Kampfansage oder Schattenboxen - Wie reagiert EU auf Trump? Von Theresa Münch, Michael Evers und Ansgar Haase, dpa

20.01.2026 16:49

Seit einem Jahr hält Donald Trump die Welt als Präsident in Atem. Im
schweizerischen Davos haben die Europäer nun die Chance, ihm
zuvorzukommen - aber nutzen sie sie?

Davos (dpa) - Wenn das eine Kampfansage sein sollte, dann war es eine
sehr verhaltene: «Verschwenden wir keine Zeit mit verrückten Ideen»,

ruft Frankreichs Präsident Emmanuel Macron von der Bühne des
Weltwirtschaftsforums. «Es ist nicht die Zeit für neuen Imperialismus
oder neuen Kolonialismus.» Wen er damit meint, ist klar - auch wenn
der Franzose Donald Trump nicht ein einziges Mal beim Namen nennt. 

Heute ist der US-Präsident genau ein Jahr im Amt, morgen will er in
Davos sprechen - eine Rede, auf die die ganze Welt blickt: Trump
spricht dieser Tage offen über eine Annexion Grönlands, droht
Verbündeten mit Zöllen und will einen umstrittenen «Friedensrat»
verwirklichen. 

Das Weltwirtschaftsforum wird zum Krisengipfel - und aus Sicht der
Europäer hätte man das Treffen in den Schweizer Bergen kaum besser
choreographieren können. Heute hatten die von Trump in die Enge
getriebenen Europäer die Chance, vorzulegen. Erst
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, dann Macron selbst. Er war
zuletzt als schärfster Kritiker des US-Präsidenten aufgetreten. Auf
Trump antworten kann dann einen Tag später Bundeskanzler Friedrich
Merz. Die Europäer könnten - Einigkeit vorausgesetzt - Trump quasi in
die Zange nehmen.

Macron: Europa bevorzugt Rechtsstaatlichkeit statt Brutalität

Dafür legten Macron und von der Leyen vergleichsweise zahm vor -
anders als der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil, der Trump direkt
Erpressung vorgeworfen hatte. Von der Leyen verurteilte Trumps
Vorgehen zwar, blieb im Ton aber eher mild. Macron sprach für Europa:
«Wir bevorzugen Respekt statt Tyrannen, wir ziehen Wissenschaft
Verschwörungstheorien vor, und wir bevorzugen Rechtsstaatlichkeit
statt Brutalität.» Doch sagte er nicht klar, ob er sich damit auf
Trump bezog.

Den USA allgemein warf Macron vor, Europa schwächen zu wollen und
sprach von einer «Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten durch
Handelsabkommen, die unsere Exportinteressen untergraben, maximale
Zugeständnisse verlangen und offen darauf abzielen, Europa zu
schwächen und zu unterwerfen, verbunden mit einer endlosen Anhäufung
neuer Zölle, die grundsätzlich inakzeptabel sind, umso mehr, wenn sie
als Druckmittel gegen die territoriale Souveränität eingesetzt
werden».

Die von Trump angekündigten Zusatzzölle gegen europäische Allliierte

seien ein Fehler, sagte auch von der Leyen. Die Spannungen würden nur
genau denjenigen Gegnern helfen, die man möglichst von den
strategischen Interessengebieten fernhalten wolle. Die EU werde
deswegen entschlossen, aber mit Augenmaß reagieren.

Kommt die europäische «Bazooka»?

Zölle zwischen Verbündeten ergäben einfach keinen Sinn, betonte
Macron mit Blick auf Trumps Drohungen im Grönland-Konflikt. Er pochte
erneut darauf, das EU-Gesetz zur Abwehr wirtschaftlicher Nötigung -
die sogenannte Handels-Bazooka - als «mächtiges Instrument» zu
nutzen. Damit lägen Gegenzölle sowie Ein- und Ausfuhrbeschränkungen
für Waren und Dienstleistungen auf dem Tisch. «Europa verfügt heute
über sehr wirksame Instrumente, und wir müssen sie einsetzen, wenn
wir nicht respektiert werden und wenn übrigens das gesamte Spiel
nicht respektiert wird», warb Macron. 

Europa möge zwar manchmal langsam und reformbedürftig sein, betonte
der französische Präsident dann noch, aber es sei loyal. Hier könne
man sich darauf verlassen, dass nach den Regeln zu spielen, bedeute
den Rechtsstaat einzuhalten. 

Von der Leyen sagte mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen:
«Geopolitische Schocks können - und müssen - eine Chance für Europa

sein. Meiner Ansicht nach ist das Erdbeben, das wir gerade erleben,
eine Chance, ja, in der Tat eine Notwendigkeit, eine neue Form der
europäischen Unabhängigkeit aufzubauen.» 

Erweitertes G7-Treffen mit Russland und Dänemark?

Noch vor Macrons Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum hatte eine von
Trump öffentlich gemachte private Textnachricht von Macron an den
US-Präsidenten am Morgen für Wirbel gesorgt. Der Franzose schlug
Trump darin ein Treffen der G7-Staaten mit Russland und Dänemark an
diesem Donnerstag in Paris vor - Frankreich hat in diesem Jahr den
G7-Vorsitz. Der Élysée-Palast bestätigte der Deutschen Presse-Agentur

die Echtheit der Nachrichten, von denen der US-Präsident auf der
Plattform Truth Social Bilder teilte.

Stundenlang blieb unklar, was aus dem Vorschlag wurde. Aus Kreisen
des Weißen Hauses hieß es später, Trump habe zurzeit keine Pläne,
nach Paris zu reisen.