Warum Europa Trump nicht einfach den Stinkefinger zeigt Von Ansgar Haase und Christoph Dernbach, dpa
22.01.2026 16:03
Donald Trumps Umgang mit den Nato- und EU-Partnern sorgt für blankes
Entsetzen. Nun scheint der US-Präsident im Grönland-Konflikt auch
noch erste Erfolge zu verbuchen. Sind die Europäer machtlos?
Brüssel (dpa) - Drohen, erpressen und einschüchtern - bis die
Europäer unter dem Druck einknicken und Zugeständnisse machen: Das
ist die Strategie von Donald Trump, seit er vor einem Jahr wieder als
Präsident ins Weiße Haus eingezogen ist. Nachdem der Republikaner
Deutschland und den anderen Alliierten im Streit über Zölle und
Verteidigungsausgaben teure Zugeständnisse abgetrotzt hat, kommt er
nun offensichtlich auch beim Thema Grönland seinen Zielen näher.
Zumindest berichtete er nach einem Gespräch mit Nato-Generalsekretär
Mark Rutte in Davos von einer möglichen «großartigen Lösung» und
nahm
die Strafzolldrohungen gegen europäische Alliierte erst einmal wieder
zurück.
Für Bundeskanzler Friedrich Merz & Co. stellt sich unterdessen die
Frage, wie sie am besten mit den dramatischen Entwicklungen in den
transatlantischen Beziehungen umgehen. Können die Europäer Trump
überhaupt etwas entgegensetzen? Sich wirklich unabhängig machen von
der stärksten Militärmacht der Welt? Auf Grundlage der Gespräche bei
dem EU-Sondergipfel an diesem Donnerstag könnten in den kommenden
Wochen und Monaten erste Entscheidungen getroffen werden. Dass diese
weitreichend sein werden, darf allerdings bezweifelt werden. Fünf
Gründe, die pessimistisch stimmen:
Die Angst vor dem Nato-Austritt
Als Horrorszenario in Europa gilt, dass Trump im Streit um Grönland
oder wegen eines anderen Themas einen Austritt der Vereinigten
Staaten aus der Nato ankündigt - und sich Russland dadurch eingeladen
fühlt, seinen Eroberungsfeldzug beispielsweise auf die EU-Staaten im
Baltikum auszudehnen. Die europäischen Verbündeten Großbritannien und
Frankreich sind zwar auch Atommächte, ihr Sprengkopf-Arsenal ist
allerdings sehr begrenzt und wird nicht als ausreichend angesehen, um
für ganz Europa wirksame Abschreckung zu bieten.
Die Angst vor einem Verlust der Ukraine
Kann die Ukraine dem russischen Angriffskrieg weiter standhalten,
wenn die USA ihre Unterstützung vollständig einstellen? Zahlreiche
EU-Spitzenpolitiker beantworten diese Frage zumindest hinter
verschlossenen Türen mit einem klaren Nein. Grund dafür ist zum
Beispiel, dass amerikanische Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot auf
absehbare Zeit als unverzichtbar gelten, um den ukrainischen Luftraum
gegen russische Drohnen und Raketenangriffe zu verteidigen. Ähnliches
gilt für US-Geheimdienstinformationen und weitreichende
Raketenwerfer.
Die Angst vor einem Handelskrieg
Trump hat in den vergangenen Monaten immer wieder den Eindruck
erweckt, er würde ohne Weiteres auch einen Handelskrieg mit den
Europäern in Kauf nehmen, um seine Interessen durchzudrücken -
zuletzt als er am vergangenen Wochenende im Grönland-Konflikt
Strafzölle auf Waren aus Dänemark und alliierten Ländern wie
Deutschland ankündigte. Diese Zölle scheinen seit Mittwochabend zwar
vorerst wieder vom Tisch zu sein, die Furcht vor einem mit
wirtschaftlichen Druckmitteln ausgetragenen Konflikt bleibt aber
weiter groß.
Als besonders verwundbar in einem Handelskrieg gilt die stark
exportorientierte deutsche Wirtschaft. Nach einer Analyse der
Bundesbank ist fast jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande vom Export
abhängig. Zuletzt warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie
(BDI), neue US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland
«erheblich drücken».
Die Angst vor Digital-Sanktionen
Europa hat sich in den vergangenen 30 Jahren zu einer Art «digitalen
Kolonie» der USA entwickelt. Die Abhängigkeit ist strukturell, denn
sie betrifft das gesamte Fundament der digitalen Wirtschaft, also
Infrastruktur, Betriebssysteme und das Hardware-Design. Besonders
auffällig ist die Abhängigkeit bei Cloud-Diensten: Der europäische
Markt wird fast vollständig von den drei US-«Hyperscalern» dominiert:
Amazon AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Europäische Anbieter
wie die Schwarz-Gruppe (Kaufland/Lidl), OVHcloud oder T-Systems
spielen global kaum eine Rolle.
Fallen die US-Plattformen aus oder entscheidet die US-Regierung, den
Zugriff zu sperren, steht ein Großteil der europäischen
Digitalwirtschaft still. Digital-Sanktionen der Trump-Regierung gegen
Europa würden allerdings auch der US-Wirtschaft massiv schaden.
Schließlich werden auf dem alten Kontinent große Teile der
Lizenzerlöse für Microsoft und Co. erwirtschaftet.
Bislang gibt es in Europa nur zaghafte Versuche, sich aus der
digitalen Abhängigkeit von den USA zu lösen. Als Vorreiter wird öfter
Schleswig-Holstein genannt. Das nördlichste Bundesland gilt als
Pionier dabei, echte IT-Unabhängigkeit von den USA zu erreichen - weg
von Microsoft, AWS oder Google, hin zu Open-Source-Software und
lokalen Anbietern.
Die Angst vor Populisten
Würden es die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und den anderen
EU-Staaten gutheißen, wenn die EU auf Konfrontationskurs zu den USA
ginge? Vor allem dann, wenn dieser Kurs erst einmal Unsicherheit,
wirtschaftliche Zumutungen und vielleicht sogar noch Schlimmeres zur
Folge haben könnte? Auch diese Frage beschäftigt Politiker in den
Debatten um die richtige Reaktion auf Trumps Politik.
Befürchtet wird, dass sich Wählerinnen und Wähler beim nächsten
Urnengang Parteien zuwenden könnten, die Trumps nationalistische
Politik gutheißen und als Vorbild betrachten. Bislang gibt es im
Kreis der Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten abgesehen vom
ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban aber kaum jemanden, der
als eingefleischter Trump-Fan gilt.
