Tsipras erinnert an Merkel und «den harten Deutschen» Schäuble
25.11.2025 12:40
Merkel zeigte sich offen, Schäuble blieb hart: Wie Tsipras heute die
dramatischen Euro-Krisenmonate schildert - und was Putin ihm eiskalt
ins Gesicht sagte.
Athen (dpa) - Ob Angela Merkel, Wolfgang Schäuble oder Wladimir Putin
- im Jahr 2015 kam niemand an Griechenland und dem damaligen
Ministerpräsidenten Alexis Tsipras vorbei. Internationale Staats- und
Regierungschefs bangten, berieten und schimpften, als das fast
bankrotte Land drohte, den Euro zu sprengen. In einem
760-Seiten-Wälzer namens «Ithaki» (Ithaka) schildert Tsipras nun
seine Erinnerungen an die dramatischen Monate. Merkel kommt dabei gut
weg, Schäuble hingegen nicht.
Schäuble habe bewusst das «Bild des harten Deutschen» geprägt, der
«den Griechen die Daumenschrauben anzieht», schreibt Tsipras. Er habe
sich nicht mit den Ursachen der Krise befasst - den Schwächen des
Eurosystems, sozialen Ungleichheiten und Fehlgriffen der Gläubiger.
Der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank
(EZB) und damit auch Deutschland hatten Griechenland damals Geld
geliehen und dies mit harten Auflagen wie Rentenkürzungen und dem
Verkauf von Staatsbesitz verknüpft.
Persönliche Telefonnummer von Merkel
Merkel sei im Ton verständnisvoller gewesen, auch wenn sie ebenfalls
auf die Umsetzung der Maßnahmen bestand. Sie habe ihm jedoch ihre
persönliche Telefonnummer gegeben und gesagt, er könne jederzeit
anrufen - eine Geste, die Tsipras als «Brückenbau jenseits der
Förmlichkeiten» beschreibt.
Als sich die Krise zuspitzte, demonstrierten in Athen bis zu 350.000
Menschen. Viele Griechen leiden bis heute unter den Folgen. Bei
Einkommen, Rente, Langzeitarbeitslosigkeit und Armutsgefahr liegt
Griechenland am EU-Ende.
Gleichzeitig hat die aktuelle konservative Regierung unter Kyriakos
Mitsotakis das Land vorangebracht: Die IWF-Schulden sind vollständig
zurückgezahlt, die Wirtschaft wächst stärker als in vielen
EU-Ländern, die Arbeitslosigkeit sinkt und bei Digitalisierung und
erneuerbaren Energien steht Griechenland besser da als Deutschland.
Dass dies auch ein Ergebnis der harten Reformen sein könnte, erwähnt
Tsipras allerdings nicht.
Putin: Werde kein Geld in den Müll werfen
Dafür aber schreibt er, dass Athen von anderen politischen
Führungsfiguren noch sehr viel härtere Abfuhren erhielt als von
Merkel und Co. So habe er sich von Russlands Präsident Putin damals
den Kauf griechischer Anleihen über 300 Millionen Euro erhofft. Putin
habe ihm jedoch gesagt, er würde das Geld eher einem Waisenhaus
geben, als es in den Müll zu werfen, denn Griechenland sei pleite und
brauche nicht 300 Millionen, sondern 300 Milliarden Euro.
Abschließend habe der Kremlchef geraten: «Komm du erst mal mit der
Merkel klar.»
