EU und Indien einigen sich auf Handelsdeal Von Ansgar Haase und Dirk Godder, dpa

27.01.2026 08:04

Nach Brasilien & Co jetzt Indien: Die EU hat die Verhandlungen für
ein weiteres großes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Wird es nun
wieder Proteste geben?

Neu-Delhi (dpa) - Die EU und Indien haben die Verhandlungen über den
Aufbau einer riesigen neuen Freihandelszone abgeschlossen. Das
teilten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens
Premierminister Narendra Modi in Neu-Delhi mit.

Durch den Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll der Austausch
von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Indien angekurbelt
werden. Ziel ist es, Wachstum und Arbeitsplätze zu fördern und
zugleich unerwünschte Abhängigkeiten von anderen Staaten zu
reduzieren. Vor dem Hintergrund der aggressiven Zoll- und
Handelspolitik der USA und dem zunehmenden Machtstreben Chinas gilt
das Abkommen zudem auch als geopolitisch bedeutsamer Schritt. 

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sagte: «Die EU und Indien
schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen
den größten Demokratien der Welt.» Man schaffe eine Freihandelszone
mit zwei Milliarden Menschen, von der beide Seiten wirtschaftlich
profitieren würden. Zudem sende man das Signal in die Welt, dass
regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin hervorragende Ergebnisse
liefere.

Markt mit fast zwei Milliarden Menschen

Das Abkommen wird zwar nicht so umfassend sein wie jenes, das die
Europäische Union zuletzt mit den Mercosur-Staaten Brasilien,
Argentinien, Uruguay und Paraguay geschlossen hat. Angesichts der
Größe des indischen Marktes ist es dennoch eines der größten, die
bislang vereinbart wurden.

Indien ist noch vor China mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern das
bevölkerungsreichste Land der Welt. In der EU leben rund 450
Millionen Menschen. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein
Viertel des weltweiten BIP und der Weltbevölkerung.

Autobauer können auf Zollabbau hoffen

Angaben der EU zufolge könnte von dem Abkommen insbesondere die
deutsche Autoindustrie profitieren, da Indien den Import von
Fahrzeugen aus der EU bislang mit Zöllen von bis zu 110 Prozent
belastet. Diese sollen nun zumindest für 250.000 Fahrzeuge pro Jahr
schrittweise auf 10 Prozent gesenkt werden, während sie für Autoteile
nach fünf bis zehn Jahren vollständig abgeschafft werden. Auch Zölle

von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und
11 Prozent auf Pharmazeutika würden weitgehend beseitigt, heißt es.

Ähnliche Proteste wie beim Mercosur-Abkommen sind nicht zu erwarten,
da das Abkommen für hiesige Landwirte sensible Bereiche nicht
einbeziehen soll. «Empfindliche europäische Agrarsektoren werden
vollständig geschützt, da Produkte wie Rindfleisch, Geflügelfleisch,

Reis und Zucker von der Liberalisierung im Rahmen des Abkommens
ausgenommen sind», teilte die EU-Kommission mit. Alle indischen
Einfuhren müssten zudem weiterhin die strengen Gesundheits- und
Lebensmittelsicherheitsvorschriften der EU einhalten.

Zugleich betont die EU, dass sich für europäische Landwirte neue
Chancen in Indien eröffnen. Demnach werden etwa indische Zölle auf
Wein bei Inkrafttreten des Abkommens auf 75 Prozent gesenkt und
später dann auf bis zu 20 Prozent reduziert. Die Zölle auf
verarbeitete Agrarprodukte wie Brot und Süßwaren von bis zu 50
Prozent sollen ganz abgeschafft werden.

EU sieht enormes Potenzial

Zum Potenzial der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Indien
teilte die EU mit, es werde erwartet, dass das Abkommen bis 2032 zu
einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen werde, indem
Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien
abgeschafft oder gesenkt würden. Insgesamt würden die Zollsenkungen
Einsparungen von rund vier Milliarden Euro pro Jahr an Abgaben auf
europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute
mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien vertreten.

Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang
nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus - im Vergleich
zu knapp 15 Prozent bei China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf
indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den
letzten zehn Jahren bereits um fast 90 Prozent gewachsen. 

Signal an Trump

Als äußerst relevant wird das Abkommen zudem auch angesehen, weil die
Handelsbeziehungen zu den USA wegen der Zollpolitik von US-Präsident
Donald Trump zuletzt unberechenbar geworden sind. Von der Leyen sagte
bereits in der vergangenen Woche: «Wir entscheiden uns für fairen
Handel statt für Zölle. Für Partnerschaft statt Isolation.» Die EU

wolle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung und meine es ernst mit der
Risikominderung und der Diversifizierung von Lieferketten.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt Mitte Januar stark
für den Abschluss der Verhandlungen geworben. Mehr als 2000 deutsche
Unternehmen seien heute schon in Indien aktiv, und immer mehr
indische Unternehmen investierten auch in Deutschland, sagte er bei
einem Treffen mit Modi. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von fast
50 Milliarden US-Dollar in Waren und Dienstleistungen, einem
Rekordhoch, sei Deutschland Indiens wichtigster Partner in der
Europäischen Union.

Unterzeichnung des Deals

Bis das Abkommen unterzeichnet werden kann, dürfte es noch einige
Zeit dauern. Grund ist, dass der Vertragstext noch rechtlich
überprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden muss.
Anschließend muss er zudem noch von den Mitgliedstaaten und dem
Europäischen Parlament gebilligt werden.

Mit der fünftgrößten Volkswirtschaft gab es schon von 2007 bis 2013
Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen. Damals scheiterten die
Gespräche jedoch und wurden erst 2022 wieder aufgenommen. Das
Interesse an einer Einigung erhöhte sich zuletzt auf beiden Seiten
angesichts des Verhaltens Trumps.

Auf indische Produkte erheben die USA inzwischen Zölle in Höhe von 50
Prozent, einschließlich der 25 Prozent wegen Handelsgeschäften ihres
Partners mit Russland. Indien, das gute Beziehungen zu Moskau wie zum
Westen pflegt, bezieht einen Großteil seines Öls und Gases aus
Russland, das wiederum die Einnahmen in den Angriffskrieg gegen die
Ukraine steckt.