Wie die «Koalition der Willigen» die Ukraine schützen will Von Ansgar Haase und Michael Fischer, dpa

07.01.2026 15:54

Seit Monaten wird über eine internationale Schutztruppe für die
Ukraine für den Fall eines Waffenstillstands spekuliert. Jetzt
konkretisieren sich die Pläne. Und auch der Kanzler bezieht Stellung.

Paris/Berlin/Brüssel (dpa) - Wie kann ein erneuter Angriff Russlands
auf die Ukraine nach einem Waffenstillstand verhindert werden? Die
Verbündeten des Landes - vor allem die in Europa - wollen dabei eine
zentrale Rolle spielen. Beim Gipfel der «Koalition der Willigen» in
Paris haben sie dazu wichtige Entscheidungen getroffen. Auch
Deutschland hat sich zu einem Beitrag bereiterklärt.

Warum ist die Erklärung von Paris ein großer Schritt vorwärts?

Vor allem, weil es beim Thema Sicherheitsgarantien nun wirklich
konkret wird und die Zeit des Ausweichens und Herumlavierens vorbei
sein dürfte. Zentraler Punkt ist dabei der Plan, der Ukraine
rechtlich verbindlich zuzusichern, sie im Fall eines erneuten
russischen Angriffs nicht allein zu lassen. Diese Zusage soll an
Artikel 5 des Nato-Vertrags erinnern, in dem festgelegt ist, dass die
Alliierten sich im Fall eines bewaffneten Angriffs Beistand leisten.
Wichtig ist dabei, dass die Unterstützung ganz explizit auch die
Möglichkeit des Einsatzes von Kampftruppen umfassen soll.

In der Erklärung von Paris heißt es: «Wir haben vereinbart, bindende

Verpflichtungen zu finalisieren, die unseren Ansatz festlegen, die
Ukraine zu unterstützen und Frieden und Sicherheit im Falle eines
künftigen bewaffneten Angriffs Russlands wiederherzustellen.» Diese
Verpflichtungen könnten den Einsatz militärischer Fähigkeiten,
nachrichtendienstliche und logistische Unterstützung, diplomatische
Initiativen sowie die Verhängung zusätzlicher Sanktionen umfassen.

Was hat es mit der geplanten «multinationalen Truppe für die Ukraine»

auf sich?

Diese von der «Koalition der Willigen» organisierte Truppe soll als
Abschreckung dienen und in Friedenszeiten die ukrainischen
Streitkräfte unterstützen - etwa bei der Ausbildung junger Soldaten
oder der Sicherung des Luftraums und der Seegebiete. Im Ernstfall
dürfte allerdings ein weitaus größeres militärisches Engagement
notwendig sein.

Welche Rolle werden die USA übernehmen?

Nach dem möglichen Abschluss eines Friedensabkommens wird es jemanden
geben müssen, der die Einhaltung überwacht. Die USA wollen dabei eine
Schlüsselrolle spielen. Das derzeitige Konzept sieht vor, die etwa
1.200 Kilometer lange Kontaktlinie vor allem mit unbemannten
Hightech-Systemen zu bewachen. Dabei würde es sich zum Beispiel um
Drohnen, aber auch um bodengestützte Systeme handeln. Eine große
Truppenpräsenz direkt an der Kontaktlinie wäre dann nicht
erforderlich. 

Und wie sieht es mit einem militärischen Engagement im Fall der Fälle
aus?

Zu einer klaren Unterstützungszusage für die multinationale Truppe
konnten die Amerikaner in Paris nicht bewegt werden. Eine dazu
vorgesehene Formulierung fehlte letztlich in der veröffentlichten
Erklärung. Wahrscheinlich wollen die Amerikaner ihre Unterstützung
auf Dinge wie die Weitergabe von nachrichtendienstlichen
Erkenntnissen und Logistik- und Waffenhilfen beschränken -
möglicherweise auch im Ernstfall.

Was ist die Rolle Deutschlands?

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat nach dem Gipfel in Paris
erstmals eine militärische Beteiligung Deutschlands an der
Absicherung eines möglichen Waffenstillstands in Aussicht gestellt.
«Dazu kann zum Beispiel gehören, dass wir nach einem Waffenstillstand
Kräfte für die Ukraine auf benachbartem Nato-Gebiet einmelden», sagte

er. Der CDU-Vorsitzende schloss aber auch einen Einsatz auf
ukrainischem Territorium nicht aus. «Ich will für mich sagen und auch
für die Bundesregierung: Wir schließen dabei grundsätzlich nichts
aus.»

Welche Aufgaben würden die deutschen Soldaten haben?

Das ist noch völlig unklar. Kräfte an der ukrainischen Grenze könnten

sich an der Luft- oder Seeraumüberwachung oder der Ausbildung der
ukrainischen Streitkräfte beteiligen. Im Ernstfall - also bei einer
russischen Aggression - könnten sie aber auch in die Ukraine
vorrücken. Es gibt noch keinerlei Festlegungen. Merz ist bei seinen
Zusagen jedenfalls vorsichtiger als seine Kollegen aus Frankreich und
Großbritannien, die sich schon vor längerer Zeit auch zur
Truppenstationierung in der Ukraine bereiterklärt haben.

Wo könnten die deutschen Soldaten stationiert werden?

Die Bundeswehr ist bereits jetzt fest in Litauen stationiert, um zur
Abschreckung der Nato gegenüber Russland beizutragen. Der Einsatz zum
Schutz der Ukraine ist aber davon getrennt zu betrachten. Vier
Nato-Länder grenzen an die Ukraine: Polen, Rumänien, Ungarn und die
Slowakei. Am wahrscheinlichsten wäre wohl Polen, weil über dieses
Land auch die Waffenlieferungen in die Ukraine laufen und eine
gewisse Infrastruktur vorhanden ist. 

Könnten deutsche Soldaten in Kampfhandlungen verwickelt werden?

Auszuschließen ist es nicht. Der Kanzler hatte im Dezember nach dem
Berliner Ukraine-Gipfel im ZDF erklärt, was die Sicherheitsgarantien
für die Ukraine für die internationale Truppe bedeuten könnte: «Wir

würden in diesem Falle zum Beispiel eine entmilitarisierte Zone
zwischen den Kriegsparteien absichern. Und sehr konkret: Wir würden
auch entsprechende russische Übergriffe und Angriffe erwidern.» 

Wer entscheidet über einen Bundeswehreinsatz?

Die Bundesregierung wird dazu zu gegebener Zeit einen Vorschlag
machen. Das letzte Wort hat der Bundestag, der über jeden
Auslandseinsatz der Bundeswehr abstimmt. Die Gespräche mit den
Fraktionen über einen möglichen Bundeswehreinsatz sollen jetzt schon
aufgenommen werden. Die Diskussionen mit der SPD dürften nicht
einfach werden. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch hat aber wie Merz
keine Option ausgeschlossen. 

Könnten auch Wehrpflichtige zum Einsatz kommen?

Nein. Junge Leute, die sich für den freiwilligen Wehrdienst
entscheiden, werden schon jetzt nur dann in Auslandseinsätze
geschickt, wenn sie sich selbst dazu verpflichten. 

Was sind die Bedingungen für einen Einsatz einer internationalen
Schutztruppe?

Nötig ist ein Abkommen zwischen der Ukraine und Russland über einen
Waffenstillstand, der den Einsatz einer internationalen Truppe
ermöglicht. Außerdem bestehen die Europäer auf rechtlich verbindliche

Sicherheitsgarantien der USA.

Könnte sich die Ukraine auf eine Beistandszusage verlassen?

Zumindest wäre es für alle beteiligten Staaten brandgefährlich, sie
nicht einzuhalten. Grund dafür ist das Risiko, dass in diesem Fall
auch die Glaubwürdigkeit der Beistandsklausel des Nato-Vertrags
beschädigt werden würde, da klar wäre, dass auf solche Treueschwüre

kein Verlass ist. Für die Nato wäre das katastrophal, weil sie vor
allem auf das Prinzip Sicherheit durch Abschreckung setzt.

Sind die Sicherheitsgarantien bereits unter Dach und Fach?

Nein - und das dürfte auch noch dauern und in Ländern wie Deutschland
auch die Zustimmung des Parlaments erfordern. Schwierige
innenpolitische Debatten sind dabei vorprogrammiert - da es letztlich
um die Frage geht, ob große europäische Staaten im Extremfall bereit
wären, Soldaten für einen Abwehrkrieg gegen Russland bereitzustellen.

Bereits sehr weit in den Planungen sind Frankreich und
Großbritannien. Die beiden Länder kündigten am Dienstagabend unter
anderem an, dass sie nach einem Waffenstillstand militärische
Drehscheiben und geschützte Anlagen für Waffen und militärische
Ausrüstung in der Ukraine errichten wollen. Der französische
Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir
Starmer unterzeichneten mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr
Selenskyj eine Erklärung, die «den Weg für den rechtlichen Rahmen»

für solche Einsätze ebnen soll.

Hat Russland überhaupt Interesse an einem Abkommen über einen
Waffenstillstand?

Aus US-Verhandlungskreisen wird berichtet, dass Russland sich hinter
verschlossenen Türen offener für einen Deal zeigt als in der
Öffentlichkeit. Grund dafür könnten demnach auch die anhaltend groß
en
Verluste auf dem Schlachtfeld und die negativen Folgen des Krieges
für die russische Wirtschaft sein.

Und was ist mit der Ukraine?

Sie steht letztlich noch mehr unter Druck als Russland, weil sie
befürchten muss, dass die USA ihre Unterstützung komplett einstellen,
wenn in Washington das Gefühl entsteht, dass die Ukraine nicht
ausreichend verhandlungsbereit ist. Zugleich steht Präsident
Selenskyj vor dem Problem, dass ein Friedensabkommen vermutlich damit
verbunden sein wird, dass die Ukraine Staatsgebiet an Russland
abtritt - zwar nicht juristisch, aber faktisch. 

Dies den Streitkräften zu erklären, die dafür jahrelang unter grö
ßten
Opfern gekämpft haben, dürfte schwierig werden. Moskau verlangt die
Räumung von Städten wie Kramatorsk oder Slowjansk im Osten, die für
die Ukraine einen starken Verteidigungsgürtel bilden. Auch die
ukrainische Gesellschaft ist nach Umfragen mehrheitlich gegen eine
Räumung dieser Gebiete.