Wirtschaft fordert klare Antwort Europas auf Trumps Zölle
18.01.2026 16:52
US-Präsident Trump droht Europa mit neuen Zöllen im
Grönland-Konflikt. Wirtschaftsverbände fordern eine klare Antwort und
warnen vor spürbaren Folgen für Export und Industrie.
Berlin (dpa) - Nach der Drohung von US-Präsident Donald Trump, im
Grönland-Konflikt mehrere europäische Staaten mit neuen Zöllen zu
bestrafen, fordert die Wirtschaft eine deutliche und geschlossene
Gegenreaktion der EU. Spitzenverbände befürchten weitere Rückschläg
e
für die deutsche Industrie und die Exportwirtschaft, warnen aber auch
vor einer Eskalation. Eine Zustimmung des EU-Parlaments zum
bisherigen Zollabkommen der EU mit den USA mit Entlastungen für
amerikanische Einfuhren nach Europa halten die Verbände nach der
jüngsten Zolldrohung Trumps für ausgeschlossen.
«Europa darf sich nicht erpressen lassen, auch nicht von den
Vereinigten Staaten», sagte der Präsident des Maschinenbauverbandes
VDMA, Bertram Kawlath. Grönland sei ein Teil Europas und müsse es
auch bleiben. «Wenn die EU hier nachgibt, wird es den amerikanischen
Präsidenten nur ermutigen, die nächste aberwitzige Forderung zu
stellen und mit weiteren Zöllen zu drohen.»
Trump hatte zusätzliche Zölle gegen Deutschland sowie Dänemark,
Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und
Finnland angekündigt: auf alle Waren zunächst ab 1. Februar 10
Prozent und ab 1. Juni 25 Prozent - so lange, bis eine Einigung über
den «vollständigen und umfassenden Kauf Grönlands» erzielt sei.
DIHK: Einbruch der Exporte in USA 2025 wäre nur Aufgalopp
Die Europäische Union dürfe sich nicht auseinanderdividieren lassen,
warnte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und
Handelskammer (DIHK), Volker Treier. «Wirtschaftlichem Zwang gegen
einzelne Mitgliedstaaten kann Brüssel nur mit einer klaren und
gemeinsamen Haltung begegnen.»
Die angekündigten Zölle zeigten erneut, wie unberechenbar die
US-Handelspolitik geworden sei. Sie würden laut Treier spürbare
zusätzliche Einschnitte nach sich ziehen: «Der Einbruch der deutschen
Exporte in die USA um fast zehn Prozent im Jahr 2025 wäre damit nur
ein Aufgalopp.»
Der europäische Maschinen- und Anlagenbau ist laut VDMA von den
US-Zöllen bereits überdurchschnittlich stark betroffen, weil eine
Vielzahl von Produkten den Sonderzöllen auf Stahl und Aluminium von
50 Prozent unterliegen. Hinzu kämen hohe Kosten für Bürokratie, die
viele Geschäfte verhinderten. Mehr als jede zweite exportierte
Maschine könnte davon betroffen sein.
Nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) wären die
Kosten durch die zusätzlichen Zölle für die deutsche sowie
europäische Industrie enorm. Auch die Stahlindustrie warnt vor
weitreichenden Folgen. Für Stahl-Exporte, die schon jetzt mit 50
Prozent Zoll belegt werden, steige der Zollsatz damit am 1. Februar
auf 60 und am 1. Juni auf 75 Prozent, sagte Kerstin Maria Rippel,
Chefin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, der «Süddeutschen Zeitung».
Zustimmung zu Zolldeal im EU-Parlament erscheint ausgeschlossen
Die EU und die USA hatten im vergangenen Jahr im Zollkonflikt eine
Verständigung erzielt, der das EU-Parlament noch zustimmen muss.
Demnach soll für die meisten europäischen Produkte ein US-Zoll von 15
Prozent gelten. Zölle auf US-Industriegüter dagegen sollen
abgeschafft werden, und Barrieren für den Import bestimmter
Lebensmittel sollen fallen. Im EU-Parlament erscheint eine Zustimmung
dazu nun aber ausgeschlossen.
VDMA-Präsident Kawlath forderte, Europa müsse der
US-Expansionspolitik selbstbewusst, einig und entschlossen
entgegenstehen. «Die EU-Kommission sollte prüfen, ob das Instrument
gegen handelspolitische Zwangsmaßnahmen (Anti-Coercion-Instrument)
zum Einsatz kommen kann.» Es ermögliche Gegenmaßnahmen, wenn
wirtschaftlicher Druck ausgeübt werde, um politische Entscheidungen
zu erzwingen.
Warnung vor Schnellschüssen
Auch Treier hält eine Zustimmung des Europäischen Parlaments zur
eigentlich vereinbarten Senkung der EU-Zölle auf US-Industriegüter
für unwahrscheinlich: «Es ist angesichts der aktuellen Drohung kaum
vorstellbar, die EU-Zollsätze für viele amerikanische Güter auf Null
zu setzen.» Außerdem müssen alle Instrumente des EU-Handelsschutzes
geprüft werden - inklusive des Anti-Coercion-Instruments: «Dessen
Anwendung sollte jedoch Ultima Ratio bleiben.»
Das Instrument zur Bekämpfung von Zwangsmaßnahmen (ACI) wird auch als
«Handels-Bazooka» bezeichnet, weil es der EU weitreichende und
flexible Möglichkeiten gibt, auf wirtschaftliche Nötigung zu
reagieren. Es ermöglicht, Vergeltungsmaßnahmen gegen Drittländer zu
ergreifen, die wirtschaftlichen Druck auf EU-Staaten ausüben.
Vorrangiges Ziel ist laut EU Abschreckung. Das Instrument sei am
erfolgreichsten, wenn es nicht eingesetzt werden müsse.
Aus Sicht von VDA-Präsidentin Hildegard Müller ist jetzt «eine kluge,
strategische und mit den betroffenen Ländern abgestimmte Reaktion»
aus Brüssel entscheidend: «Schnellschüsse führen zu einer Eskalatio
n
und einer möglichen Spirale, die nur Verlierer produziert.»
«Wenn eine Seite ihr Wort bricht, gilt ein Deal nicht mehr», sagte
Dirk Jandura, Präsident des Außenhandelsverbands BGA, dem
Pro-Newsletter Industrie & Handel des Nachrichtenmagazins Politico.
Politische Forderungen mit Handelshemmnissen durchsetzen zu wollen,
sei nicht akzeptabel: «Besonders nicht, wenn es um die Durchsetzung
von hegemonialen Plänen geht.»
Die «Wirtschaftsweise» Monika Schnitzer sagte der «Süddeutschen
Zeitung» «Europa muss mit der klaren Ansage reagieren, dass es bereit
ist, den wirtschaftlichen Preis einer Zollerhöhung für seine
Souveränität zu zahlen».
Ökonom: Zusatzzoll könnte US-Verbraucherpreise erhöhen
Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding sagte, Trumps Drohung
dämpfe die Hoffnungen, dass er in diesem Jahr weniger Zollchaos
verursachen werde als 2025. 2024 importierten die USA demnach Waren
im Wert von rund 350 Milliarden Dollar aus den acht Ländern, denen
Trump mit neuen Zöllen drohe.
Eine zusätzliche Abgabe von 10 Prozent könnte letztlich zu einem
Anstieg der Verbraucherpreise in den USA um bis zu 0,15 Prozent
führen. Sollte das gesamte Zollabkommen der EU mit den USA nicht
umgesetzt werden, könnte der Schaden für die US-Verbraucher am Ende
fast dreimal so hoch sein. Zusätzliche Zölle und anhaltende
Unsicherheit könnten das Geschäftsklima in der EU dämpfen und das
Wachstum um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte verringern.
