Konflikte/Nato/EU/Diplomatie/Militär/Wirtschaft/USA/Grönland/Dänemark / EU berät über Konter nach Trumps Zoll-Drohung
18.01.2026 19:52
Kommt die «Handels-Bazooka»? Nach den Ankündigungen des
US-Präsidenten im Streit um Grönland berät die EU ihre Reaktion.
Dabei melden sich auch mögliche Vermittler zu Wort.
Berlin/Brüssel/Washington (dpa) - Vertreter der EU-Staaten sind wegen
der von US-Präsident Donald Trump angekündigten Strafzölle im
Grönland-Konflikt am Abend zu einer Krisensitzung zusammengekommen.
Bei dem Treffen auf Botschafterebene in Brüssel dürften die
verschiedenen Möglichkeiten, auf Trumps offenen Erpressungsversuch zu
reagieren, diskutiert worden sein.
Trump will die zu Dänemark gehörende Arktisinsel Grönland den USA
einverleiben und hatte zusätzliche Zölle gegen Deutschland und
weitere sieben europäischen Nato-Partner angekündigt, um seinen Plan
durchzusetzen. Ab dem 1. Februar sollen demnach 10 Prozent für in die
USA gesendete Waren fällig werden, ab dem 1. Juni 25 Prozent.
Nutzt die EU die «Handels-Bazooka»?
Die europäischen Staaten wollen das nicht hinnehmen. Erwogen wird
wohl auch ein EU-Sondergipfel, möglicherweise als Online-Schalte.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Kolleginnen und Kollegen
kündigten am Sonntag jedenfalls eine geeinte und koordinierte
Reaktion an. Im Raum steht etwa, ein EU-Gesetz zur Abwehr
wirtschaftlicher Nötigung zu nutzen.
Frankreich hatte signalisiert, die Aktivierung des sogenannten
Anti-Coercion Instrument (ACI) beantragen zu wollen, wie es aus dem
Umfeld von Präsident Emmanuel Macron hieß. Das Instrument wird auch
als «Handels-Bazooka» bezeichnet, weil es der EU weitreichende und
flexible Möglichkeiten gibt.
Das Gesetz ermöglicht, Vergeltungszölle auf den Import von US-Waren
zu verhängen. Zudem könnten US-Unternehmen von der Vergabe
öffentlicher Aufträge ausgeschlossen werden - oder für bestimmte
Produkte Ein- und Ausfuhrbeschränkungen erlassen werden.
Außenminister Wadephul: «Gift für das transatlantische Verhältnis
»
Zunächst reagierten die Staats- und Regierungschefs der acht
betroffenen Länder mit einer gemeinsamen Erklärung. «Zolldrohungen
untergraben die transatlantischen Beziehungen und bergen das Risiko
einer Eskalation», heißt es in der Stellungnahme von Deutschland,
Dänemark, Finnland, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Schweden
und Großbritannien. Man sei entschlossen, die eigene Souveränität zu
wahren. Merz meldete sich mit ähnlichem Wortlaut auch auf der
Plattform X.
Außenminister Johann Wadephul schloss dafür auch Gegenzölle nicht
aus. Wenn die USA weitere Maßnahmen ergriffen, «dann wird es eine
europäische Antwort geben müssen», sagte der CDU-Politiker im
«Bericht aus Berlin» der ARD. Es werde intensive Gespräche mit
Washington geben. Insgesamt wären Zölle «die falsche Antwort zwischen
Verbündeten» und «Gift für das transatlantische Verhältnis», me
inte
der CDU-Politiker.
Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sagte bei einem Termin in
Rheinland-Pfalz: «Wir dürfen uns nicht erpressen lassen von dem, was
da gerade passiert.» Den Weg, den Trump einschlage, könne man nicht
mitgehen. «Für mich ist wichtig, dass es eine gemeinsame deutliche
Antwort der Europäer gibt. Sie muss klar in den USA gehört werden.»
Nato-Chef spricht mit Trump
Am Abend äußerte sich erstmals nach den Ankündigungen Trumps auch
Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Er habe mit dem US-Präsidenten über
die Sicherheitslage in Grönland und der Arktis geredet, teilte Rutte
auf X mit. «Wir werden weiter daran arbeiten», sagte er und fügte
hinzu, dass er sich auf ein Treffen mit Trump in Davos freue. In
Davos findet das Weltwirtschaftsforum statt, zu dem am Mittwoch auch
Trump erwartet wird.
Trump begründet seine Forderung mit der Sicherheit für die Region und
die US-Bevölkerung, er macht eine Bedrohung durch China und Russland
geltend. Anstoß nahm Trump an der militärischen Erkundungsmission der
acht von der Zoll-Drohung betroffenen Länder auf Grönland. Diese soll
Bedingungen für gemeinsame Übungen vorbereiten und wohl auch ein
Engagement für die von Trump herausgestellte Sicherheit in der Arktis
demonstrieren. Die erst am Freitag gelandeten 15 beteiligten
Bundeswehr-Soldaten reisten nach offiziellen Angaben am Sonntag
wieder ab - das Team habe den Auftrag erfüllt, die Ergebnisse würden
in den nächsten Tagen ausgewertet.
«Für niemanden eine Bedrohung»
In der gemeinsamen Erklärung der acht Staaten hieß es: «Als Alliierte
der Nato sind wir der Stärkung der Sicherheit in der Arktis
verpflichtet. Dies ist ein gemeinsames transatlantisches Interesse.»
Die von Dänemark koordinierte Übung «Arctic Endurance» diene der
Sicherheit in der Arktis. «Die Übung stellt für niemanden eine
Bedrohung dar», erklärten die acht Länder.
Und weiter: «Wir stehen in voller Solidarität an der Seite des
Königreichs Dänemark und der Bevölkerung Grönlands. Aufbauend auf d
em
letzte Woche begonnenen Prozess sind wir bereit, in einen Dialog
einzutreten, auf Grundlage der Prinzipien der Souveränität und
territorialen Integrität. Wir stehen fest zu diesen Prinzipien.»
Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen begrüßte die
Unterstützung und sagte, man suche keinen Konflikt mit den USA. Aber:
«Europa lässt sich nicht erpressen.»
Italien will vermitteln
Unterdessen bot Italien an, zu vermitteln. Außenminister Antonio
Tajani sagte: «Ich glaube, dass Italien aufgrund seiner Natur, seiner
Vermittlungsfähigkeit und seiner Fähigkeit, mit allen zu sprechen,
eine positive Rolle dabei spielen kann, Vereinbarungen zu finden.»
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni stehe dazu «im Dialog mit den
Vereinigten Staaten, aber auch mit den Europäern».
Die rechte Regierungschefin selbst hatte nach den Zoll-Drohungen von
Trump zuvor schon vor einer Eskalation gewarnt. Rom hatte keine
Soldaten zur Erkundungsmission acht anderer europäischer Staaten
unter dänischer Führung auf Grönland entsendet. Meloni gilt im Kreis
der europäischen Regierungschefs als eine derjenigen, die guten
Zugang zu Trump haben.
Errungener Zoll-Deal wohl zunächst auf Eis gelegt
Ebenfalls diese Woche steht im Europaparlament eine Abstimmung über
den schon vor Monaten zwischen der EU und USA ausgehandelten Zolldeal
an, der für die USA sehr günstige Bedingungen brächte. Demnach soll
der US-Zoll von 15 Prozent für die meisten europäischen Produkte
gelten. Zölle auf US-Industriegüter dagegen sollen vollständig
abgeschafft werden und Barrieren für den Import von bestimmten
Lebensmitteln sollen fallen.
Dafür ist nun keine Mehrheit mehr in Sicht, da die größten Fraktionen
im EU-Parlament bereits deutlich machten, dem Deal nach Trumps
Drohungen nicht mehr zustimmen zu wollen - womöglich ein Hebel für
die Europäer in dem Konflikt.
Widerstand auch in den USA
Die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge forderte, mit der
Androhung von Gegenzöllen zu antworten. Die Linken-Außenpolitikerin
Lea Reisner sagte: «Auch Friedrich Merz sollte doch endlich erkennen,
dass die USA kein Verbündeter mehr sind.»
Auch im US-Kongress in Washington regt sich von den oppositionellen
Demokraten Widerstand gegen Trumps Zollandrohung. Der demokratische
Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, will die angedrohten Zölle
nach eigenen Worten per Gesetz blockieren, «bevor sie der
amerikanischen Wirtschaft und unseren Verbündeten in Europa weiteren
Schaden zufügen», wie er erklärte.
