Trumps Kampfansage im Grönland-Streit: Was kann Europa tun? Von Ansgar Haase, Niklas Treppner, André Stahl und Torsten Holtz, dpa

18.01.2026 12:39

Nach Drohungen nun offene Erpressung: Der US-Präsident versucht,
seinen widerrechtlichen Besitzanspruch auf Grönland mit Zöllen für
Deutschland und andere Staaten durchzudrücken. Kann Europa kontern?

Brüssel/Washington (dpa) - Grönland soll den USA gehören - diesen
Plan zieht Donald Trump konsequent durch. Nun kündigt der
US-Präsident zusätzliche Zölle gegen Deutschland und andere
europäische Nato-Verbündete an, wenn Dänemark seine riesige
Arktisinsel nicht wie gewünscht an die USA verkauft. Wie können die
Europäer diese Kampfansage kontern? Und: Sind die USA überhaupt noch
ein verlässlicher Partner - oder eher schon Gegner? 

Wie werden die Europäer jetzt wahrscheinlich reagieren? 

Darüber wird derzeit fieberhaft beraten, denn es gilt eine
gefährliche Gratwanderung zu bewältigen. Einerseits müssen die
Europäer Trump zeigen, dass sie sich ein solches Vorgehen nicht
gefallen lassen. Auf der anderen Seite gilt es, eine Eskalation zu
vermeiden, denn die Europäer sind in Verteidigungs- und
Technologiefragen extrem abhängig von den Vereinigten Staaten. 

Als Horrorszenario gilt, dass Trump im Streit über Grönland einen
Austritt der Vereinigten Staaten aus der Nato ankündigt - und sich
Russland dann eingeladen fühlt, seinen Eroberungsfeldzug
beispielsweise auf die EU-Staaten im Baltikum auszudehnen.

Was könnte in der Zoll- und Wirtschaftspolitik konkret kommen? 

Als wahrscheinlich gilt, dass die EU nun erst einmal den Einsatz
ihres neuen Instruments gegen wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen
androht: Es würde ermöglichen, Vergeltungszölle auf den Import von
US-Waren zu verhängen. Zudem könnten US-Unternehmen von der Vergabe
öffentlicher Aufträge ausgeschlossen werden - oder für bestimmte
Produkte Ein- und Ausfuhrbeschränkungen erlassen werden. Die
französische Regierung hat am Sonntag schon angekündigt, dies schnell
zu beantragen.

Als sicher gilt zudem, dass die EU die Umsetzung bestimmter
Absprachen aus dem erst im Sommer geschlossenen Zollabkommen auf Eis
legt. Sie sehen unter anderem vor, Zölle auf alle US-Industriegüter
abzuschaffen und den EU-Marktzugang für bestimmte US-Agrarprodukte zu
verbessern.

Welche Möglichkeiten bietet die Diplomatie? 

Neben Gegenzöllen könnten die Europäer auch zu klassischen Mitteln
des diplomatischen Protests greifen und zum Beispiel koordiniert die
US-Botschafter einbestellen, um ihre Empörung nach Washington zu
übermitteln. Zunächst gaben aber in einem ersten Schritt der
französische Präsident Emmanuel Macron und der britische
Regierungschef Keir Starmer Erklärungen ab, in denen sie Trumps
Zoll-Drohung als falsch und schädlich einstuften. Und sie wollen nun
direkt mit der US-Regierung sprechen, wie Starmer ankündigte. 

Die Bundesregierung blieb dagegen zunächst auffällig zurückhaltend.
Man habe Trumps Äußerungen «zur Kenntnis genommen», erklärte
Regierungssprecher Stefan Kornelius, und befinde sich in engster
Abstimmung mit den europäischen Partnern. 

Wäre auch ein Boykott der Fußball-WM denkbar?

Diese Idee hat der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt ins Spiel gebracht
- für den Fall, dass die USA Grönland widerrechtlich annektieren. Er
sagte am Samstag im Deutschlandfunk, mit einem solchen «Tabubruch»
würde sich das Verhältnis Europas zu den USA fundamental verändern.
Er könne sich unter diesen Voraussetzungen nicht vorstellen, im
Sommer in den USA ein fröhliches Fußballfest zu feiern. 

Eine widerrechtliche Besetzung Grönlands bedeute aus seiner Sicht,
dass die Europäer überprüfen müssten, «ob man an solchen Spielen

teilnehmen kann». Er gehe aber fest davon aus, dass es dazu nicht
komme, sondern Trump von diesem Plan absehe. Trump müsse klar sein,
dass Dinge die ihm «lieb und wichtig» seien, wie auch die WM im
Sommer, gefährdet seien, wenn er solche Schritte unternehme. Das
wolle er deutlich machen und unterstreichen. Mit Kanzler Friedrich
Merz habe er über diese Frage nicht gesprochen, sagte er auf
Nachfrage.

Könnten die Europäer damit drohen, amerikanische Militärstützpunkte

zu schließen?

In Europa gibt es seit Jahrzehnten Dutzende große
US-Militärstützpunkte, die bei den weltumspannenden Einsätzen der
Amerikaner - etwa im Nahen Osten - von enormer Bedeutung sind: Hier
sind Truppen, Waffen, Schiffe und Flugzeuge stationiert, es werden
Drohnen gesteuert oder auch Verletzte versorgt. In Deutschland
gehören dazu das US-Oberkommando für Europa (EUCOM) in Stuttgart und
als Drehkreuz der US-Luftwaffe der Flugplatz Ramstein in
Rheinland-Pfalz. Weitere wichtige Stützpunkte unterhalten die USA in
Italien und in Großbritannien. 

Kämen die Europäer zu dem Schluss, aus Protest gegen Trumps
Grönland-Politik den Betrieb dieser Militärbasen einzuschränken oder

zu untersagen, wäre die Logistik der US-Streitkräfte vor größere
Probleme gestellt, etwa der Nachschub für Truppen in anderen Teilen
der Welt. Realistisch ist dieses Vorgehen allerdings nicht, denn die
in Europa stationierten Soldaten und Atombomben der westlichen
Schutzmacht USA gelten trotz Trumps wiederkehrender Kritik an der
Nato immer noch als unverzichtbare Abschreckung gegen Aggressoren von
außen, insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg gegen das
Nachbarland Ukraine.

Ist die Nato angesichts des Konflikts überhaupt noch handlungsfähig?

Bislang wird von allen Seiten versucht, größeren Schäden für die Na
to
zu vermeiden. Sogar Trump stellte jüngst klar, dass er die
Bündnismitgliedschaft der stärksten Militärmacht der Welt nicht als
Druckmittel gegen die Alliierten nutzen will. So verkündete er auf
seiner Online-Plattform Truth Social: «Wir werden immer für die Nato
da sein, auch wenn sie nicht für uns da sein wird». 

Grundsätzlich gilt für die Nato, dass sie so lange ihren Hauptzweck
erfüllt, wie sie Gegner wie Russland zuverlässig von einem
militärischen Angriff auf einen Bündnisstaat abschreckt. Vor allem
die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sehen sie in
diesem Zusammenhang als eine Art Lebensversicherung, die es um jeden
Preis zu erhalten gilt. Die europäischen Verbündeten Großbritannien
und Frankreich sind zwar auch Atommächte, ihr Sprengkörper-Arsenal
ist allerdings sehr begrenzt und wird nicht als ausreichend
angesehen, um für ganz Europa ausreichend Abschreckung zu bieten.

Welche Auswirkungen würden Zusatzzölle auf die Wirtschaft haben? 

Die angekündigten Zölle würden aus Sicht der Deutschen Industrie- und

Handelskammer (DIHK) spürbare zusätzliche Einschnitte nach sich
ziehen: «Der Einbruch der deutschen Exporte in die USA um fast zehn
Prozent im Jahr 2025 wäre damit nur ein Aufgalopp», warnt
DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Der europäische Maschinen-
und Anlagenbau ist laut dem Branchenverband VDMA von den US-Zöllen
bereits jetzt überdurchschnittlich stark betroffen, weil eine
Vielzahl von Produkten den Sonderzöllen auf Stahl und Aluminium von
50 Prozent unterliegen. Nach Darstellung des Verbands der
Automobilindustrie wären die Kosten durch diese zusätzlichen Zölle
für die deutsche sowie europäische Industrie enorm.