage vor. Sie
hätten keine echten Informationen über die Lage auf dem Schlachtfeld.
Russland werde seine Ziele militärisch erreichen. Die Ukraine und
deren Verbündete pflegten die Illusion, Russland auf dem Schlachtfeld
eine strategische Niederlage zufügen zu können. 

Die USA boykottieren den ersten G20-Gipfel auf afrikanischem Boden
und können deshalb nicht direkt in Johannesburg angesprochen werden.
Trump beklagt eine Diskriminierung weißer Minderheiten in Südafrika,
insbesondere der sogenannten Afrikaaner, die Nachfahren
niederländischer Siedler sind. Südafrika weist die Vorwürfe als
unbegründet zurück. Fachleute sehen sie ebenfalls als nicht
gerechtfertigt an.

Europa sucht Beistand bei Kanada, Australien und Japan

Zu den Krisengesprächen voraussichtlich am Samstagnachmittag werden
nach EU-Angaben auch Spitzenpolitiker anderer Kontinente erwartet.
EU-Ratspräsident António Costa lud neben den anwesenden europäischen

Staats- und Regierungschefs auch die Vertreter Kanadas, Australiens
und Japans ein, wie eine EU-Beamtin sagte. 

Nach Angaben von Diplomaten wird es darum gehen, wie aus europäischer
Sicht inakzeptable Zugeständnisse an Russland herausverhandelt werden
könnten. Die Europäer wollen eigene Änderungsvorschläge vorlegen un
d
darüber dann mit den USA sprechen. Sie wollen einerseits klare Kante
gegen für sie inakzeptable Punkte des Plans zeigen, Trump aber auch
nicht ganz verprellen und ihn in dem Prozess an Bord halten.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits am Freitagabend in einem
15-minütigen Telefonat als erster Europäer mit dem US-Präsidenten
über den Friedensplan geredet. Anschließend hieß es, es seien weitere

Schritte auf Ebene der «Berater» geplant. 

Merz wird in Johannesburg von seinem außenpolitischen Berater Günter
Sautter begleitet. Wann und wo die Gespräche der Europäer mit den USA
stattfinden sollen, ist noch offen.

Der US-Vorschlag sieht zum Beispiel vor, dass die Ukraine auch
bislang verteidigte Gebiete an Russland abtritt und die Nato einen
Verzicht auf jegliche Erweiterung erklärt. Russland müsste dagegen
nur vergleichsweise geringe Zugeständnisse machen und unter anderem
auf in der EU eingefrorenes Staatsvermögen verzichten. 

Aus Europa werden neben Bundeskanzler Merz die Staats- und
Regierungschefs aus Frankreich, Italien und Großbritannien sowie aus
Irland, Finnland, den Niederlanden, Spanien und Norwegen erwartet.
Sie sind ständige G20-Mitglieder beziehungsweise als Gäste der Gruppe
führender Industrie- und Schwellenländer in Johannesburg. 

Verbündete der Ukraine im Dilemma

Für Deutschland und andere Partner der Ukraine ist der Plan brisant.
Sie befürchten, dass ein Abkommen, das den Aggressor belohnt, keinen
dauerhaften Frieden auf dem Kontinent bringen wird. Zugleich sind sie
angesichts der angespannten Finanzlage und einer der Unterstützung
müden Bevölkerung in vielen Ländern ebenfalls an einem Kriegsende
interessiert. 

Allein die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten haben nach
Angaben aus Brüssel bereits mehr als 187 Milliarden Euro für die
Unterstützung der Ukraine ausgegeben.

Selenskyj stimmt sich mit der EU-Führung ab 

Die ukrainische Führung will den Friedensplan nicht einfach
hinnehmen. Selenskyj sagte, er werde sich mit der EU über eigene
Vorschläge abstimmen. Der Präsident sieht sein Land unter erheblichem
Druck und sprach von einem der «schwierigsten Momente» in der
Geschichte der Ukraine. Sie stehe vor der Entscheidung, entweder ihre
Würde zu verlieren oder die USA als Schlüsselpartner. Ohne
Unterstützung der größten Militärmacht wäre der Abwehrkampf gegen
die
Invasoren deutlich erschwert.

Südafrika setzt trotz Ukraine-Krise Entwicklungsthemen durch 

Wegen der Krisengespräche zum US-Friedensplan rückten die
eigentlichen Gipfelthemen in den Hintergrund. Dennoch verabschiedete
die G20-Runde die von Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa
ausgehandelte Schlusserklärung des Gipfels. Er warb noch einmal für
mehr Zusammenarbeit bei der Lösung globaler Probleme wie der
Klimakrise und der größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich in
der Welt. Diese Ungleichheit sei «ungerecht und untragbar», sagte
Ramaphosa, der als Gastgeber die Themenschwerpunkte «Solidarität,
Gleichheit und Nachhaltigkeit» für die G20-Präsidentschaft gesetzt
hatte.