Ministerin hält Gentechnik-Entscheidung der EU für Fehler

06.01.2026 05:30

Die EU will die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte
Lebensmittel ändern. Was die einen als einen Abbau von Bürokratie
loben, kritisieren andere als Fehler - etwa Agrarministerin Staudte.

Hannover (dpa/lni) - Angesichts der geplanten Lockerung der
Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel in der
EU hat Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte große
Bedenken. «Ich bin weiterhin überzeugt, dass das wirklich eine
gewaltige Fehlentscheidung ist», sagte die Grünen-Politikerin im
Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hannover.

Geplant ist, dass gentechnisch nur gering veränderte Lebensmittel
auch ohne spezielle Prüfung und ohne Kennzeichnung verkauft werden
dürfen. Nur bei erheblichen Veränderungen des Erbguts soll es eine
Kennzeichnung geben. Darauf hatten sich das EU-Parlament und
Unterhändler der EU-Staaten Anfang Dezember geeinigt.

Skepsis gegenüber schnelleren Züchtungserfolgen

Befürworter versprechen sich schnellere Züchtungserfolge, etwa um
Pflanzen auf die Folgen des Klimawandels anzupassen. Auch der Einsatz
chemischer Pflanzenschutzmittel könnte reduziert werden, weil die
Pflanzen resistenter gegen bestimmte Krankheitserreger gemacht werden
könnten.

Staudte hingegen hält diese Argumente für fragwürdig. «Schon bei de
r
alten Gentechnik wurde vor 30 Jahren versprochen, wenn wir die
hätten, wird der Welthunger besiegt», sagte die Politikerin. Diese
Ziele seien aber in der Vergangenheit nie erreicht worden. 

Stärkung von Konzernen zulasten der Landwirte befürchtet

«Bei der Dürreresistenz bei Pflanzen gibt es nicht ein Gen oder
Gensequenz, die dafür verantwortlich ist», erklärte Staudte. Pflanzen

hätten unterschiedliche Mechanismen - einige würden lange Wurzeln
entwickeln, andere hätten wachsige Blätter, sodass weniger
Feuchtigkeit verdunste. Wieder andere würden ihren Tag-Nacht-Rhythmus
anpassen. «Ich glaube, dass man solche Eigenschaften auch über
Züchtung erreichen kann.»

Sie fürchte vielmehr, dass die Entscheidung weiter die Konzentration
auf wenige Kulturarten fördere und durch die Patentmöglichkeiten beim
Saatgut die Stärkung von Monopol- oder Oligopolstrukturen bei den
Herstellern. «Dadurch kann auch eine finanzielle Benachteiligung der
Landwirtinnen und Landwirte entstehen», sagte Staudte.

Staudte sieht Bevormundung der Verbraucher

Durch den Wegfall der Kennzeichnungspflicht sehe sie letztlich eine
Bevormundung der Verbraucher. Viele würden bewusst keine Lebensmittel
kaufen, die auf gentechnisch veränderten Pflanzen beruhten. «Die
haben jetzt keine Wahlmöglichkeit mehr.» Für diese Kundinnen und
Kunden bliebe künftig nur der Rückgriff auf Bioprodukte. Bei diesen
seien gentechnische Veränderungen nicht zulässig.

Sie sehe auch die Gefahr von Auskreuzungen, wenn gentechnisch
veränderte Pflanzen im Freiland angebaut werden. Die
Langzeitauswirkungen sehe man erst später. «Es ist eine Abkehr vom
Vorsorgeprinzip, mit dem wir in Europa bislang meiner Meinung nach
sehr gut gefahren sind», sagte die Ministerin.