Konflikte/Nato/EU/Diplomatie/Militär/Wirtschaft/USA/Grönland/Dänemark / Vizekanzler: Durch Trumps Zolldrohung nicht erpressen lassen
18.01.2026 13:49
Der US-Präsident will Deutschland und sieben andere europäische
Staaten für ihre Unterstützung Dänemarks im Grönland-Konflikt mit
Sonderzöllen belegen. Die Europäer überlegen, wie sie kontern könne
n.
Berlin/Brüssel/Washington (dpa) - Deutschland und die übrigen
betroffenen Staaten wollen die Drohung von US-Präsident Donald Trump
mit Sonderzöllen im Grönland-Konflikt nicht auf sich sitzen lassen.
Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sagte am Sonntag: «Wir dürfen uns
nicht erpressen lassen von dem, was da gerade passiert.» Den Weg, den
Trump einschlage, könne man nicht mitgehen.
Zwar werde die Hand in Richtung USA immer ausgestreckt bleiben, man
wolle eine gemeinsame Lösung finden, sagte der Bundesfinanzminister
am Rande eines Auftritts in Rheinland-Pfalz. «Wir lassen uns nicht
provozieren. Nicht mit Zöllen, nicht mit Worten.» Doch er fügte
hinzu: «Für mich ist wichtig, dass es eine gemeinsame deutliche
Antwort der Europäer gibt. Sie muss klar in den USA gehört werden.»
Er und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) seien sich in dieser Frage
sehr einig. «Wir sind in enger Absprache in der Bundesregierung. Wir
stimmen uns gerade sehr eng mit den europäischen Partnern ab.»
Ein beispielloser Eklat
Trump hatte in einem beispiellosen Schritt am Samstag unter Verweis
auf den Konflikt um Grönland zusätzliche Zölle ab Februar gegen
Deutschland und sieben weitere europäische Staaten angekündigt - alle
von ihnen Nato-Länder. Die gestaffelten Zölle sollen so lange gelten,
bis ein Abkommen über den vollständigen Kauf der Arktisinsel erzielt
werde, schrieb Trump auf Truth Social.
Der US-Präsident beansprucht die zum Königreich Dänemark gehörende
Insel als Staatsgebiet für Amerika - was die europäischen
Nato-Partner vehement ablehnen. Trump zufolge würden ansonsten
Russland oder China die Insel übernehmen. Die Nato-Verbündeten sind
dagegen überzeugt, dass Grönland gemeinsam geschützt werden kann. Sie
stellen sich an die Seite des EU-Partners Dänemark.
Kritik an Erkundungsmission
Trump übte auch heftige Kritik daran, dass Deutschland und andere
europäische Nato-Staaten auf Einladung Dänemarks einige Soldaten für
eine Erkundungsmission vor einer Militärübung auf die Insel geschickt
haben. Die Bundeswehr ist mit 15 Soldaten beteiligt. Diese wurden
inzwischen wieder zurückbeordert, wie ein Sprecher des Operativen
Führungskommandos der Bundeswehr am Sonntag bestätigte. Sie waren
erst am Freitag auf Grönland angekommen - am Samstagabend hieß es
noch, es sei nicht absehbar, wie lang der Aufenthalt sein werde. Nun
sagte der Sprecher des Führungskommandos, das Team habe den Auftrag
erfüllt. «Die Erkundungsergebnisse werden in den kommenden Tagen
ausgewertet.»
Trump hatte erklärt, die Soldaten der Verbündeten seien dort «für
unbekannte Zwecke». Dies sei eine «sehr gefährliche Situation» fü
r
die Sicherheit, den Schutz und das Überleben des Planeten. Die
angekündigten US-Sonderzölle treffen die beteiligten Länder.
«Würde die Beziehungen untergraben»
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratschef
António Costa reagierten schon am Samstagabend gemeinsam. Sie
warnten, «Zölle würden die transatlantischen Beziehungen untergraben
und eine gefährliche Abwärtsspirale riskieren».
Die beiden EU-Spitzen kündigten an, Europa werde «weiterhin geeint
und koordiniert vorgehen und sich für die Wahrung seiner Souveränität
einsetzen». Die 27 EU-Länder beriefen für Sonntagnachmittag
Beratungen ihrer ständigen Vertreter in Brüssel ein.
Die Eskalation ist für die Europäer sehr heikel, weil sie im Rahmen
der Nato auf Verteidigungsunterstützung der USA angewiesen sind und
Washington nicht verprellen wollen. Das gilt insbesondere für
Deutschland, das keine eigenen Atomwaffen besitzt. Doch steht Merz
auch innenpolitisch unter Druck, Trump nicht in allem nachzugeben.
Maschinenbauer: «Nicht erpressen lassen»
Die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge forderte, mit der
Androhung von Gegenzöllen zu antworten. Die Linken-Außenpolitikerin
Lea Reisner meinte: «Auch Friedrich Merz sollte doch endlich
erkennen, dass die USA kein Verbündeter mehr sind.»
Selbst der deutsche Maschinenbauerverband VDMA, dessen
Mitgliedsfirmen unter höheren Zöllen leiden könnten, forderte eine
entschlossene Reaktion: «Europa darf sich nicht erpressen lassen,
auch nicht von den Vereinigten Staaten», sagte VDMA-Präsident Bertram
Kawlath. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer betonte, nötig sei
eine klare und gemeinsame Haltung der EU. Scharfe Gegenmaßnahmen
seien aber nur das letzte Mittel, sagte ihr Außenwirtschaftschef
Volker Treier.
Fraktionen im EU-Parlament wollen Zoll-Deal nicht mehr
Ein Hebel ist möglicherweise der im vergangenen Jahr von EU und USA
ausgehandelte Zoll-Deal, dem das EU-Parlament noch zustimmen muss.
Demnach soll der US-Zoll von 15 Prozent für die meisten europäischen
Produkte gelten. Zölle auf US-Industriegüter dagegen sollen
vollständig abgeschafft werden, und Barrieren für den Import von
bestimmten Lebensmitteln sollen fallen.
Nach Trumps Drohung erklärte der Chef der Europäischen Volkspartei
(EVP), Manfred Weber, eine Zustimmung sei zum jetzigen Zeitpunkt
nicht möglich. «Die Null-Prozent-Zölle auf US-Produkte müssen
ausgesetzt werden», erklärte der CSU-Politiker. Die EVP ist die
größte Fraktion im Europäischen Parlament. Da auch andere Fraktionen
das Zollabkommen ablehnen, scheint eine Zustimmung des Parlaments in
kommenden Woche nun ausgeschlossen.
Trump hatte am Samstag wegen des Grönland-Streits angekündigt, ab dem
1. Februar sollten Strafzölle in Höhe von 10 Prozent gelten, ab dem
1. Juni Zölle in Höhe von 25 Prozent - auf alle Waren, die in die USA
gesendet werden - bis ein Abkommen über den Kauf Grönlands erzielt
werde. Aktuell gilt seit Sommer für die meisten EU-Exporte nach
Amerika ein Zollsatz von 15 Prozent.
Widerstand auch in den USA
Auch im US-Kongress in Washington regt sich von den oppositionellen
Demokraten Widerstand gegen Trumps Zollandrohung. Der demokratische
Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, will die angedrohten Zölle
nach eigenen Worten per Gesetz blockieren, «bevor sie der
amerikanischen Wirtschaft und unseren Verbündeten in Europa weiteren
Schaden zufügen», wie er erklärte.
Zu Trumps Zoll-Plänen äußerten sich auch einige Republikaner. Die
beiden Co-Vorsitzenden der parteiübergreifenden Nato-Beobachtergruppe
des Senats, die demokratische Senatorin Jeanne Shaheen und der
republikanische Senator Thom Tillis, erklärten: Eine solche Rhetorik
helfe Gegnern wie Kremlchef Wladimir Putin und Chinas Staats- und
Parteichef Xi Jinping, «die eine Spaltung der Nato sehen wollen».
Auch sie zeigten sich besorgt über steigende Lebenshaltungskosten in
den USA.
