EU unterzeichnet Freihandelsabkommen mit Mercosur Von Denis Düttmann, dpa
17.01.2026 19:48
Zölle und Handelsbarrieren sollen fallen, der Austausch von Waren und
Dienstleistungen zulegen. Die riesige Freihandelszone ist auch eine
Antwort auf Trumps protektionistische Zollpolitik.
Asunción (dpa) - Nach über 25 Jahren Verhandlungen haben Vertreter
der Europäischen Union und von vier südamerikanischen Ländern des
Staatenbunds Mercosur das Freihandelsabkommen zwischen den beiden
Wirtschaftsblöcken unterzeichnet.
An der Zeremonie in der Zentralbank in der paraguayischen Hauptstadt
Asunción nahmen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen,
Ratspräsident António Costa, Argentiniens Präsident Javier Milei,
Paraguays Staatschef Santiago Peña und der uruguayische Präsident
Yamandú Orsi teil.
Die neue Freihandelszone mit mehr als 700 Millionen Einwohnern und
einer gemeinsamen Wirtschaftsleistung von rund 22 Billionen US-Dollar
(19 Billionen Euro) wird eine der größten weltweit sein.
EU rechnet mit Export-Zuwächsen von 39 Prozent
Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Austausch
von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und dem Mercosur
angekurbelt werden. Die EU rechnet durch das Abkommen mit einer
Steigerung der jährlichen Exporte in den Mercosur um 39 Prozent.
Damit ist die neue Freihandelszone auch ein Zeichen gegen die
protektionistische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump.
Kurz vor der Unterzeichnung des Abkommens zwischen der EU und dem
Mercosur kündigte Trump wegen des Grönland-Konflikts zusätzliche
Zölle gegen Deutschland und sieben weitere europäische Länder an. Ab
dem 1. Februar würden zunächst 10 Prozent für in die USA gesendete
Waren fällig. Ab dem 1. Juni steige der Zollsatz auf 25 Prozent, wenn
kein Abkommen zu der Arktisinsel erzielt werde. Trump betont immer
wieder, dass die ressourcenreiche Insel wegen der nationalen
Sicherheit in den Besitz der USA übergehen müsse.
«Wenn wir Wohlstand wollen, müssen wir Märkte öffnen, nicht
schließen. Wir müssen Zonen der wirtschaftlichen Integration schaffen
und nicht die Zölle erhöhen», sagte EU-Ratspräsident António Cost
a
bei einer Pressekonferenz auf die Frage nach Trumps Zoll-Ankündigung.
«Die EU war immer sehr entschlossen in der Verteidigung des
Völkerrechts - und natürlich besonders im Gebiet eines
Mitgliedstaats.»
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen stellte den Vertrag als klare
Entscheidung für Freihandel und offene Märkte dar. «Dieses Abkommen
sendet ein starkes Signal an die Welt. Wir entscheiden uns für fairen
Handel statt Zölle, wir entscheiden uns für eine produktive,
langfristige Partnerschaft, und vor allem wollen wir unseren Bürgern
und Unternehmen echte und greifbare Vorteile verschaffen», sagte sie
in ihrer Rede.
Freihandel mit Mercosur als Antwort auf US-Zollpolitik
Nach Einschätzung des Ifo-Instituts kann das Abkommen zwischen der EU
und dem Mercosur die Einbußen aus der US-Zollpolitik zumindest
teilweise kompensieren. «Die Unterzeichnung des Handelsabkommens
zwischen der EU und den Mercosur-Staaten ist ein wichtiger erster
Schritt», sagte die Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft,
Lisandra Flach. «Es sind aber zusätzliche Handelsabkommen mit
weiteren Handelspartnern nötig, um die negativen Folgen der
US-Zollpolitik zu kompensieren.»
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sprach von einem
starken Signal für den Freihandel. Besonders wichtig sei auch der
Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium und Kupfer etwa für
Elektromobilität und Erneuerbare Energien. Große Chancen werden auch
für die Autoindustrie, den Maschinenbau und die Pharmabranche
gesehen. Auf Autoimporte in die Mercosur-Länder wird beispielsweise
derzeit ein Zoll in Höhe von 35 Prozent fällig.
Die Verhandlungen über das Mercosur-Abkommen waren bereits 1999
gestartet worden. Die EU-Kommission hatte sie dann im Dezember 2024
trotz anhaltender Kritik aus Ländern wie Frankreich abgeschlossen.
Zuletzt brachte der Zollstreit der EU mit den USA noch einmal neue
Dynamik in den Prozess. Viele Länder wollen jetzt zeigen, dass die
Zeiten des freien Handels nicht vorbei sind - zu ihnen gehört
insbesondere Deutschland.
Europäische Bauern fürchten gnadenlosen Wettbewerb
Gegner des Abkommens kritisieren allerdings, dass Bauern in Europa in
einen harten Preiskampf mit den besonders wettbewerbsfähigen
südamerikanischen Farmern gezwungen würden. Immer wieder gingen
Landwirte in Europa gegen den Deal auf die Straße.
Kurz vor der Einigung wurden deshalb Sicherheitsklauseln in das
Abkommen eingearbeitet, nach denen im Fall eines starken Anstiegs der
Einfuhren aus den Mercosur-Staaten oder eines übermäßigen
Preisverfalls rasch Gegenmaßnahmen in Gang gesetzt werden können.
Umweltschützer warnen vor Folgen für Regenwald und Tiere
Umweltschützer befürchten zudem, dass durch eine stärkere Nachfrage
landwirtschaftlicher Produkte in Europa die Abholzung des Regenwaldes
in Südamerika befeuert werden könnte. Außerdem rechnen sie mit
negativen Folgen für die Artenvielfalt und die traditionelle
Lebensweise indigener Gemeinschaften.
Wie geht es jetzt weiter?
Um den Freihandelsvertrag zum Abschluss zu bringen, hatte ihn die EU
in ein politisches Partnerschaftsabkommen und ein Interimsabkommen
über den Handel aufgespalten. Da das Handelsabkommen in die
ausschließliche Zuständigkeit der EU fällt, konnte der Rat der
Mitgliedsstaaten in der vergangenen Woche per Mehrheitsentscheidung
den Abschluss und die Unterzeichnung beschließen. Auch eine
Ratifizierung durch nationale Parlamente ist nicht erforderlich.
Bevor das Freihandelsabkommen in Kraft treten kann, muss es noch vom
Europäischen Parlament gebilligt werden. Es gebe bislang keine Pläne,
den Vertrag bereits zuvor vorläufig zur Anwendung kommen zu lassen,
sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Es gehe nun darum, im
EU-Parlament um Unterstützung für den Deal zu werben.
Das politische Partnerschaftsabkommen wiederum tritt erst in Kraft,
wenn es von den EU-Mitgliedsstaaten und den beteiligten
Mercosur-Ländern ratifiziert wurde.
