Europäer suchen neue Antworten auf Trump
22.01.2026 20:07
Wie findet sich Europa in der «neuen Welt der großen Mächte» zurech
t?
Der größte Zoff zwischen USA und EU scheint zwar abgewendet. Trotzdem
gibt es bei einem Gipfel in Brüssel viel zu klären.
Brüssel (dpa) - Die EU bereitet sich nach der vorübergehenden
Eskalation im Grönland-Konflikt auf eine noch stärkere Abnabelung von
den USA unter Präsident Donald Trump vor. Bei einem Sondergipfel in
Brüssel gab es zwar Erleichterung darüber, dass Trump seine
Strafzolldrohungen gegen Deutschland und andere europäische Alliierte
vorerst wieder zurückgenommen hat. Spitzenpolitiker machten aber
klar, dass es ein «Weiter so» angesichts der Lage nicht geben sollte.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, die Europäer müssten nun
Konsequenzen ziehen und ihre Verteidigungsfähigkeit und
wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken. «Die Europäische Unio
n,
der europäische Teil der Nato, muss in der Lage sein, sich selbst zu
verteidigen», sagte er. Bereits zuvor hatte Merz beim
Weltwirtschaftsforum in Davos von einem neuen Zeitalter gesprochen.
«Die neue Welt der großen Mächte ist auf Macht, Stärke und - wenn
nötig - auch Gewalt («force») gegründet. Sie ist kein kuscheliger
Ort», sagte er in seiner Rede.
Plädoyer für Nato
Zugleich sprachen sich Merz und mehrere Staats- und Regierungschefs
beim EU-Sondergipfel weiter für eine enge Zusammenarbeit und dabei
vor allem für den Erhalt der Nato aus. Der polnische
Ministerpräsident Donald Tusk sagte, man müsse alles dafür tun, die
Beziehungen und die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten zu
schützen - auch wenn es derzeit eine Krise gebe. Für Polen seien die
Vereinigten Staaten weiter absolut der wichtigste Partner, wenn es um
Sicherheit gehe.
Auch Merz betonte, dass die Nato als «erfolgreichstes politisches
Bündnis, das es jemals zwischen Europa und Amerika gegeben hat»,
erhalten werden müsse. «Ich habe auch den Eindruck, dass viele
Amerikaner das mit uns so sehen», sagte er. «Dieses transatlantische
Bündnis gibt man nicht einfach mal so auf.»
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte: «Auf europäischer Seite
sind wir nicht bereit, 80 Jahre guter Beziehungen zu zerstören, und
wir sind bereit, dafür zu arbeiten.» Das Signal an die USA müsse
Stärke sein.
Trump hatte Strafzölle angekündigt
Der Sondergipfel war am Wochenende einberufen worden, nachdem Trump
Strafzölle auf Waren aus Dänemark und alliierten Ländern wie
Deutschland angekündigt hatte, weil diese seine offensiv
vorgetragenen Besitzansprüche auf Grönland nicht akzeptieren wollen.
Ursprünglich sollte es bei dem Gipfel vor allem um die Frage gehen,
wie die EU auf Erpressungsversuche reagieren kann. Am Mittwochabend
entschärfte Trump den Konflikt dann überraschend und nahm seine
Strafzollankündigung zurück.
Zur Begründung verwies er darauf, dass während eines Treffens mit
Nato-Generalsekretär Mark Rutte ein Rahmen für eine zukünftige
Vereinbarung über Grönland und die gesamte Arktisregion entstanden
sei. Viele Details blieben zunächst unklar - Angaben aus Nato-Kreisen
zufolge sollen die USA allerdings ihre Militärpräsenz auf Grönland
ausweiten dürfen und möglicherweise auch ein Mitentscheidungsrecht
über bestimmte Investitionen auf der Arktisinsel bekommen.
Merz und Macron führen Trump-Wende auf europäisches Auftreten zurück
Nachdem kurze Zeit unklar gewesen war, ob der Sondergipfel trotz
dieser neuen Entwicklungen stattfinden soll, entschied
EU-Ratspräsident António Costa an dem Spitzentreffen festzuhalten und
grundsätzlich über die jüngsten Entwicklungen in den
transatlantischen Beziehungen und deren Auswirkungen auf die EU
sprechen.
Unter anderem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Merz
zeigten sich bei dem Gipfel überzeugt, dass das Auftreten der
Europäer in den vergangenen Tagen maßgeblich für die Entwicklungen
verantwortlich war. «Wenn Europa geeint reagiert und die Instrumente
nutzt, die ihm zur Verfügung stehen, dann kann es sich, wenn es
bedroht wird, Respekt verschaffen», sagte Macron. Das ist es, was
diese Woche geschehen sei.
Macron spielte damit darauf an, dass vor allem die EU klargemacht
hatte, dass sie die Erpressungsversuche mit den Zusatzzöllen nicht
hinnehmen will. Hätte Trump seine Ankündigungen wie geplant zum 1.
Februar umgesetzt, wären so möglicherweise bereits ab dem 7. Februar
Sonderzölle auf US-Warenexporte im Wert von 93 Milliarden Euro
erhoben worden.
Zudem war die Nutzung eines neuen EU-Instruments gegen
wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen im Gespräch. Letzteres könnte es auch
ermöglichen, US-Unternehmen von der Vergabe öffentlicher Aufträge
auszuschließen oder Digitalformen wie Apple, Microsoft, Google, Meta
mit Zusatzabgaben zu belegen.
Dänemark bedankt sich
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bedankte sich für
den Rückhalt der europäischen Partner im Grönland-Konflikt mit den
USA. Die Unterstützung sei in der sehr schwierigen Situation, in die
das Land gebracht worden sei, von enormer Bedeutung gewesen. Wenn
Europa zusammen und für sich selbst einstehe, würden sich Ergebnisse
zeigen. «Ich glaube, wir haben in den letzten Tagen und Wochen etwas
gelernt», so Frederiksen.
