Was bedeutet der Mercosur-Deal für Wirtschaft und Verbraucher? Von Ansgar Haase, dpa
09.01.2026 14:06
Zwischen Europa und Südamerika können Zölle abgebaut werden.
Unternehmen hoffen auf neue Märkte und steigende Umsätze. Profitieren
auch die Verbraucher?
Brüssel (dpa) - Mehr als ein Vierteljahrhundert lang wurde erbittert
um Details gerungen - jetzt kann das Freihandelsabkommen zwischen der
Europäischen Union und den vier südamerikanischen Mercosur-Staaten
Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay endlich abgeschlossen
werden. Mit dem Abkommen soll eine der weltweit größten
Freihandelszonen mit mehr als 700 Millionen Menschen entstehen. Wer
profitiert, für wen gibt es Risiken? Fragen und Antworten im
Überblick:
Was erhofft sich die EU von dem Freihandelsabkommen?
Im Endeffekt geht es um Jobs und Wohlstand. Über einen besseren
Zugang zu den Märkten in den Mercosur-Ländern sollen europäische
Unternehmen neue Wachstumsmöglichkeiten bekommen. Bislang müssen
Importeure von EU-Waren zum Teil sehr hohe Zölle zahlen, die der
Wettbewerbsfähigkeit schaden. Auf Autos sind es beispielsweise 35
Prozent, auf Maschinen 14 bis 20 Prozent und auf Chemikalien bis zu
18 Prozent. Die Zölle sollen nun schrittweise abgebaut werden. Am
Ende könnten pro Jahr Abgaben in Höhe von rund vier Milliarden Euro
eingespart werden, hat die EU-Kommission ausgerechnet.
«Die Zustimmung der EU zum EU-Mercosur-Handelsabkommen ist eine
längst überfällige und sehr gute Nachricht für den europäischen
Wirtschaftsstandort und insbesondere für das Exportland Deutschland»,
kommentierte Hildegard Müller, die Präsidentin des Verbands der
Automobilindustrie (VDA).
Was macht den Mercosur für die EU so interessant?
In den Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay
leben rund 270 Millionen Menschen. Zusammen bilden sie die
sechstgrößte Wirtschaftsregion der Welt mit einem jährlichen
Bruttoinlandsprodukt von 2,7 Billionen Euro. 2024 importierten sie
aus der EU Waren im Wert von rund 53 Milliarden Euro, in umgekehrter
Richtung betrug das Exportvolumen etwa 57 Milliarden Euro. An
EU-Exporten in die Mercosur-Länder hängen nach EU-Angaben mehr als
750.000 Arbeitsplätze.
Werden auch Verbraucher Vorteile haben?
Durch die Liberalisierung des Handels könnten Preise für importierte
Produkte aus den Mercosur-Staaten sinken - zum Beispiel für Fleisch,
Obst, Soja, Kaffee und Zucker. Zum Schutz der EU-Landwirtschaft
sollen bei bestimmten Agrarprodukten die Märkte aber nicht
vollständig geöffnet werden. Die Zollerleichterungen würden dort nur
für eine bestimmte Liefermenge gelten.
Warum kritisieren Umweltschützer das Freihandelsabkommen?
Sie befürchten, dass die neuen Absatzchancen für landwirtschaftliche
Produkte die Umweltzerstörung befeuern könnten. Die
Umweltschutzorganisation Greenpeace bezeichnete das Abkommen am
Freitag als «Desaster für den Amazonas-Regenwald». Sie ging zuletzt
davon aus, dass die Abholzungsraten in der Mercosur-Region wegen der
höheren Importquoten für Rindfleisch in den nächsten Jahren um fünf
Prozent pro Jahr steigen werden. Sinkende Zölle auf Pestizide und
Kunststoffe könnten demnach zudem auch die Plastikverschmutzung in
Südamerika erhöhen und die Artenvielfalt gefährden.
Was haben die europäischen Bauern gegen den Deal?
Die Landwirte in Europa befürchten, im Wettbewerb mit den
südamerikanischen Großbauern nicht bestehen zu können. Im Mercosur
wird in deutlich größerem Maßstab produziert, was Kostenvorteile mit
sich bringt. Die europäischen Bauern beklagen zudem, dass für sie
strengere Regeln beispielsweise beim Umweltschutz und bei der
Lebensmittelsicherheit gelten als für die südamerikanischen
Konkurrenten.
Wie reagieren die EU und die Bundesregierung auf die Kritik?
Sie weisen die meisten Vorwürfe als ungerechtfertigt zurück und
betonen, dass die gesamtwirtschaftlichen Vorteile eindeutig
überwiegen würden. Zum Thema Pestizideinsatz erklärt etwa das
Bundeswirtschaftsministerium, dass auch künftig alle Importe die
gesetzlichen Anforderungen der Europäischen Union einhalten müssen.
Dies bedeutet, dass die in der EU geltenden Höchstwerte für
Rückstände nicht überschritten werden dürften. Ganz allgemein gilt
demnach, dass nur Produkte, die den umfangreichen europäischen
Vorschriften entsprechen, in die EU eingeführt werden dürfen.
Um den Landwirten Existenzsorgen zu nehmen, wurde zudem ein
umfangreiches Sicherheitsnetz gespannt. Dieses soll es unter anderem
ermöglichen, dass Zollvorteile bei gefährlichen Preisrückgängen
wieder zurückgenommen werden können.
Warum ist der Deal für die EU so wichtig?
Angesichts der protektionistischen Zollpolitik von US-Präsident
Donald Trump will die EU ihre Wirtschaftsbeziehungen breiter
aufstellen und neue Absatzmärkte für europäische Unternehmen
erschließen. Zudem wird die Gefahr gesehen, dass sich die
Mercosur-Staaten noch deutlich mehr als ohnehin schon China zuwenden,
wenn sich die EU nicht stärker dort engagiert. Für eine Reihe von
Ländern in der Region wie beispielsweise Brasilien ist China schon
jetzt der wichtigste Handelspartner.
Letztlich hofft die EU auch, ein Zeichen für freien Welthandel setzen
zu können. Im Idealfall sollen in Kürze auch die Verhandlungen über
ein Freihandelsabkommen mit Indien abgeschlossen werden können.
Wann wird das Abkommen in Kraft treten?
Das ist noch nicht ganz klar. Rechtlich könnte es bereits direkt nach
dem Abschluss vorläufig angewendet werden - also sogar noch vor einer
ausstehenden Abstimmung im Europäischen Parlament. Zuletzt wurde
allerdings erwartet, dass die zuständige EU-Kommission von Ursula von
der Leyen die Abstimmung abwartet. Die Zustimmung des Parlaments gilt
angesichts der Zugeständnisse an die Agrarlobby als sehr
wahrscheinlich. Die Unterzeichnung des Abkommens soll bereits in den
nächsten Tagen erfolgen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen und EU-Ratspräsident António Costa wollen dazu nach Paraguay
reisen.
Warum konnte die Unterzeichnung des Abkommens trotz der Ablehnung von
großen EU-Staaten wie Frankreich und Polen auf den Weg gebracht
werden?
Die für die Rechtstexte zuständige EU-Kommission bediente sich dafür
eines Tricks. Das Abkommen wurde so angelegt, dass der Handelsteil
mit den neuen Zollregelungen per Mehrheitsentscheidung beschlossen
und auch nicht von nationalen Parlamenten verhindert werden kann. Ein
Vetorecht haben einzelne Mitgliedstaaten so nur noch bei
Vereinbarungen zum politischen Dialog und zur Kooperation.
