Telefone abgehört: Was lief zwischen Washington und Moskau?
26.11.2025 15:35
Steve Witkoff kennt Russland und die Ukraine nicht. Er ist aber
Trumps Mann für Kontakte zu Kremlchef Putin. Seine Vorschläge
beeinflussen den Lauf der Ukraine-Diplomatie.
Washington/Brüssel/Bischkek/Berlin (dpa) - In die hektische
Diplomatie zur Ukraine kommt durch angebliche abgehörte Telefonate
zwischen Unterhändlern der USA und Russlands zusätzliche Aufregung.
In die Kritik geriet der US-Sondergesandte Steve Witkoff; allerdings
nahm Präsident Donald Trump ihn sofort gegen den Vorwurf übermäßige
r
Nähe zu Russland in Schutz.
«Das ist eine ganz normale Sache», sagte der Republikaner auf einem
Flug nach Florida, als er zu einem heiklen Bericht der
Nachrichtenagentur Bloomberg befragt wurde. Diese ist nach eigenen
Angaben an den Mitschnitt eines etwa fünfminütigen Telefonats vom 14.
Oktober gelangt, den sie als schriftliches Transkript
veröffentlichte.
Darin spricht Witkoff mit Juri Uschakow, dem außenpolitischen Berater
von Kremlchef Wladimir Putin. Er gibt ihm offenbar Tipps, dass man
Trumps Ohr mit Lob für dessen Frieden in Gaza erreichen könne.
Tatsächlich scheinen die Ratschläge in ein Telefonat Putins und
Trumps am 16. Oktober gemündet zu sein. Der Amerikaner stellte danach
erneut einen Gipfel in der ungarischen Hauptstadt Budapest in
Aussicht. Ein Besuch des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj
im Weißen Haus am 17. Oktober verlor seine Bedeutung.
Kreml sieht Versuch, Friedensverhandlungen zu torpedieren
Witkoff (68) ist kein Diplomat, sondern Immobilienunternehmer wie
Trump. Während es selbst in der Republikanischen Partei
Rücktrittsforderungen gegen Witkoff gab, deutete auf russischer Seite
Kremlsprecher Dmitri Peskow die Veröffentlichung als Versuch,
Friedensbemühungen zu untergraben. «Es ist eindeutig, dass es viele
Leute in verschiedenen Ländern, die USA eingeschlossen, gibt, die die
Tendenz einer Entwicklung zum Frieden stoppen wollen», sagte er der
staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Zugleich maß er dem Leak
keine große Bedeutung bei.
Uschakow sagte, seine Gespräche mit Witkoff seien nicht für die
Öffentlichkeit bestimmt. «Niemand darf das publik machen. Niemand»,
sagte er Tass zufolge. Woher die Abhörprotokolle stammen, ist nicht
bekannt.
Trump: «Ganz normale Verhandlungen»
Trump sagte, er habe die Aufnahme des Gesprächs zwar nicht gehört,
für ihn klinge das Ganze aber nach «ganz normalen Verhandlungen». Man
müsse der Ukraine russische Positionen vermitteln und umgekehrt
Moskau Forderungen aus Kiew. Auf die Frage, ob sein Sondergesandter
zu russlandfreundlich sei, antwortete Trump, der Krieg könne noch
Jahre dauern - und Russland habe «viel mehr Einwohner und Soldaten»
als die Ukraine. Wenn das angegriffene Land einen Deal aushandeln
könne, halte er das für «eine gute Sache».
Zweites Telefonat: Woher kommt der US-Friedensplan?
In dem Bloomberg-Bericht wird auch ein innerrussisches Telefonat von
Ende Oktober zitiert zwischen dem Putin-Berater Uschakow und dem
Sondergesandten Kirill Dmitrijew. Dieser schlug vor, ein
inoffizielles Dokument als angeblichen Friedensplan durchsickern zu
lassen. Selbst wenn die USA dies nicht vollständig übernehmen
sollten, seien immer noch genügend Moskauer Gesichtspunkte
berücksichtigt, argumentierte Dmitrijew.
Diese Passage stärkt kursierende Vermutungen, dass der Friedensplan,
den die USA seit vergangener Woche vertreten, zumindest teilweise
russische Wurzeln hat. Auch das unabhängige Rechercheportal «The
Insider» berichtete, dass der Friedensplan in großen Teilen aus der
Feder Dmitrijews stamme.
Witkoff soll wieder Putin treffen
Ungeachtet der Aufregung um die Telefonate laufen die diplomatischen
Anstrengungen für ein Ende des seit mehr als dreieinhalb Jahren
dauernden Kriegs in der Ukraine weiter. Witkoff werde kommende Woche
in Moskau erwartet und höchstwahrscheinlich von Putin empfangen,
bestätigte Uschakow in Äußerungen für das russische Staatsfernsehen
.
Einen genauen Termin gibt es bislang nicht. Trump ordnete am
Dienstagabend diese Reise genauso an wie ein weiteres Gespräch von
Unterhändler Daniel Driscoll mit den Ukrainern.
EU-Außenminister für zusätzlichen Druck auf Moskau
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas will die Erfolgsaussichten der
laufenden US-Initiative für ein Ende des Ukraine-Krieges durch
zusätzlichen Druck auf Russland erhöhen. Um das bestmögliche Ergebnis
für die Ukraine und für Europa zu sichern, müsse man in dieser
Richtung das Tempo erhöhen, sagte sie nach einer Videoschalte mit den
Außenministern der EU-Staaten und deren ukrainischen Amtskollegen
Andrij Sybiha. Dies bedeute: «Mehr Sanktionen, um Russland die Mittel
zur Fortsetzung des Krieges zu entziehen, und mehr militärische sowie
finanzielle Unterstützung für die Ukraine».
Von der Leyen: Russisches Geld für Ukraine
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treibt ungeachtet der
US-Initiative für ein Kriegsende die Pläne zur Nutzung von
eingefrorenem russischem Vermögen in der EU voran. Sie könne sich
kein Szenario vorstellen, in dem ausschließlich die europäischen
Steuerzahler die Rechnung für die weiter nötige Unterstützung der
Ukraine bezahlten, sagte von der Leyen dem EU-Parlament in Straßburg.
Die Kommission sei bereit, einen Rechtstext für die Nutzung der in
Europa festgesetzten russischen Zentralbankgelder vorzulegen.
Die bisherigen Pläne sehen vor, der Ukraine unter Nutzung der
russischen Mittel Darlehen in Höhe von bis zu 140 Milliarden Euro zu
geben. Russland soll das Geld nur dann zurückbekommen, wenn es nach
einem Ende seines Angriffskriegs gegen die Ukraine
Reparationszahlungen leistet.
